Forschung

Mysteriöses Gräberfeld in Königsberg gibt Rätsel auf

Muss die Geschichte Königsbergs neu geschrieben werden? Ein Gräberfeld unter der Marienkirche sorgt für Spekulationen.
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Das Alter der freigelegten Knochenstücke soll jetzt mit der Radiokarbonmethode genau bestimmt werden. Foto: Gerold Snater
Das Alter der freigelegten Knochenstücke soll jetzt mit der Radiokarbonmethode genau bestimmt werden. Foto: Gerold Snater
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Königsberg ist eine an Geschichte reiche Stadt. Aber es gibt Lücken in der Entstehungsgeschichte, die bis heute nicht geklärt sind. Dazu zählt das Geheimnis, welches ein großes unterirdisches Gräberfeld im Kirchenumfeld der Marienkirche in sich birgt. Handelt es sich bei den Toten um geopferte Germanenkrieger aus der Zeit um Christi Geburt? Oder stammen die Gebeine von christianisierten Franken aus dem siebten Jahrhundert? Das Alter dieser Gebeine soll jetzt durch eine Radiocarbondatierung genau bestimmt werden.

Bei der letzten großen Sanierung der Marienkirche von 1898 bis 1904 entdeckte der mit der Sanierung beauftragte Architekt Leopold Oelenheinz dort ein großes Gräberfeld. Oelenheinz fand Skelette sowohl im Inneren der Kirche als auch ringsum. Die Toten lagen in drei Schichten übereinander, in der gleichen Ausrichtung und Körperhaltung. Dabei waren die Leichen so geschichtet, dass jeweils der Kopf in Höhe des Beckens der darunter liegenden Toten ruhte.


Wohl 1500 Skelette

Oelenheinz schätzte, dass auf der von ihm untersuchten Fläche von 30 mal 25 Metern die Überreste von mindestens 700, wahrscheinlich aber 1500 Toten liegen. Nennenswerte Grabbeigaben wurden damals nicht gefunden, nur einige Artefakte wie Pfeilspitzen im Umfeld.

Bei dieser Sanierung, bei der auch die Fundamente des Gotteshauses freigelegt wurden, ließ Oelenheinz das Massengrab soweit wie möglich unangetastet. Die freigelegten Skelette wurden wieder mit Erde bedeckt.

Rund 80 Jahre später, im Jahr 1982, stieß man bei Grabungen, als für die Kirche eine Ableitung für den Blitzableiter eingebaut wurde, auf die von Oelenheinz gefundenen Skelette und sicherte einige Knochenstücke. Diese werden seitdem in der Marienkirche aufbewahrt. Bei dieser Grabung wurde auch eine alte Schildmauer entdeckt, die den Chor der Kirche berührt und sich unter dem Pflaster vom Markt und der oberen Marienstraße von Norden nach Süden zieht.

Neben der Tatsache, dass Oelenheinz am Turm des Gotteshauses drei und am Kirchenschiff zwei romanische Bauperioden feststellte, gilt das als Beweis dafür, dass es sich bei den Vorgängerbauten der Marienkirche um einen Wehrbau und nicht um eine Kirche handelte.


Heiliger Ort der Germanen ...

Rätselhaft am Gräberfeld ist, dass es selbst von den ältesten Fundamenten im Turm durchschnitten wird. Es muss also noch älter sein. Oelenheinz kam daher zu der Annahme, dass die Leichen zu einem Massengrab aus der Zeit um Christi Geburt gehören.

Unterstützt wird seine These vom römischen Schriftsteller Tacitus, der in seinen Annalen von einer mehrtägigen Schlacht zwischen den Germanenstämmen der Chatten und Hermunduren um die begehrten Salzquellen bei Kissingen im Jahr 58 nach Christi Geburt berichtet. Die gefangenen Krieger der unterlegenen Chatten wurden von den Siegern rituell als Opfer für die Götter getötet. Oelenheinz vermutete nun den Ort für diese Massenhinrichtung in Königsberg, was demnach eine Thingstätte und ein heiliger Ort der Germanen gewesen sein müsste.


... oder Massengrab der Franken?

Eine andere Theorie vertrat der ehemalige Bürgermeister der Stadt Königsberg, Rudolf Mett. Er tendierte zu der Version, wonach das Massengrab aus der Zeit der Sorbeneinfälle in das fränkisch-thüringische Herzogtum der Hertaner um das Jahr 633 stammt. Die bereits christlichen Thüringer und Franken hatten damals den Einfall der westslawischen Sorben vom Maintal her abgewehrt und ihre Gefallenen in einem Massengrab bestattet, was auch die Ostung der Gebeine erklärt. Die ist nur bei Christen üblich.

Wie dem auch sei. Das Gräberfeld weist auf eine außerordentliche, frühgeschichtliche Begebenheit hin. Zumindest das Alter der Gebeine könnte durch eine Radiocarbondatierung (C-14) genau eingegrenzt werden. Diese Untersuchung soll nun am Leibniz Institut in Kiel erfolgen. Vielleicht muss durch die Ergebnisse der Untersuchung die Frühgeschichte der Stadt neu geschrieben werden und Königsberg war einmal eine Thingstätte der Germanen. Ein Ergebnis, das einer archäologischen Sensation gleich käme.


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