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LKR Haßberge
Pfingstfest

Leidenschaft und Lehren von oben

Die Verkündigung steht im Mittelpunkt des Festes. Früher sprachen die Geistlichen immer von der Kanzel aus. Heute ist oft nur noch ein Schaustück.
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Der heilige Michael, Schutzpatron der Pfarrkirche, hat den Satan - teils Mensch, teils Reptil - besiegt.
Der heilige Michael, Schutzpatron der Pfarrkirche, hat den Satan - teils Mensch, teils Reptil - besiegt.
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Der Zeiler Chronist Ludwig Leisentritt richtet den Blick auf ein Element in den Kirchen, das heute nur noch selten aktiv in Erscheinung tritt: Von der Kanzel herunter predigen Geistliche nur noch selten. Mit gutem Grund: Man will nicht von oben herab sprechen, sondern sich unter den Menschen befinden.

In flammenden Zungen die Zuhörer zu beseelen, das ist ein einprägsames Bild in der Pfingstzeit. In den 1950er Jahren gab es den Jesuitenpater Leppich, der als Volks- und Straßenprediger von sich reden machte. Das "Maschinengewehr Gottes" verzichtete auf die Kanzel und sprach die Menschen alles andere als pastoral von einem Autodach aus an. Obwohl er gegenüber seinem Publikum wütete und tobte und es manchmal sogar beleidigte, verehrten ihn die Massen.

In Haßfurt zog er 1955 nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Sportplatz an der Flutbrücke mehr als 6000 Leute in seinen Bann. So schrie er in die Nacht: "Manchmal ekelt mich diese verfettete Bundesrepublik an. Wir leben von Schweinskotelett und Kinokarte und merken gar nicht, dass die Welt glüht. Viele Menschen haben heute keine Seelenkultur mehr, sondern eine Auto- oder Motorradkultur. Die kleinste Kuhmagd macht sich bereits Gedanken über H- und A-Linie, und jeder Bursche, der etwas gelten möchte, braucht eine Maschine, um mit einer ,Nylon-Hexe‘ hinten drauf von Kirchweih zu Kirchweih zu rasen."


Wesentliches Element der Predigt

Früher war eine Kanzel ein wichtiges Element. Die in der Zeiler Pfarrkirche wurde gar mangels Geld mit Wein bezahlt, wie Ludwig Leisentritt berichtet: Laut Ratsprotokoll kauften die Zeiler 1717 von den Jesuiten in Bamberg die kostbare Kanzel aus der Jesuitenkirche (heutige Martinskirche). Wegen des Kirchenbaus hatte sich die Pfarrei in Geldnöte befunden. Sie vertröstete die Bamberger immer wieder. Die Jesuiten zeigten sich schließlich großzügig gegenüber des weltlich zu Bamberg gehörigen Amtsstädtchens Zeil und halbierten den Preis von ursprünglich 100 Gulden. Mit einem größeren Quantum Wein und etwas Geld stotterte Zeil die Schuld ab.
Bemerkenswert ist der Erzengel: Er krönt die Spitze des Schalldeckels und ähnelt antiken Hermesstatuen. Ilse Heimrich stellte 1970 in ihrer Forschungsarbeit über die Pfarrkirche eine Verwandtschaft zwischen dem christlichen Cherub und dem heidnischen Götterboten fest. Beide sind Vermittler zwischen Gott und den Menschen und Geleiter der Seelen ins Jenseits. Als Attribut trägt der heilige Michael eine Seelenwaage in der linken Hand, während die rechte als Zeichen des Sieges über den Satan triumphierend das Flammenschwert empor hält. Unter den Füßen des Erzengels windet sich - leider nicht gut sichtbar - der geschlagene Luzifer, halb als Mensch, halb als Reptil.

In den von gedrehten Säulen getragenen Nischen stehen die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Sie werden dem Bamberger Bildhauer Sebastian Degler zugeschrieben. Leider wurde die Matthäus-Figur um 1970 gestohlen. Sie ist später durch eine Kopie ersetzt worden.


Zweites Vatikanisches Konzil

Was veränderte die Bedeutung der Kanzeln in den Kirchen? Die Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965). Das Wort Gottes sollte nicht mehr von oben herab, sondern den Gläubigen auf gleicher Ebene verkündet werden.


Ein Ort für Statements

Nach der Säkularisation befahl die Landesregierung, auch "landesherrliche" Verordnungen von der Kanzel abzulesen. Die Pfarrer waren verpflichtet, die genaue Umsetzung und Befolgung zu "befördern".

1871 führte Reichskanzler Bismarck den "Kanzelparagraph" ins Strafgesetzbuch ein: Staat und Kirche sind zu trennen. Ein Geistlicher, der "die Angelegenheiten des Staates in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise zum Gegenstande einer Verkündigung oder Erörterung macht", konnte mit Gefängnis oder Festungshaft bis zu zwei Jahren bestraft werden. 1873 musste das Haßfurter Bezirksamt auf Anordnung der Königlichen Regierung in Würzburg 73 Geistliche überprüfen. Die weltliche Obrigkeit wollte wissen, wer feindliche Stimmung gegen die Regierung verbreitet. Über den Zeiler Pfarrer Michael Ebert heißt es: "Teilt die ultramontane Richtung und hat früher in seinen Predigten stark in diesem Sinne agiert. In neuerer Zeit ist derselbe vorsichtiger geworden."
Manchmal waren es sehr profane Dinge, die die Prediger verkündeten. 1904, als das Gotteshaus erstmals Teppiche erhielt, sagte Pfarrer Link. "Ich bitte die Pfarrkinder durch Abstreifen der Füße vor der Kirche und durch Unterlassung des Ausspuckens, das sich mit der Würde des Gotteshauses ja überhaupt nicht verträgt, zur Erhaltung der Reinheit und Schönheit der Teppiche beitragen zu wollen."
Die Seelsorger versuchten früher mehr als heute, Einfluss auf das gesellschaftliche Leben zu nehmen. So legte sich 1922 Dechant Dümler mit dem Turnverein an, weil einige TV-Veranstaltungen zeitlich mit dem Gottesdienst kollidierten. 1927 wetterte er gegen Tanzmusik an Samstagen. Wer geht dann noch in den Sonntagsgottesdienst?
Vor Fasenachten und Kirchweihen warnte er "mit seelsorgerischem Ernst und Nachdruck" die Jugend vor den sittlichen Gefahren und den bitteren Folgen des Leichtsinns. Die Eltern erinnerte er: "Kein Mädchen aus anständiger Familie, das etwas auf seine Ehre hält, darf den Tanzboden ohne Begleitung und ständiger Aufsicht des Vaters oder der Mutter besuchen. Die Reue kommt hinterher!" 1909 ließ der Würzburger Bischof auf der Zeiler Kanzel verkünden: "Die christliche Sitte und Schamhaftigkeit verbietet es ehrbaren Frauenspersonen von selbst, an Maskeraten usw. teilzunehmen."


Ein Ort für die Kriegseuphorie

Die Kriegseuphorie, die viele Deutsche beim Ersten Weltkrieg im Spätsommer 1914 ergriff, wurde auch von religiöser Hochstimmung begleitet und religiös überhöht. Solche Worte gefielen der weltlichen Obrigkeit. 1917 verlas Pfarrer Dümler einen Hirtenbrief des Würzburger Bischofs von der Kanzel: "Wenn Gott mit uns ist, wer kann gegen uns sein!". Pfarrer Dümler lobte denn auch "unsere schneidigen Heere im Osten, die mit Gottes Hilfe wunderbare Leistungen vollbrachten."


Praktisches Instrument

Die Nazis nutzten den Kanzelparagraphen wirkungsvoll gegen unbotmäßige Pfarrer. Unter dem "Heimdückegesetz" fühlten sich während der Naziherrschaft auch in Zeil Geistliche bedroht. Als der Zeiler Pfarrer Dümler 1933 nach seiner Schutzhaft in Eltmann zurückkehrte, konnte er vor Aufregung nicht predigen. Stattdessen las er die Epistel "Petrus im Gefängnis" vor und schwieg. An den Bischof schrieb er: "Fast alle Leute weinten, auch Männer, die mir sonst nicht so wohlgesinnt waren."
Des Öfteren machten sich regimetreue Aktivisten bei Predigten Notizen. Dümler fühlte sich bedroht, einmal beschwerte er sich über die "Judase", die seine Predigten "verkehrt zur NSDAP hinaustragen". Der streitbare Geistliche bemühte sich schließlich nach eigenen Worten, in seine Predigten und Ansprachen kein Wort einfließen zu lassen, das politisch gedeutet werden könnte. Um gegen etwaige Anklagen gedeckt zu sein, empfahl ihm sein Bischof, die Predigten schriftlich niederzuschreiben. Der Kanzelparagraph wurde in der Bundesrepublik erst 1953 aufgehoben.
1940 ist eine bemerkenswerte Predigt von Pfarrer Rüdenauer ohne Folgen geblieben. Das katholische Pfarramt hatte von einer NS-Behörde erfahren, dass einige Leute aus Zeil in Sanatorien plötzlich verstorben seien. In Wirklichkeit waren sie im Rahmen der Euthanasie in der kruden Vorstellung von so genannten "unwerten Leben" umgebracht worden. Der hünenhafte Geistliche Rat wetterte über dieses Verbrechen bei seiner Predigt. Erregt hämmerte er seine kräftige Faust so auf die Brüstung der Kanzel, dass von der Erschütterung einer der vier Evangelisten herabfiel. Weil es der heilige Lukas war, hieß es anderntags, der Herr Geistliche Rat habe den "Lukas gehauen". Welch eine merkwürdige Symbolik: Die Euthanasie wurde damals von verantwortungslosen Medizinern des Naziregimes ausgeübt. Als Schutzpatron der Ärzte gilt der Heilige Lukas...
Völlig aus dem Rahmen fiel eine mehr als einstündige Predigt die am Pfingstfest 1945 Pfarrer Josef Seitz in der Zeiler Pfarrkirche hielt. Der Geistliche aus der Pfalz war kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner am 11. April 1945 vom Konzentrationslager Dachau in das Haus seiner Mutter Maria Tully in Zeil am Kaulberg zurückgekehrt. Seitz war der erste katholische Pfarrer den die Nazis 1940 wegen seiner Predigten einsperrten. In leidenschaftlichen Worten setzte er sich mit dem "heidnischen Nazi-Deutschland" auseinander. Dabei redete er über die schlimmsten Grausamkeiten, die er im KZ Dachau miterleben musste. Nur der heilige Ort verbot ihm, auch über sexuelle Misshandlungen zu sprechen.
Der durch seine fünfjährige Inhaftierung geschwächte Priester verließ die Kanzel völlig vom Schweiß durchnässt. Er musste sich in der Sakristei erst einmal umziehen. Die tief erschütterten Gläubigen in den Bänken weinten Tränen über die geschilderten grauenvollen Taten. Den Wortlaut der Predigt schrieb die Ordensschwester Adora Baumbach mit.
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