Knetzgau
Tracht

Königlicher Glanz: Nähkurse schneidern Haßberge-Tracht

Im Landkreis Haßberge laufen zurzeit Schneiderkurse. Zwei Näherinnen haben eine unglaubliche Familiengeschichte...
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Franziska und Sigrid Schlemmer in Tracht, wie sie sie von Jugend an kennen. Vater Herbert hat großes Talent: Das "Fremnaus-Körble" (links) hat er komplett selbst gefertigt, ebenso die Schürzentasche (rechts) nach historischem Vorbild. Tante Alma schenkte Sigrid zur Hochzeit die Tasche von 1892 (Bildmitte). Fotos: Brigitte Krause
Franziska und Sigrid Schlemmer in Tracht, wie sie sie von Jugend an kennen. Vater Herbert hat großes Talent: Das "Fremnaus-Körble" (links) hat er komplett selbst gefertigt, ebenso die Schürzentasche (rechts) nach historischem Vorbild. Tante Alma schenkte Sigrid zur Hochzeit die Tasche von 1892 (Bildmitte). Fotos: Brigitte Krause
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Die Haßberge-Tracht, die gegenwärtig in vier Nähkursen im Landkreis Haßberge entsteht, spaltet die Geister. Die 40 Näh-Frauen sind begeistert, mancher Vereinstrachtler oder Heimatpfleger rümpft die Nase. Tracht? Die gibt's doch schon!

Stimmt so nicht ganz. Während im bayerischen Raum das Dirndl allgegenwärtig ist, gibt es im Kreis Haßberge keine typische Tracht. Regional bestehen im fränkischen Raum große Unterschiede, wie etwa die Werntal-Tracht, die Ochsenfurter-Gau-Tracht sowie Trachten aus Sennfeld und Gochsheim bei Schweinfurt deutlich machen.


Erste Beschreibung von Tracht

Tatsächlich stammen die ersten Beschreibungen von unterfränkischer Tracht von 1842: Da sorgte die "Promi-Hochzeit des Jahres" am 12. Oktober für Schlagzeilen. König Ludwig I. richtete die Hochzeit seines Sohns, Kronprinz Maximilian, mit Maria von Preußen aus - und die sollte Maßstäbe setzen.

Der Großvater des späteren "Märchenprinzen" Ludwig II. ließ über sein Innenministerium allen damals acht Regierungsbezirken Anfang März 1842 ausrichten, sie mögen 35 Brautpaare von untadeligem Ruf und vor allem in Provinzialtracht finden und mitsamt Hochzeitsgefolge gen München schicken, damit die jungen Leute feierlich quasi mit dem Kronprinzenpaar getraut würden.

Von dieser Suche gibt es noch die "Physikatsberichte", aus denen die Kulturbeauftragte des Landkreises Haßberge, Renate Ortloff, zu Beginn der Trachten-Nähkurse zitierte: Die Hofheimer, hatte damals ein Verantwortlicher geschrieben, seien von ihrer Tracht her ganz und gar unansehnlich und nicht geeignet. Die Frauen in bis zu drei Tücher gehüllt, auch sonst wenig Schmückendes... Ganz zu schweigen vom Geld. Ein repräsentatives Brautpaar konnte man aus dem Gebiet des heutigen Landkreises Haßberge nicht benennen - selbst wenn 1500 Bayerische Gulden lockten.

Unter den Trachten-Näherinnen im Landkreis ist heute die Mehrzahl in Sachen Tracht eher unbedarft. Sicherlich: Einige haben ein Dirndl, aber kaum jemand hat einen solchen Bezug wie Sigrid und Franziska Schlemmer. Mutter und Tochter aus dem Knetzgauer Gemeindeteil Hainert sind nämlich nicht nur selbst von Kindesbeinen an Trachtenträgerinnen, sie sind auch direkte Nachfahren des unterfränkischen Brautpaars, eines der 35, das am 16. Oktober 1842 auf der Theresienwiese König Ludwig I. die Embleme des Regierungsbezirks zu Füßen legen durfte. Das sind Johann Pfister aus Vasbühl und Margaretha Treutlein aus Schnackenwerth, Bezirk Werneck. Sie wurden im Münchner Rathaus am Marienplatz standesamtlich getraut, kurz darauf ihr Bund fürs Leben in der Hofkirche besiegelt. Ein unvorstellbarer Rummel! Die Landeshauptstadt wimmelte vor Menschen, die sich Königspracht, Festzug und Oktoberfest anschauen wollten.

Die Wernecker hatten noch am Freitagabend die 34-stündige Tag-und-Nacht-Reise in Pferdefuhrwerken, Postkutsche und sogar Eisenbahn hinter sich gebracht. Die Strecke Augsburg-München, erst seit zwei Jahren fertig - wie fühlten sich die Menschen in den drei Stunden Fahrt mit dem schnaufenden Ungetüm? Sie waren gutsituiert, aber deswegen doch einfache Bauersleute vom Land. Unbeschreiblich.

Immerhin hatte das Brautpaar für das Abenteuer auf vieles verzichtet: Üblich waren daheim bei gut gestellten Familien Hochzeits-Kirchenzüge mit mindestens 50 Personen und Musikanten; arme Leute brachten wenigstens noch 25-köpfige Hochzeitszüge zusammen. Nach München fahren durften aus Platzgründen aber nur die Brautleute und 14 weitere Personen. Hm, naja. Und ob die Massentrauung in der Hofkirche so lustig war? Sieben Priester an sieben Altären für 24 katholische Paare. Die elf evangelischen Paare wurden in der Matthäuskirche getraut. Den goldenen Ring des Königs und die Gedenkmünze, die die Hochzeiter zur Erinnerung erhielten, existieren nicht mehr in der Familie. Überhaupt war bis in die 1980er Jahre das Wissen über diese "Königshochzeit" verblasst.


Frankenkultur im Hier und Jetzt

Bis Tante Alma eine vergilbte Karte fand: das Programm des 16. Oktober 1842. Die Schwester der Mutter von Sigrid Schlemmer forschte nach und förderte nicht nur die ganze Geschichte zutage, sondern sogar die Original-Brautschürze von Sigrids Ur-Ur-Ur-Großmutter.

Ganz und gar nicht verblasst ist in der Familientradition hingegen die über die Generationen gelebte Liebe zur Tracht. Sigrid (53) und Herbert (53) Schlemmer haben ihre Kinder Gabriel (18) und Franziska (24) immer zu Tanzfesten mitgenommen, die die Arbeitsgemeinschaft Fränkische Volksmusik Unterfranken ausrichtet. Dort spielt man - heute ist es schon wieder Trend - nach uralten Noten "unplugged", und Tänzer und Musiker treiben sich gegenseitig an. Die "Schrolla Musikanten" sind berühmt für ihren Schwung - und haben auf der Hochzeit von Sigrid und Herbert den Ton angegeben. "Mit der Volksmusik im Fernsehen hat das nichts zu tun", wehrt Sigrid ab, Herbert Schlemmer unterstreicht: "Es ist halt einfach echt."
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