Gleusdorf
Pflegesknadal

Pflegeskandal Gleusdorf: Ermittlungsabschluss erst in Monaten erwartet

Im Fall Gleusdorf sind die Ermittler um Aufklärung bemüht. Das Konstrukt aus Seniorenheim und Verwahranstalt sorgt für Diskussionen.
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Die im Vorjahr angelaufene Renovierung von Schloss Gleusdorf brachte den Stein ins Rollen. Foto: News5
Die im Vorjahr angelaufene Renovierung von Schloss Gleusdorf brachte den Stein ins Rollen. Foto: News5
Die Staatsanwaltschaft in Bamberg rechnet erst in einigen Monaten mit einem Abschluss der Ermittlungen im Pflegeskandal rund um die Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf. "Die sehr arbeits- und zeitintensiven, umfangreichen Ermittlungen werden weiterhin mit Nachdruck geführt und noch mehrere Monate andauern", teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft auf Anfrage mit.

Zu detaillierten Fragen wollte er keine weitergehenden Auskünfte geben, "unter anderem aus Gründen des Datenschutzes, der Wahrung der Persönlichkeitsrechte der Verfahrensbeteiligten sowie der Unschuldsvermutung bei den Beschuldigten, die bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt".

Somit bleibt auch unklar, wie viele Bewohner noch im Heim untergebracht sind, gegen wie viele Verdächtigte eigentlich ermittelt wird und welche Vorwürfe ihnen konkret zur Last gelegt werden?


Oberstaatsanwalt äußert sich nicht

Auch über mögliche Erkenntnisse, die die Exhumierung und Obduktion einer verstorbenen Heimbewohnerin aus dem Landkreis Bamberg erbracht haben, wollte sich Oberstaatsanwalt Matthias Bachmann nicht äußern.
Nach Hausdurchsuchungen in zehn Objekten sowie der Festnahme von zwei Beschuldigten Ende November standen Vorwürfe wie Totschlag durch Unterlassen, Misshandlung von Schutzbefohlenen, Betrug und Diebstahl im Raum und in den entsprechenden Gerichtsbeschlüssen. Die Ermittlungen sind komplex und vielschichtig.

"Am Anfang des Verfahrens hatten wir nicht geahnt, dass das solche Ausmaße annimmt", umriss der zuständige Staatsanwalt im Dezember die Dimensionen. So gilt es, eine Vielzahl an Zeugen zu hören, alle Bediensteten aus den letzten Jahrzehnten zu vernehmen, die sich untereinander zum Teil spinnefeind sind.

"Nicht alles, was moralisch absolut verwerflich ist, ist auch justiziabel und muss automatisch strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen", meint dazu ein Anwalt, der einige der Beteiligten schon vertreten hat.

Wie schwer die Beweisführung in solchen Fällen in Seniorenheimen fällt, wo Sterbefälle an der Tagesordnung sind, lässt sich an der Schilderung eines Polizeibeamten ableiten, der mit einem Treppensturz mit Todesfolge in Schloss Gleusdorf befasst gewesen war. "Das Sturzprotokoll und die Papiere waren alle schlüssig, da hakt kaum einer mehr nach." Zumal, wenn auch die Angehörigen kein gesteigertes Interesse an einer weiteren Aufklärung haben.

Anders war es bei der Exhumierung der alten Frau, deren Sohn ausdrücklich auf Gewissheit drängte.
Bei dem vom Polizisten geschilderten Sterbe- nach Treppenfall im Frühjahr 2015 handelte es sich um eine nahe Verwandte des Heim-Arztes, gegen den auch Ermittlungen laufen. Ob er seinen Sorgfaltspflichten, unter anderem beim Ausstellen von Rezepten nachkam, wird von Betroffenen, Angehörigen und Pflegekräften bezweifelt. So beschwört eine einstige Bewohnerin, dass sie während ihrer zweieinhalb Jahre im Schloss den Arzt nur zwei Mal gesehen habe - einmal zur Grippe-Impfung, einmal zu einer Blutentnahme.


Keine Info über Todesumstände

Als andere Verwandte des Treppensturz-Opfers, das im Bamberger Klinikum verstarb, mehr über die Umstände vor dem Tod erfahren wollten, wurden sie vom damaligen Pflegedienstleiter brüsk abgewiesen. "Es war für mich mehr als rätselhaft, mit welchen Ausreden und Verschwiegenheitsklauseln wir weder darüber unterrichtet wurden, noch erfuhren, an welchen Folgen diese verstorben war. Klingt doch alles etwas seltsam, zumal ein Angehöriger selber Arzt ist und davon ausgegangen werden kann, dass er seine Verwandtschaft dort medizinisch versorgt hat", heißt es aus dem Umfeld.

Eine der entlassenen Pflegekräfte erinnert sich noch genau daran, dass die "Arzt-Verwandte nach dem Sturz in einem schlechten Zustand ins Bamberger Klinikum gebracht wurde, von wo aus auch das Gesundheitsamt Bamberg verständigt wurde", so die Zeugin. Und die anderen Ämter? Bei der Polizei in Ebern sind wegen Gleusdorf in den zurückliegenden Jahren im Vergleich zu anderen Altenheimen im Dienstbereich keine Auffälligkeiten verzeichnet, heißt es auf Anfrage.

Über die aktuelle Zahl der Heimbewohner schweigen sich Staatsanwaltschaft und Landratsamt aus. "Personal- und Belegungszahlen sind Inhalte der Prüfberichte und unterliegen dem Datenschutz", hieß es aus dem Landratsamt in Haßfurt.

Bekannt wurden seit der Hausdurchsuchung einige Sterbefälle. Und entgegen der Aussage eines Rechtsanwaltes der Heimleitung, wonach weder Mitarbeiter noch Heimbewohner die Seniorenresidenz verlassen hätten, meldete sich ein Informant, wonach ein Mann in ein Heim im Landkreis Bamberg umgezogen sei. "Dazu bedurfte es drei gestandener Männer", erzählte ein Beteiligter aus dem nördlichen Landkreis Bamberg.

Eine ehemaligen Heimbewohnerin, die vom Amtsgericht Coburg unter Betreuung gestellt und von 2011 bis 2014 eingewiesen worden war, kehrte vor Fasching als Besucherin ins Schloss zurück. "Mich hat keiner mehr erkannt. Ich habe auch keine Pfleger mehr gekannt. Die kommen ja alle aus dem Ostblock."


Teiche: Keine Genehmigung nötig

Und die Teiche, in denen zwei Männer in den Jahren 2005 und 2013 ertrunken sind? "Für die beiden Teiche im Schlosshof liegen keine Baugenehmigungen vor. Gartenteiche normaler Größe gelten (laut Gesetzeskommentar) als unbedeutende bauliche Anlagen und sind verfahrensfrei (bis zu 100 Kubikmeter). Nach Angaben der Einrichtung sei dies der Fall", hieß es aus dem Landratsamt Haßberge.

Inwieweit Bauverwaltung und Heimaufsicht sich dabei abgestimmt haben, ist nicht ersichtlich. Eine Pflegefachkraft, die über zehn Jahre im Heim zumeist Nachtdienst leistete, hatte schon beim ersten Baggern ungläubig gestaunt und gefragt: "Was soll denn das? Wie sollen wir bei so vielen Läufern im Haus da noch aufpassen?" Die Geschäftsführerin habe ihr darauf geantwortet, dass das "mein Grund und Boden ist , weswegen ich darauf mache, was ich will", so die Pflegerin aus dem Haßberge-Kreis.


Lebenslang eingekerkert?

Dass dazu auch das Durchstöbern der Zimmer nach Mitternacht gehörte, berichtet eine fidele Mit-Sechzigerin, die wieder "frei" kam. Was gar nicht so einfach war, wie ihr Mann erzählt. "Ich musste mich dazu mit dem Amtsrichter anlegen und zusammen mit der Schwiegertochter einen Rechtsanwalt einschalten", schildert er.

Stutzig war er nach einem Besuch seiner Frau im Schloss an einem Sonntag geworden. Als er danach noch ein Fest in einem Nachbardorf besuchte, kam er am Biertisch mit Einheimischen ins Gespräch. "Als die mir sagten, dass keiner mehr rauskommt, wer mal im Schloss drin war, wurde ich hellhörig."

Zumal er bei seinen regelmäßig Besuchen immer mehr Ungereimtheiten feststellte: So überwies der Bezirk Oberfranken für seine Frau zwar die Kosten eines Einzelzimmers, seine Frau hatte aber stets eine Zimmergenossin. "Zuletzt eine psychisch Gestörte, die ab 3 Uhr in der Nacht nur noch gebetet hat", klagt die Seniorin, die weitere, schwere Vorwürfe erhebt.

So sei sie mit dem heimlichen Verabreichen von Neuroleptika ruhig gestellt worden. In ihren Hochphasen sei sie zur Zwangsarbeit im Garten und in der Wäscherei vergattert worden.

Dass der körperliche und geistige Abbau auch bei anderen Heimbewohnern festzustellen war, haben mehrere Besucher zu Protokoll gegeben.

Der Ehemann der Kurzzeit-Bewohnerin: "Mit einem spielte ich regelmäßig Tischtennis. Der war körperlich und geistig fit und sehr gut an der Platte. Aber im Verlauf weniger Wochen baute er immer mehr ab, dass er sich am Ende nicht einmal mehr nach dem Ball bücken konnte und immer verwirrter wurde."

Sowohl der Ehemann wie auch die eingesetzte Betreuerin hätten im Coburger Gericht mehrfach auf Missstände in Gleusdorf hingewiesen.


Vergiftetes Betriebsklima

Inwieweit solche Aussagen vor Gericht verwertbar sind, bleibt abzuwarten. Ein Problem der Ermittler liegt auch in der Tatsache, dass sich die Schilderungen der Zeugen zum Teil widersprechen und das Personal sich gegenseitig bezichtigt, mitgemischt zu haben. "Die hat doch auch mitgemacht und war eine der Schlimmsten."
Neben Missgunst dürften dabei auch Neid und Eifersucht eine Rolle spielen. Alles menschliche Schwächen, die sich die Heimleitung zunutze machte.

So meldete sich dieser Tage eine teil-examinierte Pflegerin aus Niedersachsen, die der Heimleitung ein rundum gutes Zeugnis ausstellte: "Die haben mich immer unterstützt."

Gemobbt worden sei sie von den Kolleginnen, weswegen sie nach drei Monaten wieder gegangen sei. In diesen drei Monaten hatte sie nach eigenem Bekunden "leider", so ihre jetzige Einschätzung", auch noch ein Verhältnis zum Pflegedienstleiter, der im November zunächst in Untersuchungshaft gekommen war, sich zwischenzeitlich aber unter Auflagen wieder frei bewegen kann.
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