Die Bamberger jüdische Gemeinde wartet mit Superlativen auf: 1000-jährige Tradition, mit 900 Mitgliedern die größte in Oberfranken und nunmehr mit der ersten fränkischen Rabbinerin: Die gebürtige Nürnbergerin Antje Yael Deusel ist obendrein auch die erste deutschstämmige Rabbinerin nach dem Holocaust, die in Deutschland ausgebildet wurde. Diese "Top-Liste" hatte Heinrich Chaim Olmer, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg, parat. "Es steht dem Weltkulturerbe Bamberg gut, wieder eine offene jüdische Gemeinde zu haben", meinte er zudem.

Die offizielle Amtseinführung von Rabbinerin Deusel in der Synagoge an der Willy-Lessing-Straße war ein Treffen illustrer Persönlichkeiten. Und ein Beleg dafür, dass zwischen die verschiedenen Religionsgemeinschaften in der Stadt kein Blatt passt: Den engen Schulterschluss mit der Israelitischen Kultusgemeinde dokumentierten christliche und muslimische Vertreter wie Alterzbischof Karl Braun, evangelisch-lutherischer Dekan Otfried Sperl oder Vorsitzender des türkisch-islamischen Kulturvereins Mehmet Cetindere: "Der respektvolle Umgang miteinander und der von Verständnis und Toleranz geprägte Dialog sind ein Aushängeschild unserer Stadt", sagte denn auch Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) in seinem Grußwort. Für ihn war die Einführung von Rabbinerin Deusel "ein Freudentag für die gesamte Stadt".

Henry Brandt, Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz der Bundesrepublik Deutschland, gratulierte der jüdischen Gemeinde zu der "gestandenen Kollegin Deusel". Es spreche für Weitsicht, eine "rabbinische Führung zu haben: Es braucht eine fortwährende spirituelle Begleitung". Für manche sei eine Frau als Rabbinerin, dazu eine liberale Rabbinerin und ausgebildete Mohelet, wohl "starker Tobak". Brandet prophezeite Antje Yael Deusel einen Weg, "der nicht mit Rosen bestreut ist". Er wünschte daher vor allem "Gottes Segen für deine Arbeit".

Josef Schuster, Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, brachte das neue Buch von Rabbinerin und Urologin Deusel ins Spiel: "Mein Bund, den ihr bewahren sollt - Religionsgesetzliche und medizinische Aspekte der Beschneidung". Dieses Buch sei eine "wertvolle Hilfe in der aktuell aufgeflammten Debatte um die Beschneidung", betonte Schuster. Nach dem Kölner Urteil, das grundsätzlich die religiöse Beschneidung von Knaben als strafbare Körperverletzung brandmarke, seien die Juden in Deutschland "tief verunsichert": "Die grundlegende Mitzwah der Beschneidung des Knaben am achten Tag ist für das Judentum unabdingbar und nicht verhandelbar", erklärte der Präsident. Der Gesetzgeber müsse schnell handeln, wenn für die Richter am Kölner Landgericht das Verfassungsrecht auf freie Religionsausübung und das Recht der Eltern auf Erziehung einen minderen Wert habe. Das Urteil "hat keine Rechtsbindung für das Bundesgebiet außerhalb des Kölner Gerichtsbezirks", sagte Schuster. Wenn doch, wäre "auf Dauer jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr möglich".

In seinem Festvortrag ging Rabbiner Professor Walter Homolka, Rektor des Abraham Geiger Kollegs Potsdam, auf das Rollenbild des modernen Rabbiners ein. Dabei beleuchtete Homolka besonders die Frauen, die "eine wichtige Rolle im Rabbinat spielen": "Wir freuen uns über jede Frau im Amt, die uns bereichert." Der Redner beschrieb die Aufgaben des Rabbiners als Gesetzesausleger, Richter, Lehrer: "Der Rabbiner steht in der Gemeinde, nicht darüber", bilanzierte Homolka.

Die eigentliche kultische Zeremonie der Amtseinführung leitete der niedersächsische Landesrabbiner Jonah Sievers. Nach dem Öffnen des Toraschreines sprach er ein Gebet: "Gebe ihr ein weises Herz, mit Stärke jeder Herausforderung zu begegnen." Sievers überreichte Rabbinerin Deusel die Tora mit den Worten: "Sei stark und fest, denn mit dir ist der Ewige." Die Rabbinerin entgegnete: "...dass ich deine Lehre niemals entwürdige, erhalte mich mit deiner Weisung." Der liturgische Rahmen aus Wechselgesang in Hebräisch entsprach einem Gottesdienst am Schabbat.

"Nun fängt die Arbeit an", machte Rabbinerin Deusel in ihren Schlussgedanken klar. Sie begann mit einer ersten Auslegung und erteilte der Festversammlung eine Lektion im ethischen Handeln und Verhalten. "Religionsvermittlung einschließlich Spiel und Spaß für jedes Alter" habe sie sich in ihrem Amt vorgenommen, sagte Antje Yael Deusel. Dass dabei die Freude nicht zu kurz kommen muss, zeigte das junge Gemeindemitglied Julian Becker, der mit gekonntem Harfenspiel den Festakt begleitete. Unterstützung bekam er von Professorin Susanne Talabardon, Lehrstuhl für Judaistik an der Bamberger Uni, die mit ihm eine Vivaldi-Fuge für zwei Violinen darbot.