Ermershausen
Freiheitskampf

Ein ganzes Dorf ließ sich nicht unterkriegen

15 Jahre lang kämpften die Bürger von Ermershausen, das damals direkt an der Zonengrenze lag, um den Status als selbstständige Gemeinde.
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Eine der vielen Mahnwachen am Jahrestag des Polizeiüberfalls
Eine der vielen Mahnwachen am Jahrestag des Polizeiüberfalls
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Jetzt hängen sie sogar an einem Strang - einer gemeinsamen Wasserleitung. Jahrzehnte lang waren sämtliche Verbindungen gekappt. Die Ermershäuser akzeptierten die Eingemeindung nach Maroldsweisach im Jahr 1978 keine Sekunde lang. Ihr ständiger Protest zeigte Erfolg: Am 1. Januar 1994 wurde die Eigenständigkeit wieder erlangt. Aktuell wird sogar die trennende Straßenkuppe an der Hauptverbindung, der B 279, zwischen beiden Dörfer gekappt. Ein Rückblick, der CSU-Machtgebaren und politische Winkelzüge entlarvt.

Die bayerische Gebietsreform hinterließ viele Baustellen und einen Leuchtturm: Ermershausen. Voller Vehemenz wehrten sich die Bürger der nördlichsten Gemeinde des neu gegründeten Landkreises Haßberge gegen die Bevormundung durch die (ungeliebten) "Marokaner" jenseits des Rehberges, die zwar einen Bahnanschluss, aber nicht einmal eine Apotheke hatten.

Doch im Innenministerium in München und im Landratsamt in Haßfurt, beide CSU geführt, sah man dies anders. Und drückte das Vorhaben, die Zahl der Gemeinden in Bayern von knapp 7000 auf 2056 zu reduzieren, mit aller Staatsgewalt durch.

Für eine Massen-Neurose sorgte im 600-Seelen-Dorf (aktuell 569 Einwohner) der Polizei-Einsatz mitten in der Nacht des "Schwarzen Freitags" am 19. Mai 1978. Dramatische Szenen spielten sich ab, als ein großes Polizeiaufgebot über das Rathaus herfiel, um die Akten nach Maroldsweisach bzw. ins Landratsamt nach Haßfurt zu schaffen.


CSU statuiert Exempel

Während in vielen anderen Bereichen Bayerns schnell Korrekturen an den Vorgaben der Gebietsreform erfolgten, so erlangte Kemmern im Kreis Bamberg schnell wieder die Eigenständigkeit und wurde von Breitengüßbach losgelöst, schien es, dass an den Ermershäusern ein Exempel statuiert werden sollte.

Hatte der Franz-Josef-Strauß-Spezl Franz Hofmann aus Knetzgau als Landrats-Stellvertreter den Polizeieinsatz geleitet, hielt Landrat Walter Keller (CSU) fest an den Vorgaben der Staatsregierung fest. Wie auch die damaligen CSU-Abgeordneten Albert Meyer (Landtagsabgeordneter und Finanzstaatssekretär) sowie Eduard Lintner (Bundestagsabgeordneter).

Noch heute munkeln selbst CSU-Insider, dass durch die protestantischen, aber konservativen Ermershäuser die SPD-Mehrheit in der roten Hochburg Maroldsweisach gebrochen werden sollte (was zwischenzeitlich mal auf andere Weise gelungen war).

Doch durch den Verlust der Eigenständigkeit auf Beschluss der CSU-Staatsregierung gingen die Ermershäuser aber schnell von der (Partei-)Fahne. Statt Fahnen bestimmten Jahrzehnte lang Protestplakate das Ortsbild im Dorf, durch das viele Autofahrer auf der Fahrt von Bamberg in Richtung Fulda, von Breitengüßbach nach Bad Neustadt, mussten .


Protest direkt an Zonengrenze

Unmittelbar an der Zonengrenze gelegen, mutete der Aufstand im Rebellendorf vielen Durchreisenden befremdlich an. Das weckte öffentliches Interesse.

Und der Widerstand war ungebrochen. Immer wieder geschickt inszeniert, war den Ermershäusern ein großes Medien-Echo sicher. Der Kampf David gegen Goliath. Der bürgerliche Widerstand brach sich besonders bei Wahlen Bahn: Geschickt und medienwirksam in Szene gesetzt, wurden Wahlbenachrichtigungen entweder verbrannt oder an Luftballonen gen Himmel gesandt.

An jedem Jahrestag des Polizeiüberfalls wurden zur Geisterstunde Mahnfeiern abgehalten und Lieder angestimmt. Das Trauma des Polizeiüberfalls, als zu nachtschlafender Zeit Hundertschaften über das kleine Dorf herfielen, wurde sorgsam gepflegt. Die Ermershäuser lagen sich - vor laufenden Kameras - mit Tränen in den Augen in den Armen.

Die Erleuchtung ließ einige Jahre auf sich warten. Aber die ständigen Protestaktionen und Negativschlagzeilen machten jüngere CSU-Chargen, die Nachwuchsgeneration, deren persönlichen Eitelkeiten noch keine Ermershäuser Narben aufwiesen, nachdenklich.

Eingefädelt wurde beispielsweise ein konspiratives Treffen im Schloss Gereuth, bei dem sogar ein "Sturz" von Landrat Keller thematisiert wurde. Keller hatte sich beharrlich geweigert, das Thema Ermershausen in Landkreisgremien auf die Tagesordnung zu setzen. Der Jurist verwies stets auf die Zuständigkeit des Innenministeriums in München und des Landtages  mit den Worten: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist."


Freiherr als Freiheitsheld

Offen dagegen ins Feld zog Sebastian Freiherr von Rotenhan aus Rentweinsdorf, der - als CSU-Kandidat auf dem Sprung in den Landtag stehend - die Situation in Ermershausen als absolut inakzeptabel befand und zusammen mit dem späteren Landrat, Rudolf Handwerker (damals noch CSU-Bürgermeister der weit entfernten Kreisstadt Haßfurt), erstmals wieder zu Versammlungen nach Ermershausen fuhr, um den Fehdehandschuh abzustreifen und die CSU-Hand zu reichen.

Rotenhans Coup: Er empfahl den Ermershäusern, den Umdenkprozess der staatstragenden Partei von innen heraus anzustoßen. Möglichst viele sollten in die Partei eintreten, um sich somit Mehrheiten zu sichern.

Das gelang. Fast das komplette Dorf schloss sich der CSU an. Der erstarkte CSU-Ortsverband war mit einem Schlag die stärkste Gruppe innerhalb des CSU-Kreisverbandes Haßberge. Von Rotenhan gewann nebenbei noch eine Werbeaktion der Bezirks-CSU von Unterfranken. Ausgerechnet einen Flug zum damaligen Erzfeind nach Moskau. Und Landtagsabgeordneter wurde er auch noch.

Wie Rudolf Handwerker dann auch Landrat, weswegen sich die Ermershäuser rühmen dürfen, den Generationswechsel innerhalb der Kreis-CSU zumindest beschleunigt zu haben.

Sowohl Rotenhan wie auch Handwerker setzten sich dafür ein, dass Ermershausen wieder selbstständig wurde. Der Prozess unter dem Freiheitskämpfer, früheren und späteren Bürgermeister, dem Metzgermeister Adolf Höhn, dauerte einige Jahre. Das SPD-geführte Maroldsweisach widersetzte sich unter dem damaligen Bürgermeister Ottomar Welz zunächst.

Aber letztlich beendete der Landtag in München die Zwangsfusion mit Maroldsweisach nach 16 Jahren und "versilberte" den Ermershäusern diesen Übergang sogar mit Sonderzuweisungen. Eine Art Schmerzensgeld oder Haft-Entschädigung. Die einstigen Gemeindeteile Birkenfeld und Dippach blieben dagegen bei Maroldsweisach.


Kooperationen eingegangen

Der (altersbedingte) Wechsel der Verantwortlichen an der Spitze beider Kontrahenten-Gemeinden forcierte die Annäherung und mittlerweile sprechen die Beteiligten sogar von einem "gut nachbarschaftlichen Verhältnis" und kooperieren auf vielen Feldern.

Die Verwaltung für Ermershausen sitzt nicht (mehr) im nahen Maroldsweisach, sondern im weiter entfernten in Hofheim. Aber einen eigenen Bürgermeister hat man zumindest.

Als der "Feind von außen" fehlte, gab es mehrere interne Machtkämpfe. Mittlerweile gehört kein CSU-Mann mehr dem Gemeinderat von Ermershausen an, der sich aus Freien Wählern und Bürgerliste zusammensetzt. Bürgermeister ist Günter Pfeiffer (Freie Wähler).

Freiheitskämpfer Sebastian Freiherr von Rotenhan gehörte von 1998 bis 2008 dem Landtag als CSU-Abgeordneter an. Zwischenzeitlich ist er aus der CSU ausgetreten...
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