Gleusdorf
Pflege-Skandal

Zeuge aus Gleusdorf: "Die haben mein Leben kaputt gemacht"

Erstmals meldet sich jemand zu Wort, der über zwei Jahre lang Erfahrungen am eigenen Leib gemacht hat, wie Menschen in Schloss Gleusdorf behandelt wurden.
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Die geschlossene Einrichtung Schloss Gleusdorf: Noch immer dringen neue skandalöse Berichte nach draußen. Foto: Ralf Kestel
Die geschlossene Einrichtung Schloss Gleusdorf: Noch immer dringen neue skandalöse Berichte nach draußen. Foto: Ralf Kestel
"Die haben mich mit Beruhigungstabletten voll gestopft, schon in der Früh gab's starke Schlafmittel, sodass ich nur noch ruhig gestellt im Bett vor mich hinvegetiert bin. Die haben mein Leben kaputt gemacht." Erstmals äußert sich ein Heimbewohner, der über zwei Jahre bis in die jüngere Vergangenheit in der Seniorenresidenz lebte, über das Martyrium, das ihm widerfahren.

Der Augenzeuge - ein Mitsechziger, der unter Depressionen litt - berichtet von schlimmen Zuständen und bricht während seiner Schilderungen immer wieder in Tränen aus. Seine Stimme überschlägt sich, und es fällt ihm schwer, seine Gedanken zu sortieren. Und doch fällt ihm wieder noch etwas Neues ein. Es sind keine guten Neuigkeiten.

"Während der zweieinhalb Jahren im Schloss habe ich den Doktor, der die vielen Rezepte für mich ausgestellt hat, nur einmal gesehen. Da kam er zu einer Blutabnahme." Ein Neurologe sei nie aufgetaucht. Dennoch wurden "Beruhigungshämmer" verabreicht - vier Mal am Tag. Die Namen der Medikamente kann unserer Informant wie aus der Pistole geschossen aufzählen. Die Richtigkeit seiner Angaben lässt sich nach Auskunft eines Apothekers aus der Region nachprüfen, weil es in München eine Stelle gibt, wo alle Rezepte - patientenbezogen - aufbewahrt werden.

Der einstige Heimbewohner, der im Landkreis Coburg lebt und von Verwandten aus dem Heim geholt worden war, wozu auch der Einsatz eines Rechtsanwalts notwendig gewesen war, berichtet weiter von unzureichenden Essensmengen, auch habe es verschimmelten Joghurt gegeben. "Nur einmal in der Woche gab es Fleisch, und die Scheibe war so dünn, dass man durchschauen konnte. Ansonsten gab es nur Grießbrei mit Zucker und Zimt. Ohne meine Verwandten wäre ich verhungert."

Der Mini-Kühlschrank im Zimmer sei immer wieder leergeräumt worden. "Die haben sogar nachts um 1 Uhr mein Zimmer durchstöbert", sagt der Mann und erhebt damit Vorwürfe über ein willfähriges Personal.

Ein anderer Betreuer aus dem Kreis Bamberg ergänzt, dass die Briefe seiner Tante stets geöffnet worden waren. "Als ich mich im Sekretariat über den Verstoß gegen das Postgeheimnis beschwerte, hieß es, das sei so angeordnet."


Sozialhilfeträger ausgetrickst?

Obwohl "von Bayreuth aus ein Einzelzimmer bezahlt wurde", berichtet eine Zeugin, erfolgte die Verlegung in ein Zwei-Bett-Zimmer. "Und auch mein Taschengeld wurde mir nie ausbezahlt", womit wohl die 80 Euro im Monat von der Sozialhilfe gemeint sein dürften. Laut Heimleiter bekämen Sozialhilfeempfänger aber kein Taschengeld.

Seitens des Bezirks Oberfranken erklärte dazu der Sprecher von Bezirkstagspräsident Günther Denzler, dass "uns in Oberfranken die Berichte schockiert und betroffen gemacht haben". Der Bezirk Unterfranken hat noch keine weitere Schritte veranlasst und warte das Ergebnis der Ermittlungen ab, teilte Sprecher Markus Mauritz von Würzburg aus mit.

Die Bezirke übernehmen die Heimkosten bei Menschen, die sich das nicht mehr leisten können Wie wenig betucht manche Heimbewohner waren, lässt sich an der Tatsache ablesen, dass die Gemeinde Untermerzbach seit 2010 sechs Sozialbestattungen übernommen hat. Weil sich niemand fand, der eine Beerdigung bezahlt hätte, musste die Kommune einspringen.

Auch wenn Schloss Gleusdorf im östlichen Winkel von Unterfranken liegt - die Bezirksgrenze verläuft in rund 100 Meter Entfernung - erstrecken sich die Ermittlungen "immer mehr in Richtung Oberfranken", ließ ein Ermittler wissen. So sind neben der federführenden Schweinfurter Kriminalpolizei Kollegen in Bamberg und Coburg intensiv mit Vernehmungen beschäftigt.

Seit der Hausdurchsuchung im November sind nach Informationen unserer Zeitung im Pflegeheim Gleusdorf zwei Bewohner verstorben, eine Frau ist ausgezogen. Zwei kamen ins Krankenhaus nach Ebern, einer ins Bezirksklinikum nach Werneck. Aus dem Landratsamt in Haßfurt kam trotz einer Anfrage vor einer Woche bislang keine Bestätigung dieser Angaben.

Aktuell sucht die Arbeitsagentur für die Seniorenresidenz zwei Altenpfleger, einen Ergotherapeuten (alle ab sofort), sowie einen Auszubildenden ab 1. September. Sie ergänzen ein Team, das sich zum Teil aus Kräften zusammensetzt, die schon viele Jahre dort arbeiten, während andere aus Ländern der slawischen Sprachenfamilie nachrückten.

Es waren schockierende Fotos, die da ein Angehöriger bei der Podiumsdiskussion der Mediengruppe Oberfranken aus der Tasche zog. Bilder "vom Opa", wie er seinen Schwiegervater liebevoll titulierte, die auch Gesundheitsminister Melanie Huml zu sehen bekam: Sie zeigten die Gliedmaßen eines Menschen, die bei lebendigem Leib abfaulten.

Die Fotos haben Verantwortliche eines Pflegeheimes im Maintal gemacht, in das "unser Opa" von Gleusdorf her verlegt worden war. Ein wichtiges Beweismittel. "Wir haben einen Bewohner mit schlimmsten Wunden aus Gleusdorf bekommen. Er wurde hier versorgt, alles akribisch dokumentiert und hat sich bei uns dann noch sehr wohl gefühlt. Er ist dann nach einiger Zeit verstorben", bestätigt der Heimleiter gegenüber unserer Zeitung.


Verletzung nicht gezeigt

Die Angehörigen hatten nach eigenen Angaben mehrfach nachgefragt, warum "der Opa" denn ständig verbunden sei? "Die Verbände werden nicht abgenommen. Das dürfen sie nicht", hieß es dazu vom Pflegepersonal erzählt der Schwiegersohn.

Und die Kontrolleure aus dem Landratsamt oder vom Medizinischen Dienst (MDK)? Die sahen den Todgeweihten gar nicht. "Wir würden bei unseren Besuchen gerne alle Heimbewohner anschauen, aber das dürfen wir nicht. Das lässt das Gesetz nicht zu", beklagte MDK-Sprecher Thomas Muck. Bei jedem Besuch werde aus den Akten eine bestimmte Anzahl von Heimbewohnern "gelost", um danach zu schauen, wer überhaupt befragt werden kann oder darf, da oft Einwilligungen der Betreuer eingeholt werden müssen.

"Das ganze Heim steht einen Tag lang Kopf, wenn der MDK im Haus ist", hatte der Heimleiter solche Besuche gegenüber unserer Redaktion umschrieben. Sowohl sein Personal wie auch Protokolle sprechen da eine andere Sprache. "Am Tag vorher kam die Anordnung, frische Bettwäsche aufzuziehen, die Tablettenschachteln aufzufüllen und die Pflege-, Hygiene- und Reinigungsprotokolle wurden ausgetauscht", erzählen viele Pfleger.

Und in zwei offiziellen Prüfberichten über die vier MDK-Besuche in 2016 (vom 10. Februar und 19. August), die der Heimleiter auszugsweise selbst zu seiner Verteidigung zur Verfügung gestellt hatte, lässt sich nachlesen, dass die MDK-Leute bei 70 Heimbewohnern gerade mal vier Leute in die Prüfung einbezogen hatten, von denen einer keine Angaben machte.
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