Obwohl eine lebhafte Diskussion keine Langeweile aufkommen ließ, bleibt offen, wohin das Piratenschiff in den Haßbergen und im Steigerwald steuert.
"Klarmachen zum Ändern" stand auf dem Einladungsplakat vor dem Tagungslokal. Und dass sie anders sein wollen als alle anderen Parteien, das unterstreicht Albert Barth, als er die Anwesenden begrüßt.
Der Organisator aus dem Haßfurter Stadtteil Augsfeld hatte zu dem Treffen geladen und verteilt erst mal Bounty-Riegel. Symbolträchtig, denn die Piraten verstehen sich als eine (Schiffs)Mannschaft, die gegen ungerechte (Kapitäns)Herrschaft auf die Barrikaden geht und meutert.
Soweit der Anspruch. Nach der Vorstellungsrunde übernimmt der 52-jährige Steuerberater Barth nach allgemeiner Zustimmung das Steuerruder, also die Diskussionsleitung. Der zweifache Familienvater gehört zu denen, die sich seit langem für Politik interessieren, aber in keiner etablierten Partei gelandet sind. Vor vielen Jahren engagierte er sich, als der Haßfurter Stadtrat hier eine Recyclingfabrik für Müllverbrennungs-Schlacke ansiedeln wollte.

Die Mitmach-Partei


Bei den Piraten hat er trotz kurzer Mitgliedszeit eine steile Karriere hinter sich. Im September 2011 eingetreten, wurde er bereits zwei Monate später zum Schatzmeister des unterfränkischen Bezirksverbands gewählt. Für ihn sind die Piraten keine Protest-, sondern eine echte Mitmach-Partei, in der alle Mitglieder basisdemokratisch gleichberechtigt sind. Er wünscht sich vielfältige und kontroverse Debatten.
Tatsächlich ist an diesem Abend keine homogene Gruppe zusammengekommen. Studenten, Handwerker und Akademiker sitzen buntgemischt durcheinander, der jüngste ist 18, der älteste über 60 Jahre alt. Ein Alt-68er ist dabei, einer, der sich bislang für die ÖDP einsetzte, ein enttäuschter Ex-Grünen-Wähler und sogar jemand, der aktiv bei einer Volkspartei mitarbeitet und deshalb nicht aufs Pressefoto will. Aktiv sind sie in Gewerkschaften, in der Kirche oder im örtlichen Sportverein. Auffällig ist aber die Dominanz des sogenannten starken Geschlechtes - nur eine einzige Frau sitzt verloren im Raum.

Transparenz als Zauberwort


Auf die Frage nach den Zielen der jungen Partei fällt schnell das Zauberwort "Transparenz". Herunter gebrochen auf die kommunalpolitische Ebene setzen sich die Politikneulinge dafür ein, Stadtrats- oder Kreistagssitzungen per Internet zu übertragen. Die User am PC könnten dann jederzeit registrieren, wie die Gremiumsmit glieder argumentieren und abstimmen.
Und wenn sich Bürger schon leibhaftig auf den Weg zum Rathaussaal machen, sollen sie Rede- oder zumindest Fragerecht haben, wird gefordert. Selbstredend wären nicht-öffentliche Punkte nur als absolute Ausnahme zulässig. Dass eine schrankenlose Offenheit von Anfang an nicht nur wünschenswert, sondern notwendig sei, zeige die aktuelle Situation bei der Wonfurter Recyclingfirma Loacker, sagt einer der Besucher.
Im Haßberge-Logbuch gibt es immerhin 28 eingeschriebene Piraten, informiert der anwesende Bezirksvorsitzende Jürgen Neuwirth. Er zeigt sich zufrieden mit dem Verlauf des ersten Treffens, obwohl es keine neuen spontanen Parteieintritte gab. Gegenwind, sagt er, komme vor allem von der FDP und den Grünen. Deren Vorwürfe: Die Freibeuter seien nur auf Themen- und Stimmenklau aus. Dabei, betont er, stamme das größte Wählerpotenzial der Neuen von bisherigen Nicht- und Jungwählern.

Auf der Suche nach einer politischen Heimat


Auch der 49-jährige Detlef Ledermann aus Riedbach konnte sich nach dem Abend noch nicht entschließen, beizutreten. Der Vater von sechs Kindern hat Politik-Erfahrung. Er war in den 90ern sechs Jahre lang bayerischer Landesvorsitzender der Splitterpartei "Christliche Mitte". Er will nicht bloß jammern, sondern aktiv was tun, sagt er und sucht nun eine neue politische Heimat. Dafür aber braucht er mehr Informationen.
Die spannende Frage, ob es sich bei der bunten Truppe um eine inhaltsleere Protestgruppe oder um eine Partei mit Zukunft handelt, wird sich wohl herausstellen, wenn der Reiz des Neuen verflogen ist, die Realität regiert und Verantwortung zu übernehmen ist. Schwarz-rot-grün-gelbe Strategen müssen damit rechnen, dass die Seeräuber auch in der Provinz erfolgreich auf Beutezug gehen - die frisch gehisste und vom Erfolgswind geblähte Piratenflagge bezeugt lebendige Demokratie.