Ebern
Population

Die Diskussion um die Biber ebbt nicht ab

Der Kampf um die besten Lebensräume für die Nager hat unter den Artgenossen schon begonnen. Auch entlang der Gewässer im Landkreis.
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Perfekter Wasserbauer: Der aktuell neueste Biberdamm an der Baunach, wo zwischen Verteilerspange und Sandhöfer Brücke die Baunach derart aufgestaut wird, dass der Eingang zum Bau selbst, der viel weiter flußaufwärts liegt, unterhalb der Wasseroberfläche liegt. Fotos: Ralf Kestel
Perfekter Wasserbauer: Der aktuell neueste Biberdamm an der Baunach, wo zwischen Verteilerspange und Sandhöfer Brücke die Baunach derart aufgestaut wird, dass der Eingang zum Bau selbst, der viel weiter flußaufwärts liegt, unterhalb der Wasseroberfläche liegt. Fotos: Ralf Kestel
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Wie fruchtbar sind die Biber in den nächsten Jahren? Vertragen die Flüsse und Nebengewässer im Landkreis noch mehr Exemplare dieser Spezies, sind gar Überpopulationen zu befürchten?

Geht es nach Rudi Ruß, dem BBV-Ortsobmann aus Sand, ist die Schmerzgrenze bereits erreicht. Er beruft sich dabei auf aktuelle Zahlen aus dem Umweltministerium in München, wonach die Population in Bayern Experten zufolge inzwischen auf über 20.000 Tieren angewachsen sei.

Vielerorts richte der Biber Schäden an, liest Ruß aus diversen Berichten heraus. Sie dringen in Maisfelder bis zu
150 Meter tief ein, schrecken auch vor Obstbäumen nicht zurück.

Ruß verweist auf aktuelle Zahlen aus dem Umweltministerium. Demnach haben bayerische Land-, Forst- und
Teichwirte im vergangenen Jahr Schäden in Höhe von insgesamt 610.128 Euro gemeldet, die durch Biber entstanden sind. Das sei im Vergleich zu 2015 mit insgesamt 556.781 Euro eine deutliche Zunahme.
Neu hinzukommen dürfte der vergangene Woche gefällte Jägerhochsitz an der Baunach zwischen Pfarrweisach und Lohr.


Biber verursachen viel Schaden

Laut Bayerischem Bauernverband hinterlässt der Biber vielerorts Schäden in Mais- und Getreidebeständen. Er sorge für überschwemmte Acker- und Wiesenflächen. Immer wieder brechen Traktoren ein, weil der Biber Wiesen, Äcker und Wege unterhöhle. Bayernweit stehen aber nur 450.000 Euro zum Schadensausgleich zur Verfügung. Somit können aus diesem "Biberfonds" nur 74 Prozent der Schäden beglichen werden.

Um betroffene Grundeigentümer und Landwirte nicht mit den Schäden alleine zu lassen, fordert der Bayerische Bauernverband eine Aufstockung der Mittel zur Schadensregulierung.

"Der Biber wurde erfolgreich wieder angesiedelt. Die Landwirtschaft steht zur Biodiversität und will sie auch erhalten", sagt Bauernpräsident Walter Heidl.

Nach Ansicht der Bauern müsse jedoch der strenge Schutzstatus des Bibers nach der erfolgreichen Wiederansiedlung überdacht werden. "Wo die Bestände zu groß werden, muss regulierend eingegriffen werden", fordert Heidl. Daher sei die konsequente Umsetzung des bayerischen Bibermanagements dringend notwendig.
Rudi Russ steuert Sander Erfahrungen bei: 2002 sei der erste Biber gesichtet worden, 2016 vermelde das Landratsamt 70 Reviere mit vier bis sechs Tieren im Landkreis. Ruß: "Das entspricht einem jährlichen Zuwachs um 20 Prozent, im Jahr 2020 kommen wir auf 145 Reviere mit 500 bis 870 Tiere. Wo haben die in vier Jahren noch Platz bei uns?", fragt Ruß angesichts der Tatsache, dass "er bei uns 2016 schon in unserem Biergarten angekommen ist".


Wachstumkurve flacht ab

Ein andere Rechnung macht Wolfgang Lappe aus dem Eberner Stadtteil Fierst auf, der als Biberberater am Landratsamt Erfahrungen aus dem Eberner Bereich beisteuert: "Die Biber haben sich seit ihrer ersten Besiedlung 2002 relativ ruhig und unbeachtet ausgebreitet. Die Masse der optimalen Biberlebensräume sei besetzt. Jungbiber, die mit zwei Jahren das elterliche Revier verlassen müssen, gehen auf Wanderschaft, suchen sich ein eigenes geeignetes Revier. Männliche Biber werden mit 1,5 Jahren, weibliche mit 2,5 Jahren fortpflanzungsfähig. Auf der Suche nach einem geeigneten Revier müssen sie durch schon besetzte Reviere, die von den Hausherren erbittert verteidigt werden. In Folge dieser Revierkämpfe komme es zu schweren Bissverletzungen, die sich infizieren und dann die eigentliche Todesursache ist."

Probleme für den Menschen entstehen nach Lappes Überzeugung dann, wenn der Biber nicht so geeignete Lebensräume besetze und diese bibergerecht verändere. "Dies passiert zur Zeit, es werden zunehmend Klein- und Kleinstgewässer besiedelt."

An den Hauptgewässern komme es lediglich zu Revierverdichtungen. Man gehe davon aus, dass die Biberpopulation in den kommenden Jahren weiter anwachse. "Es ist jedoch zu erwarten, dass die Wachstumskurve in absehbarer Zeit abflachen wird."

Die Biberkartierung 2016 ergab in den Haßbergen 70 Biberreviere, bei Annahme von durchschnittlich maximal 3,3 Bibern pro Revier ergebe eine Exemplarzahl von 230 bis 250 Tieren. Der jährliche Zuwachs schwanke und betrage zur Zeit ca. zehn bis zwanzig Reviere. Lappe: "Diese Zahlen gelten für Unterfranken und dürften in den Haßbergen nicht zu erreichen sein." Nach einer Tragzeit von 105 bis 107 Tagen werfen die Weibchen ein bis vier, äußerst selten bis zu sechs Jungtiere. Die Lebenserwartung liege bei 12 bis 14 Jahren.

"Da jedoch auch andere Todesursachen greifen, liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei 8,1 Jahren", weiß Lappe. Die ersten beiden Jahre seien für Jungbiber hart, 50 bis 75 Prozent überleben nicht.
Natürliche Feinde haben eigentlich nur der Jungbiber, große Greifvögel, wie Seeadler, Uhu, große Raubfische, wie Hecht oder Wels.

Die Ursachen der Sterblichkeit sind mit ca. 21 Prozent bakterielle Infektionen und Parasiten, mit ca. 46 Prozent Verkehrsunfälle, die illegalen Nachstellungen mit elf Prozent und Bissverletzungen mit acht Prozent. der Rest.
In Bayern werden Konflikte durch das Bibermanagement in vielen Fällen gelöst: Entschärfen durch Beratung, Prävention, Schadensausgleich und Zugriff. Ansprechpartner bei Konflikten seit immer die Naturschutzbehörde am Landratsamt.

"Erst am Sonntag wurde bei Todtenweisach, vermutlich durch Revierkämpfe, ein Biber tödlich verletzt", hat Lappe erfahren.
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