Ebern
Rekonziliation

Der Weg zurück in die Kirche führt bis ins Mittelalter

Der Wiedereintritt in die katholische Kirche gleicht einem Gang durch Institutionen und führt zu den eigenen Wurzeln. Und in Geheimnisse des kanonischen Rechts.
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Der Weg zurück in die Kirche ist nicht so ganz einfach, erfuhr Ralf Kestel beim Selbstversuch.Foto: Matthias Hoch
Der Weg zurück in die Kirche ist nicht so ganz einfach, erfuhr Ralf Kestel beim Selbstversuch.Foto: Matthias Hoch
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Die Wege des Herrn sind unergründlich, die Wege zum Herrn - mitunter - nicht ganz einfach, aber tiefschürfend. Zu diesem Schluss kommt in Abwandlung des Bibelzitates, wer wieder in Kirche eintreten möchte. Ist der Kirchenaustritt ein einfacher Verwaltungsakt, der kaum Zeit, eine Unterschrift im Einwohnermeldeamt und 31 Euro kostet, fallen bei der "Wiederversöhnung mit der römisch-katholischen Kirche", so der O-Ton in den offiziellen Kirchenschreiben zwar keine Kosten an, aber viel Papier. Einschließlich eines persönlichen Briefes des Bischofs.

Der Fall einer Rückkehr in die Kirchengemeinde in Ebern geriet in den vergangenen Wochen zum Marsch durch Institutionen, die eigene Familiengeschichte und der Recherche bei zwei Theologie-Professoren samt dem Wälzen einiger Enzyklopädien.

"Da schreib' ich einfach eine E-mail an den Bischof, das ist schnell erledigt", bereitete Pater Rudolf Theiler den Weg, nachdem er ein Versprechen eingelöst und für den Sieg der Bamberger Basketball im Sonntagsgottesdienst gebetet und gepredigt hatte, die daraufhin erneut deutscher Meister wurden. Darum hatte ihn Basketball-Fan Ralf Kestel gebeten und für den Erfolgsfall seine Rückkehr in den Schoss der katholischen Kirche versprochen.

So kam's denn auch: Die Brose Baskets triumphierten, vor dem laufenden Mikrofon von Antenne Bayern besiegelten Kestel und der Stadtpfarrer den "Antrag auf Rekonziliation", der dann doch mehr Aufwand erforderte als nur eine E-mail.

Vielerlei Unterlagen galt es zu besorgen: Zum Beispiel das Taufzeugnis. Womit das erste Problem schon auftauchte. Denn entgegen der bisherigen, 57 Jahre alten Überzeugung erfolgte die Taufe nicht in der Heimatpfarrei, sondern fünf Tage nach der Geburt noch in der Entbindungsstation am Bamberger Markusplatz, weswegen sämtliche Unterlagen und Daten im Pfarrbüro St. Martin hinterlegt sind. Sozusagen: das kirchliche Personenstandsregister. Wie hilfreich, denn auch die Daten über die kirchliche Trauung werden benötigt und sind dort festgehalten.


Familienstammbuch reicht nicht

Dann wird's wieder weltlicher: Angaben über die Scheidung von der ersten Frau, Angaben zur zweiten Heirat, über die neue Partnerin, deren Scheidung und deren "Ex". Kopien von den jeweiligen Verwaltungsakten inklusive. Ein Familienstammbuch reicht da nicht aus. Zum Glück stand einem die hilfreiche Hand im Pfarrbüro, Veronika Müller, zur Seite.

Letztlich noch die Bitte an Generalvikar Thomas Keßler in Würzburg, der einen persönlich kennt, Pater Rudolf Theiler die Bevollmächtigung im Namen des Ordinarius, des Bischofs, zu erteilen, die Wiederaufnahme zu vollziehen und dem Rückkehrer die "durch den Kirchenaustritt zugezogene Strafe" zu erlassen, was der Paragraf 1355 CIC (Corpus Iuris Canonici ) regelt. Ein Kirchenrecht, das bis ins Mittelalter zurückreicht.


Strafandrohung

Welche Strafe, welche Absolution? Das Dekret des Pfarrers, der dazu vom Bischof laut can 1335 § ermächtigt wird, macht stutzig und neugierig zugleich. "Der can. 1355 CIC bestimmt nicht das Strafmaß bei einem Kirchenaustritt, sondern legt fest, welche kirchliche Autorität eine vom Gesetz bestimmte Strafe erlassen kann", teilte dazu Professor Dr. Herbert Hallermann vom Lehrstuhl für Theologie der Uni Würzburg mit.

Demnach kann der Bischof eine vom Gesetz bestimmte Strafe, wenn sie verhängt oder festgestellt worden ist, erlassen, wenn dies nicht dem Apostolischen Stuhl vorbehalten ist. Und der Bischof kann diese Befugnis nach Rücksprache auch auf den Ortspfarrer übertragen.

Noch tiefer ins Detail geht Dr. Marcus Nelles von der theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München: "Das Gesetz, genauer gesagt der Codex Iuris Canonici von 1983, kennt den Tatbestand des Kirchenaustritts als solchen nicht; der Kirchenaustritt erfolgt ja nicht vor einer kirchlichen, sondern einer staatlichen Stelle und stellt eine Besonderheit des deutschen Kirchenrechts dar. Die Deutsche Bischofskonferenz vertritt die Rechtsauffassung, dass der vor einer staatlichen Stelle erklärte Kirchenaustritt den Tatbestand des Schismas (Anm. d. Red.: Kirchenspaltung) gemäß can. 751 CIC/1983 erfüllt und somit die Tatstrafe der Exkommunikation nach sich zieht. Im Gegensatz zu einer Spruchstrafe wird die Tatstrafe nicht durch Gerichtsverfahren oder im Dekretweg verhängt, sondern der Täter zieht sie sich bereits durch die Begehung der Tat zu."

Eine entsprechende Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz von 2006 führe die beständige Rechtsauffassung seit 1937 fort. Im Klartext: Wer aus der Kirche austritt, begeht mit seiner Austrittserklärung einen schismatischen Akt, der ohne Zutun einer kirchlichen Stelle die Exkommunikation aus der Kirche begründet, klärt Marcus Nelles auf.


Austritt = Exkommunikation

Der wiederverheiratet Geschiedene wird also nicht nur von den Sakramenten wie Beichte und Kommunion ausgeschlossen, sondern beschwört durch den Kirchenaustritt auch die Exkommunikation herauf.

Zur Wirksamkeit der Exkommunikation sei es nicht erforderlich, dass der Ordinarius (Pfarrer sind nicht Träger der für solche judikativen Akte erforderlichen Hoheitsgewalt) in irgendeiner Weise tätig wird und die Strafe eigens erlässt, so der Theologe aus München weiter.

Wie die Bischöfe in ihrer Erklärung deutlich machen, bleibt die Wirkung der (Beuge-)Strafe so lange bestehen, bis sich der Ausgetretene wieder mit der Kirche versöhnt und sich zum Wiedereintritt entschließt.

Das haben in Ebern schon mehrere getan, wie der Pfarrer offenbart. "Der Basketball-Fan war dabei schon etwas ganz Besonderes und eine totale Ausnahme", fasst Pater Theiler seine Erfahrungen zusammen. "Bei anderen Fällen ging es meist darum, dass der Austritt schon sehr lange zurück lag und/oder eine schwere Krankheit oder schwierige Operation bevorstanden, oder sich ein kirchliches Ereignis wie Heirat oder Patenschaft abzeichneten oder auch durch die Beziehung zu einem Lebenspartner."

Zu den vielen Schreiben ans Kirchensteueramt, ans VG-Standesamt und fürs Finanzamt, die zusammen mit dem Bischofsgruß eingingen, und unterschrieben werden mussten, gehörte auch der Wortlaut des Glaubensbekenntnisses: Der war noch bekannt, als Kind auswendig gelernt ...
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