Bamberg
Podiumsdiskussion

Der Pflegeskandal Gleusdorf und die Folgen - So lief die MGO-Diskussion

Nach dem Pflegeskandal in Gleusdorf diskutierten Experten bei der Mediengruppe Oberfranken über Pflege-Missstände. Und wie sie verhindert werden können.
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Das Podium im Verlagsgebäude der Mediengruppe Oberfranken: Bamberger Redaktionsleiter Michael Memmel (v.l.), VdK-Kreisgeschäftsführer Friedrich Koch, stellv. AOK-Vorstandschef Bayern Hubertus Räde, Gesundheitsministerin Melanie Huml, MDK-Abteilungsleiter Thomas Muck, Joachim Görtz vom Verband privater Anbieter sozialer Dienste, FT-Redakteur Ralf Kestel und Chefredakteur Frank Förtsch.  Fotos: R. Rinklef, Groscurth
Das Podium im Verlagsgebäude der Mediengruppe Oberfranken: Bamberger Redaktionsleiter Michael Memmel (v.l.), VdK-Kreisgeschäftsführer Friedrich Koch, stellv. AOK-Vorstandschef Bayern Hubertus Räde, Gesundheitsministerin Melanie Huml, MDK-Abteilungsleiter Thomas Muck, Joachim Görtz vom Verband privater Anbieter sozialer Dienste, FT-Redakteur Ralf Kestel und Chefredakteur Frank Förtsch. Fotos: R. Rinklef, Groscurth
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Das Pflegeheim in Gleusdorf (Landkreis Haßberge) sorgt seit Monaten für bundesweite Schlagzeilen. Seit Monaten ermittelt auch die Justiz. Und seit Monaten beschäftigen diese Vorgänge unseren Redakteur Ralf Kestel aus Ebern. Auf einer Podiumsdiskussion der Mediengruppe Oberfranken (MGO) im Bamberger Verlagsgebäude schilderte er die drastischen Missstände, auf die er im Laufe seiner umfangreichen Recherchen stieß. Viele Details seien schrecklich und bestürzend. "Es waren Dinge dabei, die ich in Deutschland nicht für möglich gehalten habe."

Der erfahrene Journalist sprach von Körperverletzungen, von gefälschten Pflegeprotokollen und Mobbing. Viele Bewohner der Seniorenresidenz Gleusdorf seien Sozialhilfeempfänger und hätten keine Familie mehr. Die Betreiber hätten laut Kestel alles abgestritten. Dennoch gebe es ausreichend Aussagen von Betroffenen, die bereit seien, ihre Beobachtungen unter Eid zu bezeugen.

Die Vorwürfe waren so massiv, dass dieses Material auch die Grundlage für die Ermittlungen der Bamberger Staatsanwaltschaft bildet. Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) erklärte bei derDiskussion am Donnerstagabend: "Wir müssen die Vorkommnisse ernst nehmen und solchen Fällen nachgehen." Ihrer Meinung nach sei in diesem Fall keine der beteiligten Institutionen so richtig den Vorwürfen nachgegangen. "Wir müssen uns besser austauschen. Das stelle ich hier fest."

Für die Kontrollen des Heimes war unter anderem der Medizinische Dienst der Krankenversicherung Bayern (MDK) zuständig. Thomas Muck, Abteilungsleiter dieser Einrichtung, sagte auf Nachfrage von MGO-Chefredakteur Frank Förtsch, wie man effektivere Kontrollen solcher Heime gewährleisten könne: "Im Fall Gleusdorf muss man aufpassen, denn es sind dort mutmaßlich andere Dinge am Laufen, kriminelle Dinge, die der MDK mit seiner Qualitätsprüfung in einer Momentaufnahme gar nicht beheben kann."

Dem pflichtete auch Hubertus Räde, stellvertretender Vorstandschef der AOK Bayern, bei: "Wir können nur stichprobenartig Heime testen. Wenn jetzt hier viel kriminelle Energie unterwegs ist, dann ist das etwas, was wir mit dem herkömmlichen System nicht in Augenschein bekommen."


Keine Vorverurteilung

Dagegen warnte Joachim Görtz vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) vor voreiligen Schlüssen: "Wir müssen zunächst einmal die Justiz arbeiten lassen. Denn die Gerichte entscheiden über die Relevanz der Vorwürfe. Ich lehne daher eine Vorverurteilung entschieden ab."

Der bpa bildet mit mehr als 9500 aktiven Mitgliedseinrichtungen die größte Interessenvertretung privater sozialer Dienstleistungen - darunter befindet sich auch das Pflegeheim in Gleusdorf.


Angehöriger: "Es geht nur noch ums Geld"

Der Schwiegersohn eines früheren Bewohners in der Seniorenresidenz legte schonungslos offen, wie schlimm das Leben in dem Heim gewesen sei: "Leute geben Angehörige dorthin zur Betreuung, um die letzten Tage angenehm zu gestalten. Mit Mitteln, die sie selbst gezahlt haben. Jetzt passieren solche Sachen, der letzte Groschen wird den Leuten noch genommen. Es ist keine Sache mehr von Pflege, es geht nur noch ums Geld. Das ist so traurig!" Monatelang war ein Loch im Fenster des Zimmers seines Schwiegervaters gewesen, aber niemand habe das repariert. Zudem sei der Bewohner unzureichend gepflegt worden. Unterlagen und Fotos reichte der Schwiegersohn sofort in Richtung Podium weiter.

Für Ministerin Huml sind solche Vorfälle ein klares Indiz, dass es mehr Transparenz und härtere Kontrollen in den Heimen geben müsse: "Ich muss aus dem Pflege-TÜV wirklich herauslesen können, dass mein Angehöriger richtig und gut gepflegt wird." Allerdings gab sie auch zu bedenken, dass allein mehr Kontrollen kriminelle Machenschaften nicht verhindern könnten.

Huml appellierte: "Wir müssen vielmehr prüfen, wird das Instrument der Kontrolle richtig angewandt? Und müssen wir dieses noch schärfen?" Sie betonte auch: "Man muss eine Kultur des Hinschauens herstellen." Das dürfe sich nicht nur auf das Personal beziehen. "Wir müssen alle aufmerksamer sein, gesamtgesellschaftlich gesehen."


Huml: Große Probleme bei der Heim-Bewertung

Melanie Huml legte bei der Diskussion den Finger in eine Wunde, die auch die Politik angeht. Über die Kontrollen von Heimen sagte sie: "Dinge, wie Prüfkriterien, müssen aussagekräftig sein, das sind sie derzeit nicht!"

Ein Satz, dem auch Thomas Muck vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung Bayern (MDK) zustimmte. Der MDK ist für diese Kontrollen zuständig, weiß aber um die Defizite, so Muck. "Mir wäre es auch lieber, wenn der MDK alle Heimbewohner anschauen und prüfen könnte. Doch das will der Gesetzgeber nicht. Somit geschieht dies nur stichprobenartig. Selbst dann können Patienten oder deren Betreuer Befragungen ablehnen. Wir könnten uns daher schon vorstellen, dass man die Qualitätsprüfung anders durchführt." Hubertus Räde, stellvertretender AOK Bayern-Vorstandschef, forderte: "Wir müssen weiter Verbesserungen anstreben. Den Menschen sollten wir ein System anbieten können, aus dem besser als heute ablesbar ist, welche Einrichtung gut arbeitet."

In diesem Zusammenhang kündigte Huml Verbesserungen in der Gesetzgebung des Bundes an: "Bayern wird sich dafür stark machen, dass es zu einer neuen Form der Benotung von Pflegeheimen kommt, damit auch jeder die richtigen Schlüsse daraus ziehen kann." Ein Punkt, der für Joachim Görtz vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste nicht so sehr ins Gewicht fällt: "Die Menschen gehen schließlich auch zu den Ärzten, denen sie vertrauen und richten sich dabei nicht nach Bewertungen."


So ermittelt die Justiz

U-Haft
Was genau geschah hinter den Mauern der Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf? Seit August 2016 ermittelt die Staatsanwaltschaft Bamberg gegen Verantwortliche des Heims. Die Geschäftsführerin und der Pflegedienstleiter waren im November unter dem Verdacht des Totschlags an Heimbewohnern verhaftet worden. Der Pflegedienstleiter ist mittlerweile auf freiem Fuß. Gegen den Mann bestehe kein dringender Tatverdacht.

Todesfälle
Fünf ungeklärte Todesfälle werden geprüft. In einem Fall soll ein Heimbewohner gestürzt und daraufhin kein Arzt gerufen worden sein. Der Mann sei kurz darauf gestorben. Mit einem Ende der Ermittlungen ist nicht vor Mitte des Jahres zu rechnen


Das sagt der Anwalt der Heimleitung

Die Vorwürfe gegen die Heimleitung der Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf sind schwerwiegend. Doch was sagen die Beschuldigten dazu? Auf der MGO-Podiumsdiskussion äußerte sich deren Verteidiger, Thomas Mönius aus Forchheim. Er beklagte, dass sich Heimleitung und Mitarbeiter an den Pranger gestellt fühlten. Er betonte: "Das Ermittlungsverfahren steht noch ziemlich am Anfang. Die Verteidigung hat bislang nur sehr beschränkte Aktenkenntnis." Mönius weiter: "Das Heim ist trotz der Vielzahl der öffentlichen Angriffe noch immer fast voll belegt. Kein Bewohner hat das Heim aufgrund der bisher bekannt gewordenen Angriffe verlassen. Kein Mitarbeiter hat trotz dieser Angriffe gekündigt." Zum Ende seiner Stellungnahme sagte er: "Unser Strafrechtsverfahren wird durch den Grundsatz bestimmt, dass jeder bis zu seiner rechtskräftigen Verurteilung für unschuldig zu gelten hat."


Woran ist ein gutes Pflegeheim zu erkennen?

Wie erkennen Menschen, ob ein Heim kompetente Pflege anbietet? Hubertus Räde, stellvertretender Vorstand der AOK Bayern, erklärte dazu auf dem Podium der MGO-Diskussion: "Wir müssen ehrlich sein: Wenn ich mit 1,0 im Pflege-TÜV abschneide, meinen die Leute, dass dies eine Top-Note ist. Das ist aber nicht gemeint. Dann erfüllt die Einrichtung nur den Standard." Sein Rat: Jeder solle sich selbst ein Bild vor Ort von der Einrichtung machen. Und dort hinterfragen, welchen Eindruck das Haus macht. Diese Verantwortung treffe alle, so Räde. Man dürfe sich eben nicht nur auf den Pflege-Navigator oder den Pflege-TÜV verlassen. Bambergs VdK-Kreisgeschäftsführer Friedrich Koch meinte: "Als Bamberger würde ich immer eine Einrichtung in der Stadt empfehlen. Man sollte nicht seine vertraute Umgebung im Alter plötzlich verlassen." Kriterien für ein gutes Pflegeheim seien: aufmerksames Personal, das auch Besucher anspricht sowie Sauberkeit im Haus, ergänzte Koch.


Düstere Aussichten

Derzeit gibt es im Freistaat rund 330 000 pflegebedürftige Menschen. Tendenz steigend. "Bald wird diese Zahl auf 500 000 ansteigen", prognostizierte Joachim Görtz vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste. Alle Städte im Freistaat würden kontinuierlich eine Bedarfsplanung in Sachen Pflege durchführen. "Im Moment gibt es in der Region Bamberg ausreichende Strukturen, was die Pflege alter Menschen betrifft", fügte Görtz an. Ab 2025 aber würden sich deutliche Engpässe abzeichnen. Grund: Es fehlen dann genügend Fachkräfte in den Pflegeheimen.
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