Haßfurt
Strafprozess

Der Notruf lässt keine Zweifel

Ein 25-Jähriger war auf seine Ex-Freundin mit dem Auto losgefahren und landete deshalb vor Gericht. Für die Zeugen hätte das Verfahren eine schlimme Wendung nehmen können, wenn der Beschuldigte nicht vorher eingelenkt hätte.
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Das Amtsgericht in Haßfurt. Foto: FT-Archiv
Das Amtsgericht in Haßfurt. Foto: FT-Archiv
Am Samstag, 1. Juni, dieses Jahres, spät abends gegen halb elf, soll es laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft in einem kleinen Dorf im Norden des Landkreises zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen einer jungen Frau und zwei Männern gekommen sein. Der Streit, so trug Staatsanwalt Bernd Lieb bei einem Prozess am Amtsgericht in Haßfurt vor, sei dermaßen eskaliert, dass ein 25-Jähriger mit seinem Auto auf seine Ex-Freundin zugefahren und diese zu Boden gestürzt sei. Obwohl der Angeklagte erst einmal alles abstritt, nahm er in letzter Sekunde seinen Einspruch gegen den Strafbefehl wegen Verkehrsgefährdung zurück und verhinderte damit wohl Schlimmeres.
Der Strafprozess war zustande gekommen, weil der Beschuldigte Einspruch gegen den Strafbefehl eingelegt hatte.

Immer wieder können Zuhörer vor Gericht erleben, dass Zeugen - entgegen ihrer vorherigen Aussage bei der Polizei - vor Gericht einen Angeklagten entlasten wollen. Diese Rechnung geht meistens nicht auf, weil nach deutschem Recht eine Person absolut verpflichtet ist, im Zeugenstand die Wahrheit zu sagen. Eine Falschaussage vor Gericht ist alles andere als ein Bagatell- oder Kavaliersdelikt.

Weil es dadurch zu Fehlurteilen kommen kann, wird dieses Delikt hart bestraft. Wer dabei erwischt wird, dem droht keine Geldstrafe mehr, sondern gleich eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren.
Das versuchte Amtsgerichtsdirektor Wolfgang Titze einem jungen Burschen auf der Anklagebank klar zu machen. Der stellte sich erst einmal stur. Aber nachdem er sich mit seiner Rechtsanwältin Kerstin Rieger beraten hatte, nahm er seinen Einspruch zurück.

Ausschlaggebend für den Sinneswandel war offensichtlich, dass der Richter die Tonbandaufnahme eines Notrufs vorspielte. Im Gerichtssaal des Haßfurter Amtsgerichts war es mucksmäuschenstill, als man hörte, wie sich der diensthabende Beamte meldete. Dann vernahm man die sich überschlagende, angsterfüllte und schrille Stimme einer atemlos in ihr Handy sprechenden jungen Frau: "Jetzt fährt er schon wieder mit vollem Karacho auf uns zu", kreischte sie.

Der Polizist schickte unverzüglich den nächsten Streifenwagen in die Ortschaft. Als die Beamten eintrafen, hatte sich der aggressive Autofahrer bereits aus dem Staub gemacht. Die Polizeibeamten fuhren daraufhin zu seiner Wohnung und klingelten ihn heraus. Eine um viertel zwölf entnommene Blutprobe ergab 2,48 Promille.

Die Frau, die den Notruf abgesetzt hatte und der zweite Beteiligte, ihr neuer Freund, beschuldigten bei der Erstvernehmung den 25-Jährigen schwer. Drei Tage später riefen sie bei der Polizei in Ebern jedoch an und erklärten, dass sie die ganze Geschichte nur erfunden hätten.

Die Tonbandaufnahme aber war dermaßen authentisch, dass sie damit nicht durchgekommen wären. Um das in dieser Weise vorzuspielen, "müsste die Zeugin eine perfekte Schauspielerin sein" meinte der Vorsitzende Richter.

Gerade noch, bevor die Zeugen aufgerufen wurden, nahm der wortkarge Angeklagte, dessen innerliche Unruhe man nur an seinen nervös zuckenden Fingern ablesen konnte, seinen Einspruch gegen den Strafbefehl zurück. Damit akzeptierte er die Geldstrafe von 70 Tagessätzen á 40 Euro, also insgesamt 2800 Euro plus einen zehnmonatigem Führerscheinentzug. Mit seiner Entscheidung ersparte er vor allem den Zeugen ein Malheur.
Der Angeklagte selbst darf im Prozess schweigen oder sogar die Unwahrheit sagen, ohne dass ihm Folgen drohen. Zeugen aber nicht. Sie müssen aussagen und dann die Wahrheit sagen...
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