Ebern
Ausstellungseröffnung

Judenfriedhof in Ebern: Ausstellung über die Landjuden

In Ebern werden die Forschungsergebnisse eines Teams der Uni Düsseldorf über die Juden gezeigt, die in der Flurabteilung "Paradies" bestattet wurden.
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Studenten des Instituts für jüdische Studien an der Universität Düsseldorf entziffern und erforschen seit 2008 die Grabsteine des Eberner Judenfriedhofs. Foto: FT-Archiv
Studenten des Instituts für jüdische Studien an der Universität Düsseldorf entziffern und erforschen seit 2008 die Grabsteine des Eberner Judenfriedhofs. Foto: FT-Archiv
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Fast 1100 Grabsteine, dazu noch viele weitere Gräber. Eberns Judenfriedhof barg viele Geheimnisse. Die hat ein Team der Uni Düsseldorf in jahrelanger Arbeit gelüftet, hebräische Inschriften entziffert, (Familien-)Geschichte(n) aufgezeigt."Der Ort hat uns gefangen gehalten", sagte Professor Stefan Rohrbacher bei der Eröffnung der Ausstellung, mit der die Ergebnisse seiner Forschungen dargelegt werden. "Wir haben den Friedhof für uns erschlossen und Hintergründe recherchiert", die nun auf Schaubildern und in einer Schrift vorgestellt werden. Die Ausstellung dauert bis 11. September.

In trauter Runde verließ ihn die wissenschaftliche Zurückhaltung und die Begeisterung übermannte ihn: "Das ist in Deutschland einmalig, wie hier die Geschichte der Landjuden anhand eines Friedhofs aufgerollt wird." Seit Mai 2008 fasziniert der Eberner Judenfriedhof Professor Stefan Rohrbacher, dessen Geheimnisse er zusammen mit seinen Studenten der Uni Düsseldorf lüftete, Grabinschriften entschlüsselte und aus dem Hebräischen übersetzte.

Den Ergebnissen dieser Arbeit kann man bis 11. September in einer Ausstellung im Ossarium sowie der xaver-mayr-gelarie nachspüren sowie in einer 64-seitigen, höchst interessanten und spannenden Schrift der Eberner Heimatblätter, die der Bürgerverein herausgab, nachblättern.

Die Grabinschriften geben in ebenso blumigen wie verschlüsselten Formulierungen Aufschluss über den Werdegang der Verstorbenen, wobei dem Eberner Friedhof, der bei Einheimischen als ebenso versteckter wie verwunschener Ort gilt, eine besondere Stellung zukommt: Obwohl in Ebern nie eine jüdische Gemeinde existierte, erfolgten in der Flurabteilung namens "Paradies" ab 1663 (bis 1917) Bestattungen von vielen Juden aus einem Bereich von Ermershausen bis Reckendorf, von Autenhausen bis Burgpreppach.

"Von den Beerdigungszügen von Reckendorf nach Ebern gibt es teils erschreckende Beschreibungen", hat der Leiter des Instituts für jüdische Forschungen an der Uni Düsseldorf, Professor Rohrbacher, herausgefunden.
Bemerkenswert findet der Experte, dass die Grabinschriften "meist anspruchsvoll waren, aber ausnahmslos hebräisch" blieben.


Nur eine deutsche Inschrift

"Nur ein einziger hat eine deutsche Inschrift", eruierte Rohrbacher bei fast 1100 Grabsteinen. Das reizte ihn, die "Geschichte und die Familiengeschichten dahinter zu erforschen". Rohrbacher: "Es gibt einem Friedhof Leben, wenn die Grabsteine entziffert sind und die zugehörigen Hintergründe aufgedeckt werden." Dazu zählt er auch den Grabstein der Urgroßeltern von Henry Morgenthau jun., der von 1934 bis 1945 als Finanzminister der Vereinigten Staaten fungierte und dessen Plan es war, Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in einen Bauernstaat zu verwandeln.

Morgenthaus Vorfahren lebten in Gleusdorf. Moses Morgenthau war Lehrer und Schächter, ein Nachfahre agierte als US-Botschafter im Osmanischen Reich. Aktueller Bezug: Henry Morgenthau sen. war als Botschafter Zeuge des Genozid der Türken an Armeniern und verfasste einen Bericht, der 1918 in den USA veröffentlicht wurde.


"Für mich der schönste"

Doch nicht nur am Schicksal der Familie Morgenthau lassen sich globale und geschichtliche Bezüge ablesen, die auf jüdische Familien aus Reckendorf, Kraisdorf, Burgpreppach, Pfarrweisach, Untermerzbach, Maroldsweisach, Memmelsdorf und Gleusdorf zurückgehen.

Viele Schicksale hat Rohrbacher im Eberner Heimatblatt ausführlich dargestellt. "Das ist auch ein Stück unserer Kulturgeschichte. Ebern ist nicht der älteste und nicht der größte Judenfriedhof, für mich aber der schönste. Er hat mich von Anfang an verzaubert."

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