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Breitbrunn
Selbstjustiz

Das Opfer und ein Täter kamen in Fußfesseln

Weil er sie über den Tisch gezogen hat, erhielt ein Mann in Breitbrunn unangenehmen Besuch von seinen Gläubigern. Die Schläger wurden jetzt verurteilt.
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Wie dieser Gefangene auf unserem Archivbild wurden zwei Beteiligte mit Fußfesseln in den Gerichtssaal gebracht. Symbolfoto: Matthias Hoch
Wie dieser Gefangene auf unserem Archivbild wurden zwei Beteiligte mit Fußfesseln in den Gerichtssaal gebracht. Symbolfoto: Matthias Hoch
Der Überfall von Geldeintreibern auf den Mieter eines Anwesens in Breitbrunn im September 2015 war schnell geklärt, die fünf Täter noch in der selben Nacht gefasst. "Mich holte die Coburger Kripo aus dem Bett und brachte mich in den Knast nach Kronach", erzählte einer der Beteiligten unserer Redaktion. Zwei weitere Mittäter landeten in der selben Nacht in den Justizvollzugsanstalten in Bamberg und Schweinfurt.

Die Ermittler der Schweinfurter Kriminalpolizei wurden vor keine großen Probleme gestellt: Das Opfer kannte seine Peiniger, die losschlugen und traten, und der 25-Jährige wusste auch den Grund, warum sie auf ihn eindroschen. Zudem hatte eine Nachbarin die Kennzeichen der Autos des Überfall-Kommandos, in denen noch Fahrer warteten, notiert.
Allesamt mit LIF-Nummern.

Es war also kein Attentat der Mafia, wie manche in Breitbrunn schon munkelten, sondern nur der Versuch einer Autoschrauber-Clique vom Obermain, an Gelder und Autos zu kommen, die ihnen der Überfallene schuldete oder versprochen hatte, wie er jetzt selber zugab.

Dieser Fall von Selbstjustiz wurde am Montag vor dem Schöffengericht in Bamberg unter Vorsitz von Richterin Marion Aman verhandelt.

Dabei legten die fünf Angeklagten allesamt ein Geständnis ab und räumten den Tathergang ein, wie ihn Staatsanwalt Schell in der Anklageschrift aufgezeigt hatte. Somit erübrigte sich ein zweiter Verhandlungstag, und es mussten auch nicht alle zwölf Zeugen gehört werden, was bei der Urteilsfindung als positiv bewertet wurde.

Nach einem Rechtsgespräch mit allen Verfahrensbeteiligten, längeren Beratungen und einer formulierten Vereinbarung als "einmaligem Angebot", so die Richterin, wurde das Verfahren abgekürzt. Die Strafen für die fünf Männer vom Obermain im Alter von 25 bis 43 Jahren bewegen sich zwischen zwei Jahren und drei Monaten für einen bald 26-Jährigen, der schon in Ketten vorgeführt wurde und eine ganze Latte an Vorstrafen aufzuweisen hat, bis zu einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung für zwei weniger aktive Schläger (25 und 26 Jahre), die hauptsächlich die Verlobte des Opfers in Schach gehalten hatten, damit sie nicht die Polizei oder Hilfe holen konnte.

Zwei weitere Männer (33 und 43), einer davon vorbestraft, kamen mit zwei Jahren auf Bewährung davon, müssen also nicht ins Gefängnis, was für unseren Informanten ein Debakel bedeutet hätte, wie er zusammen mit seiner Ehefrau im Gespräch darlegte: "Dann wäre alles kaputt, die Familie mit vier Kindern, der Beruf, das Haus, ein beliebtes Hobby mit Tieren, und, und, und..."

Doch dazu kam es nicht. Aber Geldauflagen zwischen 2000 und 6000 Euro sowie der Verzicht auf Forderungen gegenüber dem Opfer, quasi als Ersatz für ein Schmerzensgeld, wurden den Tätern schon noch aufgebrummt. Zusammen mit den Verfahrenskosten "bluten" sie also auch finanziell.


Tathergang bestätigt

Zum Tathergang ergaben sich aufgrund der Zeugenaussagen kaum Fragen. Unklar blieb nur, ob sich die Gruppe abgesprochen hatte, den Schuldner aufzumischen, oder ob sich die Situation "nur" aufschaukelte. "Ich hatte gedacht, dass ich mein Geld vielleicht doch noch kriege, wenn wir etwas Druck machen. Keiner hatte gedacht, dass das so eskaliert", schilderte unserer Redaktion der 35-Jährige seine Sicht der Dinge, dessen Ehefrau 7000 Euro für ein Auto angezahlt hatte, das nie geliefert wurde. "Es war eine Kurzschlussreaktion nach ein paar Bierchen."

Davon - plus Sechsämter-Tropfen - hatten auch die anderen einige intus. Sie alle ließen über ihre Verteidiger erklären, dass sie die Tat bereuen und es ihnen leid tue.

"Es gab keinen Tatplan, es sollte nur Druck aufgebaut werden" und durch die "erschreckende Gruppendynamik" kam es zu den Fausthieben, die Eskalation sei "vor Ort" und durch "falsche Kumpanei" eingetreten, beschrieben Verteidiger der Gläubiger, von denen einer 32 000 Euro oder einen Porsche zu kriegen hatte, die Situation.
"Das hat sich hochgeschaukelt. Es ist nicht meine Art, auf diese Art Geschäfte zu betreiben und Geld einzutreiben", sagte der geprellte Porschefahrer.
Einer der Mitläufer ließ über seine Anwältin erklären, dass "er nicht wie ein Schlappschwanz nur rumstehen wollte, aber es war für ihn eine surreale Situation, weil da auch die Kleinkinder da waren". Aber das aggressive Potenzial habe ihren Mandaten angesteckt, weswegen er zum Schluss auch zugeschlagen habe.


Verständnisvolles Opfer

Überraschenden Beistand erhielten die Angeklagten vom Opfer selbst. Der 25-Jährige beschönigte nun die ganze Aktion, obwohl er unmittelbar im Nachgang offenbar versucht hatte, Angehörige der Täter zu Geldzahlungen zu bewegen, damit er seine Anzeigen zurückzieht.

Jetzt plötzlich hatte er dem Autohändler unter den Angeklagten "viel zu verdanken , weil er mir oft geholfen hat", was bisweilen zu Schulden bis 100 000 Euro beim Angeklagten und dem nicht gelieferten Porsche führte. Das Opfer zeigte sogar Verständnis für die Haus-Erstürmung: "Ich hatte damit gerechnet, dass es ernst wird. Die Stimmung war anders geworden. Ich hatte die Leute doch ziemlich lange vertröstet."

Zwei der Autofahrer, die den Schlägertrupp ob deren Bierkonsums nach Breitbrunn chauffiert hatten, hatten auch noch Forderungen. "Aber das hängt mit einer anderen Sache zusammen", führte der Zeuge aus, wobei ihn die Richterin ausbremste, dass er sich wegen noch anhängiger Verfahren nicht belasten müsse.

"Da stehen wegen eines Verfahrens in Schweinfurt fünf Jahre im Raum", wusste Richterin Aman über diesen Zeugen mit JVA Bamberg als aktueller Ladungsadresse. "Da kommt noch ein bisschen 'was zusammen", pflichtete der bei. Nach Recherchen unserer Zeitung handelt es sich um Betrugsfälle in den Räumen Hildburghausen, Bad Neustadt und Lichtenfels - in dieser zeitlichen Abfolge.

Auch wunderte sich die Richterin, dass zunächst von massivsten Verletzungen im Gesicht die Rede gewesen sei und "nun auf einmal nix mehr und alles halb so schlimm war".

Der Geschädigte stellte heraus, dass sein Anwalt nie Schmerzensgeld-Forderung erhoben habe und er auch jetzt - im Gerichtssaal - alle fünf Strafanträge gegen die Beschuldigten zurückziehe.

"Das hat bei den polizeilichen Vernehmungen noch anders geklungen und er wollte aufgrund der Verletzungen noch Geld herausschlagen", kommentierte Staatsanwalt Schell diese Einlassungen. Schell bezeichnete den Zorn der Gläubiger als "noch verständlich", aber: "Zur Klärung gibt's die Justiz."


"Schillernde Gestalt"

Der Staatsanwalt war von einer Absprache unter den Angreifern überzeugt ("Das wurde in der Werkstatt vorher besprochen") und kreidete den Angeklagten das "Eindringen in den geschützten Lebensbereich und die Tätlichkeiten" an.

Noch einen Aspekt fügte Richterin Aman hinzu: das Zusammenschlagen im Beisein von Kleinkindern.
In ihrer Urteilsbegründung beschrieb sie das Opfer als "schillernde Gestalt, die ihre Geschäfte auf dem Rücken Anderer austrägt". Die Vorsitzende: "Der hat noch ganz andere Probleme mit ganz anderen Gläubigern und sitzt auch noch länger." Das mache den Sachverhalt erklärbar, aber nicht entschuldbar. "Und bei ihren Tätlichkeiten war es besonders verwerflich, dass kleine Kinder dabei waren, auch wenn das Opfer das nun verharmlost."


Selbstjustiz war abgesprochen

Aman war auch davon überzeugt, dass die Besucher geplant hatten, ihrem Opfer eine Abreibung zu verpassen: "Denn dass er Geld daheim hat, war kaum anzunehmen, da er sie wochenlang vertröstet hatte. Das war keine Spontan-Handlung, sondern ein gezieltes Eindringen in den geschützten Lebensbereich in Gegenwart der Verlobten und der Kinder."

Dass sich für vier der Angeklagten die Hoffnung auf eine Bewährungsstrafe dennoch erfülle, verband sie mit den uneingeschränkten Geständnissen zu nicht mehr harmlosen Anklagepunkten, den Zugeständnissen bei der Schadenswiedergutmachung und den Lehren, die der Haft-Eindruck (während der Untersuchungshaft) und "hoffentlich die Hauptverhandlung" hinterlassen habe.

Die Urteile erfolgten unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit versuchter Nötigung. Beim Haupttäter wurden dabei zwei weitere Fälle einbezogen.

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