Haßfurt

Muslimisches Freitagsgebet in katholischem Pfarrheim in Haßfurt

In Haßfurt können Muslime seit Juni 2016 ihr Freitagsgebet im katholischen Pfarrheim verrichten. Pfarrer Stephan Eschenbacher wünscht sich Dialog.
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Das Haßfurter Pfarrheim liegt links neben dem Pfarrhaus (Bildmitte). Hier dürfen die Muslime aus der Region sich zum Freitagsgebet treffen. Pfarrer Eschenbacher hofft auf gegenseitiges Lernen. Foto: Albin Schorn
Das Haßfurter Pfarrheim liegt links neben dem Pfarrhaus (Bildmitte). Hier dürfen die Muslime aus der Region sich zum Freitagsgebet treffen. Pfarrer Eschenbacher hofft auf gegenseitiges Lernen. Foto: Albin Schorn
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In Haßfurt können Muslime seit Juni 2016 ihr Freitagsgebet im katholischen Pfarrheim verrichten. Was Pfarrer Stephan Eschenbacher zu diesem Schritt veranlasst hat und wie Dialog ganz praktisch aussehen kann, erläutert er.

Was ist der Anlass dafür, dass Sie Muslimen zum Freitagsgebet das Pfarrheim in Haßfurt öffnen?

Stephan Eschenbacher: Ein Organisator des Freitagsgebets arbeitet bei der Caritas als Übersetzer. Über ihn kam die erste Anfrage an uns, ob wir während der Zeit des Ramadan einen Raum zum Gebet zur Verfügung stellen könnten, da es in der Region keine Moschee gibt. Die Anfrage war sehr kurzfristig, aber ich habe spontan zugesagt. Nach Ende des Ramadan kamen Vertreter der Muslime auf mich zu und fragten, ob es möglich wäre, weiterhin im Pfarrheim das Freitagsgebet abhalten zu können. Wir hatten dann ein Gespräch und sind zu der Übereinkunft gekommen, dass es für die Muslime in der Region grundsätzlich möglich ist, im Pfarrsaal am Freitag zu beten. Sollte der Pfarrsaal einmal durch eine andere Gruppe belegt sein, besteht für die Muslime die Möglichkeit, in einen Raum im Diözesanbüro auszuweichen.

Was hat aus Ihrer Sicht für diese Entscheidung gesprochen?

Zunächst einmal ist der Islam eine Weltreligion. Das Zweite Vatikanische Konzil hat ... festgelegt: "Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist." Außerdem ist in derselben Erklärung zu lesen, dass die anderen Weltreligionen "nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet." Weiter habe ich versucht, mich in die Muslime hier vor Ort hineinzuversetzen. Wenn ich in ein fremdes Land geflüchtet wäre, würde ich mir im Idealfall wünschen, dass ich die Möglichkeit hätte, meine Religion frei auszuüben und zu praktizieren. Genau das wollte ich den Muslimen hier vor Ort ermöglichen - gemäß dem Wort Jesu, das als goldene Regel bekannt ist: "Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!" (Mt 7,12)

Gab es auch Bedenken in der Gemeinde oder bei Ihnen selbst?

Die erste Anfrage zum Gebet im Ramadan kam sehr kurzfristig, so dass ich sie nicht mehr mit dem Pfarrgemeinderat rückkoppeln konnte. Im Gottesdienst habe ich aber die Gemeinde informiert. Zwei Wochen später hat dann der Pfarrgemeinderat getagt und wir haben darüber gesprochen, was es für uns bedeutet, Muslimen den Pfarrsaal am Freitag für ihr Gebet zur Verfügung zu stellen. Es gab keine Bedenken, sondern durchweg positive Reaktionen. Über die Tatsache, dass nun das Freitagsgebet bis auf weiteres im Pfarrzentrum stattfindet, habe ich die Gemeinde wiederum im Gottesdienst informiert und die Entscheidung auch erklärt. Bis jetzt sind keine negativen Äußerungen zu mir gedrungen.

Welche Bedeutung messen Sie solchen Zeichen der Gastfreundschaft gegenüber Muslimen bei?

Für mich als gläubigen Menschen ist es wichtig und selbstverständlich, dass auch andere ihren Glauben leben und praktizieren können. Dazu möchte ich meinen Teil beitragen, denn auch das gehört für mich zur gelebten christlichen Nächstenliebe. Ein gutes und friedliches Miteinander der Religionen kann nur dann gelingen, wenn sich beide auf Augenhöhe begegnen, das heißt jeder die Möglichkeit hat, seinen Glauben frei und vorbehaltlos zu praktizieren. Auch ist es für mich wichtig zu betonen, dass es hier nicht nur - im Bezug auf die Pfarrei - um ein Geben geht, sondern auch um ein Nehmen. Aus dem Kontakt mit anderen Religionen folgt oft auch eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen. Zum Beispiel: Warum fasten die Muslime auf diese Art und Weise und wie sieht das bei uns Christen aus? Wie betet ein Muslim, in welcher Haltung, und was bedeutet Beten für mich? Ich denke und wünsche mir, dass durch die Nähe der beiden Religionen im Pfarrzentrum in Haßfurt ein Interesse und Verständnis füreinander wächst und Vorbehalte abgebaut werden. Wir werden im Herbst im Rahmen der Präsentation einer Ausstellung der Diözese mit dem Titel "Gott liebt die Fremden" durch den ökumenischen Verein Bibelwelten einen Abend anbieten mit dem Titel "Mein Glaube - dein Glaube". Hier werden ein Muslim und ein Christ erzählen, was ihnen ihr Glaube bedeutet und wie sie ihn praktizieren. Durch unsere Gastfreundschaft im Hinblick auf das Pfarrzentrum profitieren wir also beide voneinander. Übrigens haben die Muslime ihrerseits jeden, der Interesse hat, eingeladen, einmal an einem Freitagsgebet teilzunehmen.

Sie erleben den Dialog zwischen Christen und Muslimen praktisch vor Ort. Was unterscheidet diesen Dialog von den Diskussionen über den Islam in Parteien und Politik?

Das ist schwer zu sagen, weil ich die Diskussionen in den Parteien und in der Politik nicht kenne. Mir fällt auf, dass der Islam gesamtgesellschaftlich oft sehr schnell mit Fundamentalismus in Verbindung gebracht wird; dadurch entstehen auch bei den Leuten oft sehr schnell Skepsis, Vorbehalte und Ängste. Damit wird man aber der Mehrzahl der Muslime nicht gerecht. Der Vorteil vor Ort besteht mit Sicherheit darin, dass ich es mit konkreten Menschen zu tun habe. Wir sind im Gespräch, wir sprechen über unseren Glauben, wir nehmen Unterschiede wahr und auch Gemeinsamkeiten und versuchen, einander zu verstehen. Es geht nicht darum, alles am anderen sofort gut zu heißen; sicher gibt es in der christlichen Religion einiges, was für einen Muslim schwer nachzuvollziehen ist und umgekehrt. Und es geht auch nicht darum, durch ein "wir glauben doch alle an denselben Gott", offensichtliche Unterschiede in den Religionen zu übertünchen. Aber es ist wichtig, einen Dialog auf Augenhöhe zu führen und dem anderen im Gespräch in die Augen zu schauen. Es ist etwas anderes, ob ich über den Islam rede oder mit einem Muslim über meinen beziehungsweise seinen Glauben.

Das Gespräch führte Markus Hauck vom Pressedienst des Ordinariats Würzburg
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