Laden...
Zeil am Main
Geschichte

Bruderkrieg: Aufmarsch im Maintal

Vor genau 150 Jahren schossen bei Bad Kissingen Bayern auf Preußen. Der Zeiler Heimatforscher Ludwig Leisentritt erinnert an eine blutige Schlacht.
Artikel drucken Artikel einbetten
Im Kurgarten in Bad Kissingen fanden heftige Gefechte statt. Foto/Repro: Ludwig Leisentritt/Archiv
Im Kurgarten in Bad Kissingen fanden heftige Gefechte statt. Foto/Repro: Ludwig Leisentritt/Archiv
+5 Bilder
Ausländische Gäste flanierten am 10. Juli 1866 im Kissinger Kurpark. Nach einer Übereinkunft zwischen Österreich und Preußen sollten Badeorte als neutrale Plätze gelten. Doch mit der besinnlichen Ruhe war es bald vorbei. Am Morgen rückten die Preußen von Garitz kommend auf Kissingen vor. Unter Gewehr- und Geschützfeuer drangen sie in die Stadt ein, die sie nach blutigem Häuserkampf gegen den erbitterten Widerstand der verschanzten bayerischen Einheiten eroberten. Vor allem im Kurgarten und im Kapellenfriedhof gab es Kämpfe Mann gegen Mann.

Preußen stellte sich gegen Österreich, um die Vorherrschaft im sogenannten Deutschen Bund zu gewinnen. Der Bayernkönig Ludwig II. stand auf der Seite der Alpenländler. Dafür musste besonders das östliche Unterfranken bluten. Für die Schlacht bei Bad Kissingen war das Maintal Aufmarschgebiet der bayerischen Truppen.


Bis die Zugtiere lahmten

Die kriegerische Auseinandersetzung war schon Wochen vorher abzusehen. Die Gemeinden im Bezirk Haßfurt mussten damals ermitteln, wie viele Soldaten und Pferde sie einquartieren und verpflegen könnten. Zeil etwa erklärte sich bereit, insgesamt 300 Mann sowie 116 Pferde aufzunehmen.

In einem Telegramm hatte das Haßfurter Bezirksamt am 5. Juli die Behörden aufgefordert, den Beamten die Besoldung für August vorzeitig auszuzahlen. Das übrige Geld und die Wertsachen sollten nach Bamberg und - weit vom Schuss - von da per Bahn an die Kreiskasse nach Ansbach geschafft werden.

Überall im Gebiet des heutigen Landkreises Haßberge hatten die Einwohner vor den anrückenden Preußen Angst. Die Bewohner vergruben und versteckten ihre Wertsachen. Vermögende Leute aus Haßfurt suchten, mit ihrer Habe im Steigerwald Schutz zu finden. Die Zeiler - und sicher nicht nur diese - trafen Anstalten, den Kirchenschatz vor den anrückenden Preußen in Sicherheit zu bringen. Die Bauern im Maintal mussten mit Pferden und Ochsen Vor- und Anspanndienste für das Militär leisten.

So erinnerte sich der Zeiler Kilian Fritzmann an den Frondienst seines Urgroßvaters. Als der bei Kissingen merkte, dass es bald zu Kampfhandlungen kommt, zog er seinen Ochsen die Hufnägel heraus, um sie durch längere zu ersetzen. Als die Zugtiere daraufhin lahmten, durfte er sich mit ihnen wieder nach Zeil begeben. Schon bald konnte er hinter sich den Donner der Kanonen hören.

Am Bahnhof in Haßfurt wurde ein Hilfslazarett errichtet. Die blutige Konfrontation zwischen Bayern und Preußen führte in Haßfurt zur Gründung eines "Comites für die Verpflegung verwundeter Soldaten", aus dem in der Folge das "Rote Kreuz" hervorging. Jeden Tag trafen hier Hunderte Verwundete aus dem Kissinger Raum ein.
Die Mainlinie Eltmann-Zeil-Haßfurt diente wegen der seit 1852 bestehenden Eisenbahn als Aufmarschgebiet für die bayerischen Truppen. Erstmals nutzte das Militär die ungeheuren Vorteile dieses neuen Transportmittels. Tagelang hielten vor der denkwürdigen Schlacht bei Kissingen und Hammelburg unzählige Militärzüge, beladen mit Soldaten und Pferden, in den Bahnhöfen Ebelsbach-Eltmann, Zeil und Haßfurt.


Ein Spion am Bahnhof?

Am 27. Juni hatten sich am Zeiler Bahnhof viele Bürger der Umgebung eingefunden. Sie wollten gegen 7 Uhr den von Bamberg her mit dem Zug einfahrenden Brüdern und Söhnen Geld und Lebensmittel zustecken. Alle freuten sich darauf, ihnen noch einmal die Hand - vielleicht auf Nimmerwiedersehen - reichen zu können. Doch der Eisenbahn-Expeditor Pülz machte ihnen einen Strich durch ihre Rechnung und gab ein Signal zur Weiterfahrt.

Im Zeiler Rathaus gab mehr als ein Dutzend Bürger zu Protokoll, wie der Bahnhofsvorsteher die Zeiler zu hindern versuchte, den Soldaten auf den anhaltenden Militärzügen Tabak, Bier, Wein und Schnaps zu verabreichen. Sein Verhalten gab zu mancherlei Spekulationen Anlass und ein Reporter des damaligen Schlachtgeschehens im Raum Kissingen, schrieb: "Weiß der Teufel, die Preußen sind vor den Bayerischen Linien nur so aus der Erde rausgewachsen. Sie müssen halt wieder ein paar Spione gehabt haben."


Der Sonderfall Königsberg

Johann Langhans aus Knetzgau gab im Zeiler Rathaus zu Protokoll, dass der Bahnhofsvorsteher mit einem fremden, gut gekleideten Mann mehrmals eifrige Gespräche führte, bevor dieser mit dem Eilzug nach Schweinfurt weiterfuhr. In den folgenden Tagen habe er ihn beobachtet, wie er sich bei Pülz erkundigte, ob es etwas Neues gäbe. Der Zeiler Kaspar Schöpf sagte nach Ende des Krieges aus, das er täglich zwei "anständig gekleidete Herren" außerhalb des Bahnhofgebäudes sah, wie sie die auf den Gleisen stehenden Militärzüge beobachteten. Diese und über ein Dutzend anderer Aussagen von Zeiler Bürgern brachten den Bahnexpeditor später vor das Gericht. Er wurde wegen "schäbigen Verhaltens" seines Postens enthoben.

An der Grenze zur sächsisch-coburgischen Enklave Königsberg mussten Wachen aufgestellt werden, um nach verdächtigen Truppenbewegungen Ausschau zu halten, denn Sachsen war mit Preußen verbündet. Die Krümler Bürger wurden aufgefordert, "bei Tag und Nacht strengste Aufsicht zu unterhalten, ob nicht aus dem sachsen-coburgischen Gebiet preußische Truppen sich der bayerischen Grenze nähern oder sie überschreiten". Den sächsisch-coburgischen Bauern in Dörflis und Köslau, die im Maintal Wiesen bewirtschafteten, verwehrten die Zeiler, ihr Heu zu ernten.


Als ob sie nicht vorhanden wäre ...

In Haßfurt waren auf dem Marktplatz für die Landwehrleute Holzfässer mit Monturen und Waffen bereitgestellt. Nördlich vom Mooswäldchen bei Haßfurt pflegte früher die Bürgergarde, Schießübungen abzuhalten. Die wackeren Schützen sollen höheren Orts angefragt haben, wie sie sich wegen der drohenden Kriegsgefahr verhalten sollen. Die Männer erhielten - wohl wegen ihres bescheidenen Schießzeuges - die weise Order: Die Bürgergarde wolle sich so verhalten, als ob sie gar nicht vorhanden wäre!


Hungrige Soldaten

Da Kissingen erst 1874 einen Eisenbahnanschluss erhielt, mussten die bayerischen Truppen von den Bahnhöfen im Maintal zumeist zu Fuß zum Kampfplatz marschieren. Der Auszügler Martin Diem aus Mechenried erzählte 1931 rückblickend, wie die Bayern zum Schlachtfeld nach Kissingen zogen. "Sie waren frohgemut und von Siegeshoffnung durchdrungen. Tag und Nacht zog damals Militär durch den Ort, die Kolonnen wollten kein Ende nehmen. Wie sie nach ,Macherd' gekommen seien, haben die Bewohner für die Soldaten melken müssen, denn die Kerle haben mit ihrem Heidenhunger alles verschlungen. Daneben schärften sie noch ihre Säbel, um die Preußen zu verhauen."

In ihrem Feldlager bei Schweinfurt höhnten die bayerischen Soldaten: "Ach, wenn das die Preußen wüssten, dass sie morgen sterben müssten!" Es zeigte sich dann aber, dass der Gegner besser ausgerüstet war. Der schickte keine Boten und Reiter los, sondern morste bereits seine Nachrichten. Die Bayern waren mit Vorderladergewehren ausgerüstet, die umständlich im Stehen geladen werden mussten. Die feindlichen Preußen dagegen schossen in der gleichen Zeit mehrmals mit ihren Hinterladergewehren.

Bei Kissingen kam es am 10. Juli zu einer Schlacht, in deren Verlauf die Bayern besiegt wurden. Mit zwei Divisionen griffen die Preußen die an der Saale zur Verteidigung bereitstehenden Bayern an. Bei den Preußen fanden im Großraum Bad Kissingen 153 Soldaten den Tod; 770 wurden verwundet; die Bayern verzeichneten 111 Tote und 659 Verwundete.

Die Verwundeten wurden auf Leiterwagen in die weit verstreuten improvisierten Behelfslazarette gebracht. So haben die Oberthereser Herren von Ditfurth und von Swaine insgesamt 44 Verwundete aufgenommen. Weitere Blessierte nahmen Herr von Seefried im Haßfurter Wildbad sowie der Stadtkämmerer Stumpf auf. Die Behandlung aller Verwundeten hatte der Haßfurter Arzt Dr. Weigand übernommen. In Zeil richtete man ein behelfsmäßig errichtetes Lazarett im Rathaus ein, um die mit der Eisenbahn hergebrachten Verwundeten zu versorgen.
Um den Preußen die Verfolgung zu erschweren, hatten bayerische Truppen in Schweinfurt Eisenbahnschienen aufgerissen und sämtliche Schiffe auf dem Main versenkt. In Haßfurt wurde an der in diesem Jahr im Bau befindlichen neuen Mainbrücke eine Sprengkammer am Brückenwiderlager angelegt, um sie gegebenenfalls sprengen zu können. Beim Neubau der Brücke stieß man 1961 auf diese Gewölbekammer neben dem einstigen Brückenzollhäuschen.

Wachtposten auf der Amonshöhe in Haßfurt erfuhren von dem flüchtenden Haßfurter Tambour Scholl Einzelheiten über die verlorene Schlacht. Aufregung verursachte in Zeil die Nachricht, dass man bei der Schäferei auf der Hohen Wann die Trommeln und Querpfeifen der anmarschierenden preußischen Infanterie hören könnte. Doch die Preußen zogen nach der Schlacht bei Bad Kissingen in Richtung Frankfurt.


800 Pfund Brot in 24 Stunden

Nach der Niederlage ordnete der Oberkommandierende, Prinz Karl von Bayern, den Rückzug über die Haßberge an und überschritt bei Haßfurt den Main, um zwischen dem Steigerwald und dem Main sein Heer zu sammeln. Einige Tage nach den Kampfhandlungen lagen bei Haßfurt bis zu 30 000 bayerische Soldaten im Biwak. Die Bevölkerung musste einen beträchtlichen Beitrag für die Verpflegung leisten. So wurde die Stadt Zeil am 15. Juli aufgefordert, binnen 24 Stunden 800 Pfund Brot nach Gerolzhofen zu liefern.

Der Bruderkrieg vor genau 150 Jahren hat besonders bei den Altbayern mit zu dem Bild beigetragen, das sich noch heute so mancher jenseits der Donau von den Preußen macht: Augenzwinkernd erzählten sich vor gar nicht langer Zeit eingefleischte Bajuwaren von diesem Krieg, als "mia zum letztnmoi auf d' Preißn ham schieaßn derfa". Denn vier Jahre später zogen Preußen und Bayern Seit' an Seit' gegen den damaligen "Erbfeind" Frankreich ins Feld.


Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren