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Muschelberaterin im Kreis Fürth: Was macht ein Muschelberater - und wozu braucht man so etwas?

Als Silvia Sörgel Freunden von ihrer neuen Aufgabe erzählte, glaubten die erst an einen Scherz. Die Mittelfränkin ist seit kurzer Zeit Muschelberaterin. Hört sich lustig an, ist aber ein wichtiger Auftrag, der gute Augen erfordert.
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Langenzenn: Silvia Sörgel, ehrenamtliche Muschelberaterin des Landkreises Fürth, hält zwei Bachmuscheln in der Hand.Foto: Daniel Karmann/dpa
Langenzenn: Silvia Sörgel, ehrenamtliche Muschelberaterin des Landkreises Fürth, hält zwei Bachmuscheln in der Hand.Foto: Daniel Karmann/dpa

Es dauert etwas, bis Silvia Sörgel ihre Mission starten kann. Zunächst muss sie in Langenzenn (Landkreis Fürth) in einen wasserdichten, braunen Ganzkörperanzug schlüpfen. Dann klettert sie vorsichtig die Uferböschung hinab. Kurz darauf steht sie knietief in der Zenn und sucht mit einem speziellen Unterwassersichtgerät den Grund des Flusses ab. "Da muss man natürlich schon gute Augen haben und wissen, wonach man sucht", sagt Sörgel, die im Landkreis Fürth als ehrenamtliche Muschelberaterin arbeitet.

Ihre Ausbeute ist an diesem Tag gering: Nur ein paar Muschelschalen fördert sie mit einem Kescher zutage sowie eine kleine Erbsenmuschel. "Leider sind immer weniger Muscheln in Bayerns Flüssen zu finden", seufzt Sörgel. Ihre Aufgabe: Flüsse in ihrer Heimat nach Muschelbeständen absuchen, alle Funde akribisch dokumentieren und die Behörden alarmieren, sollte sich der Zustand des Gewässers verschlechtern. "Muscheln sind ein Indikator. Geht ihr Vorkommen zurück, stimmt etwas mit dem Fluss nicht", erläutert Sörgel.

Manche glauben an einen Scherz

Mit dem Unterwassersichtgerät geht sie eher selten auf Tour. Meistens läuft sie am Ufer der Gewässer entlang und sucht nach leeren Schalen. "Die deuten daraufhin, dass sich an dieser Stelle Muscheln befinden könnten", erklärt die 41-Jährige.

Tagsüber arbeitet sie als Sanitätshaus-Fachverkäuferin, an Wochenenden geht sie gerne angeln und seit einigen Monaten ist sie zusätzlich als Muschelberaterin aktiv. Dafür musste sie sich einigen Spott gefallen lassen: Als Muschelschubserin wurde sie schon bezeichnet. Andere fragten sie, ob sie wohl wieder Schnecken checken gehe. Und manche glauben gar an einen Scherz, wenn sie von ihrem Ehrenamt erzählt.

70 Muschelberater in ganz Bayern

Doch Muschelberater wie Sörgel gibt es in ganz Bayern - 70 an der Zahl derzeit. Seit dem Jahr 2014 bietet die Koordinationsstelle für Muschelschutz beim Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) jährlich die dreitägige Ausbildung zum ehrenamtlichen Muschelberater an und arbeitet dabei mit der Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL) zusammen.

"Seit dieser Ausbildung sehe ich die Flüsse mit ganz anderen Augen", sagt Sörgel. Jemand der dieses Wissen nicht habe, werde höchstwahrscheinlich nie eine Muschel in einem Fluss entdecken. "Obwohl ich Anglerin bin, hätte ich früher auch keine gefunden."

Indikator für Wasserqualität

In den bayerischen Flüssen kommen Süßwassermuscheln wie die Flussperlmuschel und die Bachmuschel vor. Sie zählen zu den akut vom Aussterben bedrohten Tierarten in Bayern. Der Grund ist einfach: Muscheln filtrieren ihre Nahrung aus dem Wasser und sind daher unmittelbar von Verschlechterungen der Wasserqualität betroffen. Abgeschwemmter oder verwehter Ackerboden sowie übergroße Mengen von Nährstoffen aus der Landwirtschaft sind daher laut ANL ein Problem.

Ein natürlicher Feind der Muscheln sei zudem die Bisamratte, die Muscheln fresse. Das Leben der Muscheln zu schützen, sei schwierig, weil ihr Wegsterben in den trüben Bächen und Teichen oft unbemerkt geschehe. Durch die Muschelberater soll sich das ändern.

Hitze macht Probleme

In diesem Jahr kommt allerdings ein weiteres Problem dazu: Durch die anhaltende Hitze sei die gewässerökologische Situation in den bayerischen Fließgewässern allgemein angespannt, berichtet eine LfU-Sprecherin. Vereinzelt seien seltene Muschelbestände durch Zuleitung von Wasser vor der Austrocknung geschützt worden. Größere Muschelverluste seien bislang aber zum Glück von den Muschelberatern nicht beobachtet worden.

Die Bachmuschel kam bis Mitte des letzten Jahrhunderts bayernweit in den meisten Bach- und Flussläufen in großen Mengen vor. Untersuchungen zur Bestandsentwicklung sind aber geradezu alarmierend: Die Art, die sich nur bei bester Wasserqualität fortpflanzen kann, hat mittlerweile mehr als 90 Prozent ihrer ursprünglichen Verbreitung in Bayern verloren. Jungmuscheln sind vor allem in den ersten drei Jahren besonders bedroht. Ab einem Alter von vier Jahren sind die Tiere in den Bächen jedoch sehr gut überlebensfähig. In Oberfranken sollen die ebenfalls gefährdeten Flussperlmuscheln künftig gezüchtet werden. Der Startschuss für die Zuchtanlage fiel im Frühjahr. Der Bund Naturschutz erhält dafür europäische Fördermittel.

Silvia Sörgel verrät Stellen nicht, an denen sie Muscheln gefunden hat. Zu groß sei die Gefahr, dass sonst Muschelsammler die Bestände noch weiter verringern würden, betont sie. In der Oberpfalz hätten Unbekannte sogar einen ganzen Bestand der Flussperlmuschel ausgegraben und einfach mitgenommen.



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