Fürth
Wirtschaft

Grundig und der Anfang vom Ende

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Fürth ein regelrechtes Wirtschaftswunder: Große Unternehmen wie Grundig sorgten für ausreichend Arbeitsplätze. Dann kam in den 80er Jahren die Krise.
Artikel drucken Artikel einbetten
Alexander Mayer kauert im Rundfunkmuseum der Stadt Fürth vor dem Stereo-Radiorekorder RR 1140 SL der Firma Grundig. Das Gerät kam 1981 auf den Markt. Foto: Matthias Hoch
Alexander Mayer kauert im Rundfunkmuseum der Stadt Fürth vor dem Stereo-Radiorekorder RR 1140 SL der Firma Grundig. Das Gerät kam 1981 auf den Markt. Foto: Matthias Hoch
+1 Bild

Was Max Grundig am 7. Mai 1983 in seiner Rede zu seinem 75. Geburtstag verkündete, klang nicht nur stolz. Es waren in der Tat stolze Zahlen, die sein Fürther Unternehmen für Unterhaltungselektronik in den vergangenen Jahrzehnten erreicht hatte. Bis dahin hatte Grundig 27 Millionen Radios, 23 Millionen Fernseher (mehr als die Hälfte davon Farbfernseher), 16 Millionen Tonbandgeräte und zwei Millionen Videorekorder hergestellt. Grundig hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg quasi aus dem Nichts zu Europas größtem Rundfunkgerätehersteller und zum weltweit größten Tonbandhersteller entwickelt.

Stimmung wird schlechter

Was viele damals nicht ahnten: Grundig hatte seine besten Zeiten hinter sich. Der Vater von Alexander Mayer bekam dies direkt mit. Wir treffen den promovierten Politikwissenschaftler, Historiker und ehemaligen Stadtheimatpfleger im Rundfunkmuseum Fürth, das sich auf dem Gelände des ehemaligen Grundig-Stammwerks befindet. "Mein Vater Walter Mayer kam 1951 nach Fürth zu Grundig", berichtet der 59-jährige Fürther über seinen vor vier Jahren verstorbenen Vater. Der Entwickler wurde im Laufe der Zeit Laborleiter für die professionelle Video- und Fernsehtechnik, hatte bei Grundig 600 Leute unter sich. Die Familie Mayer wohnte in einer Grundig-Wohnung. "Schon in den 70er Jahren wurde die Laune von Max Grundig schlechter", erzählt Alexander Mayer. "Das merkte man auch bei uns am Küchentisch. Mein Vater wurde nervöser, das hat ihn gesundheitlich beeinträchtigt."

Bereits Mitte der 70er Jahre sprach Max Grundig in einem Schreiben an Walter Mayer anlässlich einer Prämienauszahlung von "einer schwierigen wirtschaftlichen Lage" und "außergewöhnlichen Problemen". Ende der 70er Jahre wurde es noch schlimmer. 1980 gab es letztmals eine freiwillige Erfolgsprämie für die Führungskräfte - mit dem Hinweis auf einen ruinösen Wettbewerb und eine problematische Ertragslage.

Video 2000 gegen VHS

Grundig geriet durch wachsende Konkurrenz aus Fernost zunehmend unter Druck. Das 1971 eingeführte VCR-Videosystem mit Kassetten von rund einer Stunde Spielzeit wurde vom japanischen VHS-Dreistundensystem, mit dem man ganze Spielfilme komplett aufnehmen konnte, 1976 eingeholt.

Grundig wehrte sich. "Mein Vater entwickelte 1979 den ersten Video-2000-Kassettenrekorder", erzählt Mayer. Doch schon bald wurde klar: Trotz besserer Bildqualität und zweimal vier Stunden Aufnahmezeit gelang es dem neuen System aus fränkischer Produktion nicht, gegenüber VHS Fuß zu fassen. "Laut Berichten meines Vaters kam Grundig mit der Massenfertigung nicht hinterher, weil VHS aufgrund der schlechteren Bildqualität einfacher zu produzieren war", schildert Mayer die Situation. "Und als die Japaner Amerika mit VHS überschwemmten, war die Marktmacht zu groß." 1986 hatte sich VHS mit einem Marktanteil von 93 Prozent durchgesetzt.

Ende der 70er Jahre war die Zahl der Beschäftigten bei Grundig mit 38 000 auf dem Höhepunkt. In den 80er Jahren verloren dann Tausende ihren Job. Grundigs internationaler Elektronikkonzern geriet auch durch Missmanagement in eine Schieflage.

Das Verhalten des alten Firmenpatriarchen, der laut Erzählungen von Mayers Vater auch schon mal wütend Prototypen aus dem Fenster des Musterzimmers im sechsten Stock oder dem Entwickler auf die Füße warf, war das eine. Marktstrategie, Design und schlechte Personalentscheidungen nennt Alexander Mayer als weitere Knackpunkte. Sein Vater sei 1982 in die Patentabteilung "weggelobt" worden.

Anfang der 90er Jahre - Walter Mayer ging 1991 in den Ruhestand - ging es noch einmal bergauf, wegen der Wiedervereinigung. Dann folgte der Absturz. Nach Verlustjahren kam 2003 die Insolvenz von Grundig. Den Namen nutzen noch die heutigen türkischen Eigentümer. In Franken bleibt nur der Blick auf die Geschichte.

Das Unternehmen Grundig

Gründung 1930 eröffnet Max Grundig in Fürth einen Radiohandel. Aufstieg In den späten 1940er, 50er und 60er Jahren wird Grundig zum größten deutschen Unterhaltungselektronik-Konzern.

Niedergang Max Grundig zieht sich 1984 zurück - zum richtigen Zeitpunkt. Der Philips-Konzern übernimmt die Firma, trennt sich 1998 aufgrund hoher Verluste wieder. 2003 muss die Firma Grundig Insolvenz anmelden.

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren