Fürth

Christian Zagel aus Nürnberg erfand interaktive Umkleidekabine

Zu eng, zu hell und mit einem viel zu kurzen Vorhang versehen: Umkleidekabinen sind der blanke Horror. Der Wirtschaftsinformatiker Christian Zagel von der Universität Erlangen-Nürnberg hat für seine Doktorarbeit eine Alternative entworfen.
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Christian Zagel in der interaktiven Umkleidekabine. Foto: privat
Christian Zagel in der interaktiven Umkleidekabine. Foto: privat
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Ob mit seiner Freundin oder solo: Christian Zagel geht gerne shoppen. "Ich interessiere mich sehr für Kleidung und für Mode", sagt der Mann, der sage und schreibe 255 Paar Schuhe sein Eigen nennt und dafür ein extra Schuhzimmer mit selbst entworfenen Regalen eingerichtet hat. Doch der 32-Jährige kauft nicht nur gern ein, sondern beobachtet auch das Verhalten anderer Kunden. Von Berufs wegen, denn Christian Zagel hat sich für seine Doktorarbeit die Bekleidungsindustrie ausgewählt und arbeitet an einem Konzept für das Modegeschäft der Zukunft. Handlungsbedarf sieht er vor allem bei den Umkleidekabinen.


Ein Alptraum
"Passt auch alles?" Die nette Verkäuferin meint es ja gut, aber wenn man Pech hat, steckt sie auch noch den Kopf durch den Vorhang just in dem Moment, wo man gerade verzweifelt versucht, den Reißverschluss einer viel zu engen Hose zu schließen.
Seit Jahrzehnten geht das schon so. "Obwohl sie zu den wichtigsten Orten im Geschäft gehören, haben Umkleidekabinen ihr Aussehen und ihre Funktionalität kaum verändert", bemerkt Christian Zagel. Und Andreas Steinle, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts in Frankfurt am Main ergänzt: "Der schlimmste Fauxpas ist die Beleuchtung." Ein Alptraum. "In Umkleidekabinen sehe ich immer zu alt und zu dick aus", stöhnen die Kundinnen.



"Obwohl Umkleidekabinen die Orte sind, an denen die Kaufentscheidung getroffen wird, sind sie meistens beklemmend eng. Häufig gibt es keine richtige Tür, sondern nur einen Vorhang, der dann auch noch einen Spalt offen steht. Oft sind die Kabinen nicht nur schmutzig, sondern auch extrem unordentlich, weil das Personal einfach mit dem Aufräumen nicht nachkommt. Und - man glaubt es kaum - es gibt zuweilen nicht mal einen Kleiderhaken", zählt Christian Zabel auf.


Bilder und Töne zum Kleidungsstück
Doch es könnte bald besser werden. Man stelle sich vor: Die Kundin betritt mit einem Bikini die Kabine und just in diesem Augenblick blenden seitenhohe Monitore an den drei Wänden das Panorama einer Strandlandschaft ein. Aus den Lautsprechern erklingt Meeresrauschen. Oder man stiefelt mit einer Outdoorjacke zur Anprobe und findet sich plötzlich in einer Bergwelt samt Vogelgezwitscher wieder. Für das Abendkleid wäre der Rote Teppich mit Blitzlichtgewitter die passende Szenerie. Dass zum Kleidungsstück die richtige Umgebung eingeblendet wird, liegt nicht an einem Regisseur im Hintergrund, sondern an kleinen Funkchips, die samt Identifikationsnummern in den Preisetiketten mit eingebracht sind. "Die Umkleidekabine erkennt praktisch sofort, mit welchem Produkt der Kunde hereinkommt, und baut auf diesen Informationen eine dreidimensionale Landschaft auf", erläutert der Produktentwickler.

Die Idee zu dieser interaktiven Umkleidekabine namens "Cyberfit" stammt von Christian Zagel, der wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik - Bereich Dienstleistung - der Universität Erlangen-Nürnberg ist und seit 2009 an seiner Doktorarbeit schreibt. Zusammen mit dem Studenten Lukas Malcher aus Uffenheim entwickelte der Oberpfälzer einen Prototypen, der bereits im letzten Jahr auf der Computermesse Cebit für Aufmerksamkeit sorgte und einen Innovationspreis gewann. Konkret geht es bei dem Projekt, das in Kooperation mit der adidas-Group durchgeführt wird, darum, neue Technologien im Dienstleistungsbereich einzusetzen und den "Next Generation Fashion Store" zu entwerfen.


Per Knopfdruck die passende Hose
Hier haben sich die Technologie-Tüftler vor drei Jahren bereits das Schaufenster vorgenommen. Nun ist die Umkleidekabine dran. "Eine Wand ist interaktiv, das heißt, man kann sich per Berührung Informationen zum Produkt anzeigen lassen. Man erfährt mehr über Material und Verarbeitung, bekommt aber auch Bescheid, ob das Kleidungsstück noch in anderen Größen im Geschäft hängt", erklärt Zagel. Der Service ginge sogar so weit, dass man informiert wird, ob es zur Jacke eine passende Hose gäbe, die man per Knopfdruck beim Personal ordern könne ohne halb angezogen durch den Laden laufen und suchen zu müssen.

Hier kommt auch ein zweites Produkt zum Tragen, das Christian Zagel mit entwickelte: ein - auch für den Handel bezahlbarer - Body-Scanner, der über sechs Kameras den Kunden vermisst und für Maßkonfektion geeignet ist. Derzeit tüftelt Zagel aus, wie man den Scanner mit in die Umkleidekabine integrieren kann, um so den Kunden u.a. sofort anzeigen zu können, ob eine andere Größe vorteilhafter wäre. Zu guter Letzt bietet die virtuelle Kabine noch die Möglichkeit, sich mit sozialen Netzwerken zu verbinden, über die man die Community fragen kann, ob das Stück in den Kleiderschrank integriert werden soll oder nicht. "Im Online-Handel sind ähnliche Techniken schon im Einsatz. Hier wird also der Takt für den stationären Handel vorgegeben", erläutert Zukunftsforscher Steinle.

Die Frage, ob durch seine interaktive Umkleidekabine das Verkaufspersonal überflüssig wird, verneint Produktentwickler Zagel strikt: "Die Systeme sind vielmehr ein Mittel, um sowohl den Käufer wie auch den Verkäufer zu unterstützen. Bei all unseren Testläufen stellte sich immer wieder heraus: Die Kunden vertrauen vor allem auch auf die menschliche Komponente und auf die Beratung."


Noch nirgendwo im Einsatz
Noch ist die interaktive Umkleidekabine eine futuristische Idee und nirgendwo im Einsatz. "Wir sind dran, das Konzept weiterzuspinnen, entsprechende Patente einzureichen und die Technik zu vervollkommnen. Mein Ziel ist es aber, ein Einkaufserlebnis der Zukunft zu schaffen. Und dabei ist die Umkleidekabine nur ein Einzelteil. Technologie sollte im gesamten Laden vorhanden sein, um den Leuten ein schönes Einkaufserlebnis zu bereiten", sagt Zagel, der mittlerweile als Innovation Manager bei adidas an Bord ist, seine wissenschaftliche Arbeit und Forschung an der Hochschule aber gerne weiterführen möchte.

Was sich der Retter der Umkleidekabine selbst zuletzt gekauft hat? "Puh - wahrscheinlich ein Paar Schuhe!" , sagt Zagel, der "so um die 100 Paar" dauerhaft in Gebrauch hat und sich die anderen Exemplare "hauptsächlich aus Freude am Design" zulegte, selbst wenn die Größe nicht die richtige war. Sicherlich entwickelt der Sammler irgendwann auch eine Technologie, um den Schuhkauf zum Erlebnis zu machen: "Da gibt es noch viel Potenzial!"

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