Bayreuth
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Frühling der Mücken

Diesen Winter dürften mehr Stechmücken und Zecken überlebt haben als sonst. Was nicht unbedingt zu einer Plage führen muss, wie die Bayreuther Biologin Heike Feldhaar erklärt. Denn um sich extrem zu vermehren, brauchen die Tiere mehr als mildes Wetter.
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Ein Mückenschwarm im Sommer - das kann uns nach dem milden Winter diesen Sommer auch öfter erwarten. Foto: Jochen Lübke/dpa
Ein Mückenschwarm im Sommer - das kann uns nach dem milden Winter diesen Sommer auch öfter erwarten. Foto: Jochen Lübke/dpa
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Der dunkle, feingliedrige Körper sticht an der weißen Wand hervor: zwei Flügel, lange Beine, ein Saugrüssel - Stechmücke! Schon jetzt, Mitte März, gesichtet im Landkreis Coburg. Und schnell erlegt. Leichte Beute, das Tier wirkte ziemlich rammdösig. "Was jetzt umherschwirrt, gehört zur Gattung der Culex", erklärt Heike Feldhaar. Die Professorin am Lehrstuhl für Tierökologie I der Universität Bayreuth vermutet, das Coburger Mückenexemplar sei noch nicht ganz wach gewesen. "Die Weibchen überwintern. Sie haben so etwas wie eine Kältestarre." Wenn sie gerade erst aufgewacht sind, erwischt man sie leicht. Obwohl das eigentlich gar nicht nötig wäre, wie Feldhaar erklärt. Denn diese Arten saugen gar nicht so gerne menschliches Blut.

Mückenlarven unter Wasser

Viel unangenehmer für Zweibeiner ist der Appetit der "Aedesarten", auch "Überschwemmungsmücken" genannt. Durch die Hochwasser des vergangenen Sommers hatten sie ideale Bedingungen; auch deshalb könnte es heuer tatsächlich zu einer Mückenplage kommen. "Sie legen ihre Eier knapp über der Wasserlinie beispielsweise an einem Flussufer an Grashalmen ab. Das Merkmal Sauerstoffarmut unter Wasser wird als Reiz gebraucht, damit sie schlüpfen."

Der Frühling ist entscheidend

Die Mückenlarven bräuchten jetzt also ein ordentliches Frühjahrshochwasser. "Wahrscheinlich war die Sterblichkeit im Winter in diesem Jahr geringer als sonst", sagt die Professorin. Allerdings führten die lauen Temperaturen der vergangenen Monate auch dazu, dass Hochwasser durch schmelzende Schneemassen heuer ausfällt. Entscheidend sind die nächsten Wochen. "Bei einem Aprilwetter mit viel Feuchtigkeit und Überschwemmungen kann es zu einer Mückenplage kommen."

Dies hänge eben immer vom Zusammenspiel aus Temperatur und Feuchtigkeit ab. "Wenn das sehr schwankt, und es jetzt noch mal kalt und dann wieder warm wird, bedeutet das Stress für die Tiere." Auch wenn es weiterhin trocken bleibt, werden sich die Tiere nicht massenhaft vermehren. "Es gab ähnlich milde Winter, beispielsweise im Jahr 2006, wo wir keine Stechmücken- und auch keine Zeckenplage hatten."

Blutsauger mit Frostschutz

Obwohl die einen zu den Insekten und die anderen zu den Spinnentieren zählen, haben Stechmücken und Zecken einiges gemeinsam: Sie sind klein, unbeliebt und bei beiden saugen die Weibchen Blut. "Sie brauchen das Protein aus dem Blut, damit sie Eier entwickeln können." Anders als den Mücken macht Kälte den Zecken nichts. "Einen harten Winter von minus 20 Grad übersteht so eine Zecke wunderbar. Sie kann sich gut runterkühlen, lagert Stoffe ein, die wie eine Art Frostschutz wirken."

Außerdem überwintert die Zecke in dichtem Laub, wo die Temperatur nicht so stark fällt. In dieser Zeit ist sie normalerweise nicht aktiv. "Bei uns in Bayreuth im Garten hat im November eine Zecke zugestochen", erzählt Feldhaar. "Bei so einem milden Winter muss man aufpassen!" Nicht nur, weil die Zecken bereits auf der Lauer liegen, sondern auch, weil es einige Belege dafür gibt, dass die Blutsauger nach dem lauen Winter eher Borreliose oder Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) übertragen könnten: In kalten Regionen scheinen die Zecken seltener Träger der Erreger zu sein.

Ob sie heuer massenhaft auftreten, hängt wie bei den Mücken von der Witterung der nächsten Zeit ab, erklärt die Forscherin, die sich unter anderem auf Populationsökologie spezialisiert hat. Sie befasst sich damit, wie sich eine Art und ihre Umwelt gegenseitig beeinflussen. "Auch Zecken brauchen ein feuchtes Frühjahr, die trocknen sonst aus", sagt Feldhaar. "Logisch: Wo fängt man sich eine Zecke ein? Immer auf feuchten Waldwegen oder Wiesen - auf einem Trockenrasen findet man keine." Auch wenn die Spinnentiere nicht so stark ans Wasser gebunden sind wie Stechmücken, brauchen sie jetzt Feuchtigkeit. "Bleibt es so furztrocken, kann das eine Menge Mücken und Zecken abtöten."

Keine Tigermücken in Franken

Doch für Mücken, die ein anderes, südlicheres, Klima gewohnt sind, dürfte dieser Winter wirklich ideal gewesen sein. Unter den Insekten-Einwanderern in Europa ist vor allem die wärmeliebende Tigermücke immer wieder Thema. Sie kommt aus Asien und kann Tropenkrankheiten wie das Dengue-Fieber übertragen. "Wahrscheinlich befördern milde Winter und heiße Sommer die Invasion der Tigermücken, so dass sie sich schneller ausbreiten kann." Bis Norditalien hat sie es schon geschafft, die Vorkommen dort seien relativ stabil.

Limitiert wird ihre Ausbreitung nur durch die Wintertemperaturen. Die Alpen sind kein Hindernis. "Wieviele Autos, wieviele Busse fahren täglich drüber?" Wenn genug blinde Passagiere bis Deutschland kommen, werde sich die Population auch hier etablieren. Feldhaar erwartet dies in den kommenden fünf bis zehn Jahren. "In der Freiburger Gegend, wo es recht mild ist. Hier, in Bayreuth oder Bamberg habe ich da nicht solche Bedenken."
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