Bamberg
Betreuung

Zu Hause? In der Krippe? Wo Kinder unter drei am besten aufgehoben sind

Drei von zehn Kindern unter drei Jahren besuchen in Franken eine Kita - Tendenz steigend. Aber sollten schon die Kleinsten in einer Krippe betreut werden? Die Meinungen gehen auseinander. Denn die Qualität in den Kitas ist Untersuchungen zufolge oft unzureichend.
Artikel drucken Artikel einbetten
Zusammen mit zwei Erzieherinnen kümmert sich Kinderpflegerin Antonia Werner um die "Windelhüpfer" in Coburg. Doch nicht alle finden es gut, dass Kinder unter drei Jahren in einer Kita betreut werden. Matthias Hoch
Zusammen mit zwei Erzieherinnen kümmert sich Kinderpflegerin Antonia Werner um die "Windelhüpfer" in Coburg. Doch nicht alle finden es gut, dass Kinder unter drei Jahren in einer Kita betreut werden. Matthias Hoch

Lachend schnappen sie nach den Seifenblasen. Kaum haben die Kinder die in der Wintersonne funkelnden Blasen platzen lassen, verteilt sich das Seifenwasser als feiner Nebel in der Luft. Die "Windelhüpfer", also die Krippengruppe des Coburger Kindergartens Pfiffikus, haben sichtlich ihren Spaß. Die Gruppe wirkt aufgeweckt, keines der Kinder ist älter als drei Jahre. Aber es scheiden sich die Geister an der Frage, ob schon die Kleinen in eine Kita sollten.

Die jüngsten "Windelhüpfer" sind in der Regel ein Jahr alt, sagt Krippenleiterin Susanne Zindl. Sie schätzt es, dass die Kleinen gemeinsam Zeit in altersgerechter Weise verbringen können. Zumal die Kita den Fokus auf Betreuung lege - zu Hause sei das nicht einhundertprozentig leistbar, sagt sie. Einkaufen, Haushalt, vieles laufe nebenher. "Wichtig: Wir dürfen Kinder nicht mit Bildung überfrachten", so Zindl. In dieser Altersphase lernen sie mit Laufen, Essen und Sprechen schon genug.

In Bayern besucht jedes vierte Kind unter drei Jahren eine Kita, in Franken etwas mehr. Die Zahl der Plätze ist in den vergangenen Jahren zwar gestiegen. Spätestens mit dem gesetzlichen Anspruch auf einen Kita-Platz ist die Nachfrage aber vielerorts höher. Vor allem in städtischen Gebieten sind die Wartelisten lang. Die Familien versprechen sich von der Krippe einen positiven Einfluss auf die Entwicklung und die sozialen Bindungen ihres Kindes. In vielen Fällen geht es schlicht ums Geld: Oft müssen beide Partner arbeiten, Alleinerziehende in der Regel sowieso. Wer keine Verwandten mit reichlich Zeit in der Nähe hat, kommt um die Betreuung in einer Einrichtung selten herum.

"Meine Kinder gehen nicht in die Krippe: Sie brauchen die Liebe und Geborgenheit der Familie", sagt Jennifer Huck. Die Mittelfränkin betreut ihre Kleinen zu Hause. Aus Prinzip. "An Regeln anpassen müssen sie sich noch früh genug." Ähnlich sieht es Professor Serge Sulz. Ein Kind unter 24 Monaten werde vernachlässigt, "wenn es zu zehnt oder fünfzehnt acht bis zehn Stunden am Tag mit einer oder zwei Erzieherinnen verbringen muss", schreibt der Münchner Psychotherapeut. Krippen helfen laut Sulz, dass Frauen schneller an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Nicht immer zum Besten der Kinder.

"Klar, die Familie ist die wichtigste Sozialisationsinstanz", sagt Simone Lehrl vom Lehrstuhl für Elementar- und Familienpädagogik an der Uni Bamberg. Eindeutige wissenschaftliche Erkenntnisse seien jedoch rar, die Studienlage über Auswirkungen dünn. Sie kann nicht erkennen, dass sich eine Fremdbetreuung ausschlaggebend negativ auf Kinder auswirkt. "Ein feinfühliger Umgang mit ihnen ist das Entscheidende", so Lehrl. "Der ist auch in größeren Gruppen möglich."

Mängel in der Krippen-Qualität

"Die Sorge, dass frühe Tagesbetreuung Kindern generell schadet, ist aus wissenschaftlicher Perspektive unbegründet", schreibt die Deutsche Liga für das Kind in einem Positionspapier. Entscheidend sei die Qualität der Betreuung und nicht wer betreut. Aber: In puncto Qualität schneiden Krippen nicht sehr gut ab. Ein schlechtes Zeugnis stellt etwa die "Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung" (NUBBEK) aus dem Jahre 2012 aus. Demnach seien nur 3,2 Prozent der Krippen ausgezeichnet oder gut, jede achte Krippe hingegen unzureichend. Der große Rest wird als mittelmäßig eingestuft.

Ein großes Problem: zu wenig Fachkräfte. Der Personalschlüssel in bayerischen Krippen beträgt 1:3,7, wie das Ländermonitoring "Frühkindliche Bildungssysteme 2018" der Bertelsmann-Stiftung zeigt. Aussagekräftiger als diese sehr theoretische Normgröße ist die Fachkräfte-Kind-Relation. Sie rechnet Szenarien wie Urlaubs- und Krankheitstage ein und zeigt, wie viel Personalressourcen in der Praxis tatsächlich für die direkte Arbeit mit Kindern zur Verfügung steht. Ergebnis: Eine Fachkraft in Bayern muss mindestens fünf Kinder betreuen.

Laut Bayerns Sozialministerin Kerstin Schreyer gehe Qualität in Kitas in erster Linie vom Personal aus. Qualitätsoffensiven aber kosten Geld. Bis 2022 fördert der Bund den Freistaat im Rahmen des Gute-Kita-Gesetzes mit mehr als 850 Millionen Euro. Damit will Bayern Fachkräfte gewinnen, Öffnungszeiten flexibilisieren und Personal entlasten. Der erhoffte Qualitätsschub solle laut Ministerium zudem auf Herausforderungen durch Inklusion, Integration und Digitalisierung reagieren.

Meinung: Sollten Kinder schon unter drei Jahren in einer Kita betreut werden?

Pro: Geschulte Betreuung ist hohes Gut (Stephan Großmann)

Die Familie ist das Wichtigste für jedes Kind. Keine Frage. Und doch leisten Krippen einen unschätzbaren Beitrag für die Entwicklung der Kleinsten. Experten sind sich uneins über die Frage, ab wann ein Kind alt genug für die außerfamiliäre Fremdbetreuung ist. Für manche sind weniger als 36 Monate zu früh, anderen reichen zwölf. Pauschale Aussagen sind schwierig zu treffen; zu unterschiedlich sind die Biografien, zu individuell die Gemüter und Familienverhältnisse.

Entscheidend ist die Verhältnismäßigkeit. Bleibt ein Elternteil mit Geschwisterkind daheim, muss der Kleine nicht ganztags in die Krippe abgeschoben werden. Sammelt ein Kind jedoch einen Vormittag lang erste Gruppenerfahrungen und wird altersgerecht und professionell betreut, ist das eine gute Sache. Ausschlaggebend ist die Qualität, die Untersuchungen zufolge oft nur unzureichend ist. Das muss sich schleunigst verbessern! Die Betreuungsquoten werden wie in den letzten Jahren weiter steigen. Krippenerziehung ist ein hohes Gut, das wir uns zu vertun nicht leisten können.

Contra: Die Krippe ist nur zweitbeste Lösung (Klaus Angerstein)

Die ersten drei Lebensjahre sind für die Entwicklung unserer Kinder von entscheidender Bedeutung. Sagen Pädagogen, Psychotherapeuten und andere Experten, die es wissen müssen. Da entwickelt sich die Persönlichkeit eines jungen Menschen. Die Liebe und die Fürsorge einer Mutter - in diesem Lebensabschnitt ist sie meiner Meinung nach für ein Kind unersetzlich. Ich weiß, das ist nicht mainstreamkonform, aber das ist mir egal.

Was ist das für eine Gesellschaft, in der Mütter in die Ecke Ewiggestriger gestellt werden, nur weil sie bei der Erziehung ihrer Kinder die erste Rolle spielen wollen und damit vielleicht persönliches Karrieredenken zurückstellen? Was ist das für eine Gesellschaft, die aufgrund wirtschaftlicher Zwänge den Müttern gar nicht erst die Chance einräumt darüber nachzudenken, ob sie ihre Kinder in den ersten drei Jahren selbst erziehen wollen oder nicht? Der Zwang zum Geldverdienen und prekäre familiäre Biografien zwingen viele Kinder in die Krippe. Suggeriert wird dann auch noch, das sei eh die beste Lösung. Von wegen.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren