Bayreuth
Ausbildung

Wo die Lehre selten geworden ist

Elektroniker, Friseure oder Fliesenleger hat fast jeder in seinem Bekanntenkreis. In Franken gibt es aber auch Azubis in Handwerksberufen, die alles andere als alltäglich sind. In den nächsten Wochen stellen wir einige von ihnen vor.
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Mitarbeiter der Glockengießerei Rincker in Sinn (Hessen) messen hinter dem Tiegelofen die Temperatur der flüssigen Bronze für den Guss einer Glocke. Wer den Beruf des Glockengießers lernen möchte, sucht in Franken derzeit vergeblich nach einem Ausbildungsplatz. Foto: F. Rumpenhorst, dpa
Mitarbeiter der Glockengießerei Rincker in Sinn (Hessen) messen hinter dem Tiegelofen die Temperatur der flüssigen Bronze für den Guss einer Glocke. Wer den Beruf des Glockengießers lernen möchte, sucht in Franken derzeit vergeblich nach einem Ausbildungsplatz. Foto: F. Rumpenhorst, dpa

Die Auswahl ist beeindruckend. Wer einen Lehrberuf sucht, in dem er mit seinen Händen etwas Bleibendes schaffen kann, kann in Deutschland zwischen rund 150 Handwerken wählen. Aufgelistet sind diese in den Anlagen A und B der Handwerksordnung, die unter anderem im Internet auf der Seite des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) zu finden ist.

Manche Berufe sucht man in diesen Listen vergeblich. Der Schreiner? Fehlanzeige. Der Metzger? Auch nicht? "Der Bäcker heißt in dieser Auflistung immer noch Bäcker", erklärt Frank Grökel, Leiter Ausbildungsberatung und Nachwuchsförderung bei der Handwerkskammer für Oberfranken. "Aber für Schreiner und Metzger, wie man sie bei uns bezeichnet, hat man sich im Laufe der Zeit auf einen bundesweit einheitlichen Begriff geeinigt." So erhält der Schreiner nach der Ausbildung einen Gesellenbrief als Tischler und die Urkunde des Metzgers trägt den Titel Fleischer.

Es fehlt der Nachwuchs

"Zwei Drittel unserer Azubis entscheiden sich für Ausbildungen zum Kfz-Mechatroniker, Elektroniker, Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (SHK) oder Friseur", berichtet Grökel. Erfreulich aus der Sicht des Ausbildungsexperten: "Zum Beispiel beim SHK-Anlagenmechaniker sind mehr und mehr Mädels dabei, die den Jungs die Schneid abkaufen. Die geben doppelt so viel Gas, weil es eine Männerdomäne ist."

Ein Lichtblick, der das große Problem des Handwerks nicht überdecken kann. Es fehlt an Nachwuchs. In Franken ging die Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge 2018 erneut zurück. In Unterfranken etwa blieben mehr als 1000 Lehrstellen unbesetzt, in Oberfranken waren es 650.

Empfehlung: vorher Praktikum

Umgekehrt finden sich in der Handwerksordnung Berufe, wo es in der Region nur wenige Lehrstellen gibt. Wer zum Beispiel eine Ausbildung zum Büttner plant - der Beruf wird je nach Region auch als Böttcher, Küfer oder Fassmacher bezeichnet -, muss in Franken schon genau suchen. Ähnlich verhält es sich mit Seilern oder Wachsziehern.

"Meistens sind es junge Leute mit Fachhochschulreife oder Abitur, die sich auf so einen bestimmten Beruf festlegen wollen", sagt Taoufik Hamid, Ausbildungsberater der Handwerkskammer für Unterfranken in Aschaffenburg. Grundstein für die Entscheidung sollte laut Hamid ein Praktikum sein. "Das empfehle ich zu 100 Prozent. So vermeidet man Ausbildungsabbrüche." Denn der Name eines Gewerks sei nicht immer aussagekräftig. Viele hätten falsche Vorstellungen.

Nischen gefunden

Keine Ausbildung ohne Ausbildungsbetrieb. Es gibt in Franken solche Betriebe mit seltenem Handwerk, die auch noch ausbilden. Oft sind es traditionelle Firmen, die in Zeiten der Massenware Nischen gefunden haben, in denen sie ihre Produkte verkaufen - oft Einzelstücke, gefertigt von geschickten Händen in kleinen Manufakturen.

Leider ist das nicht mehr in allen Handwerken so. Die Recherche hat ergeben, dass eine Ausbildung zum Glockengießer in Franken nicht mehr möglich ist. Auch nicht bei der Familie Bauer in Nürnbergs letzter Glockengießerei. Ein aussterbendes Handwerk.

Ähnlich ist es mit dem Flexografen - eine Berufsbezeichnung, die den wenigsten etwas sagt. Dabei handelt es sich um das jahrhundertealte Handwerk des Stempelmachens. Flexografen fertigen heute nicht nur Stempel, sondern zum Beispiel auch Schilder. In Franken bietet sich dem Nachwuchs hier keine Chance. Laut den drei Handwerkskammern in Bayreuth, Würzburg und Nürnberg ist aktuell kein Flexograf-Azubi verzeichnet.

"Koffer packen"

Folgen hat das zunächst keine. "Ausbildungsverordnungen werden nicht einfach gelöscht oder aufgehoben, wenn es weniger oder in einem Jahr mal keine Auszubildenden gibt", heißt es auf unsere Anfrage beim ZDH in Berlin. Im Rahmen von Neuordnungen werde versucht, die Inhalte dieser Berufe in einem anderen Beruf neu zu strukturieren oder Berufe zusammenzufassen.

"Wenn die richtige Frau oder der richtige Mann am richtigen Platz ist, dann bilden Betriebe vielleicht plötzlich doch wieder aus, ohne dass sie es vorher wollten", sagt Ausbildungsberater Frank Grökel.

Wer so einen seltenen Beruf ergreift, der muss nach seinen Worten gewillt sein, eventuell dauerhaft seine Koffer zu packen, falls in dem Betrieb nach der Lehre keine Anstellungsmöglichkeit besteht. Denn die Alternativen lägen dann oft viele Kilometer entfernt.

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