Wiesentheid
Interview 

Wo bleibt die echte Inklusion?

Sieben Jahre nach "Supertalent": Die Fränkin Leonie Neubert sucht trotz Handicaps den Weg auf die Bühne. Und zu echter Inklusion.
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Trio mit vier Pfoten:  Isolde Fähnrich-Winkowski, Labrador Diego und Leonie Neubert halten zusammen. Diana Fuchs
Trio mit vier Pfoten: Isolde Fähnrich-Winkowski, Labrador Diego und Leonie Neubert halten zusammen. Diana Fuchs
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I m Café "Süße Freiheit" in Fürth kennt man sie. Leonie Neubert und ihr Blindenführhund Diego sind hier Stammgast. Inhaber Heinz Pölloth schätzt die Herzlichkeit der fast blinden und gehbehinderten 34-Jährigen. Vor sieben Jahren zollte der Mittelfränkin sogar ein bekannter Entertainer großen Respekt: Dieter Bohlen. Seit ihrer Teilnahme an der TV-Show "Supertalent" hat Leonie Neubert viel erlebt, Höhen und Tiefen. Am 3. März wird sie als "Shootingstar" bei der Nacht der Toleranz (Varieté for Charity) in Wiesentheid auftreten. Sie und ihre Managerin und Freundin Isolde Fähnrich-Winkowski wollen dem Wort Inklusion Leben geben.

Leonie, fühlst du dich abgestempelt, wenn dich jemand als "behindert" einstuft?
Leonie Neubert: Nein. Die Folgen einer Gehirnentzündung, mit der ich mich als Baby infiziert hatte, sind nun mal da. Ich habe nur ein paar Prozent Sehfähigkeit und muss Objekte extrem fokussieren, um sie zu sehen. Es ist wie ein Blick durch eine enge Röhre. Außerdem hinke ich beziehungsweise knicke mit einem Bein immer ein bisschen ein. Das ist nicht zu übersehen. Aber ich versuche, das bestmöglich in den Griff zu kriegen, mit Training im Fitnessstudio zum Beispiel.

Inwiefern beeinträchtigen dich Seh- und Gehschwäche im Alltag?
Leonie: An Orten, wo ich mich auskenne, komme ich gut zurecht. An fremden Orten ist die Orientierung schwer und die Gefahr, Hindernisse zu übersehen, groß. Aber ich habe ja Diego, der mir seit acht Jahren zur Seite steht. Wenn ich mit Menschen unterwegs bin, ist das natürlich auch hilfreich. Isolde zum Beispiel warnt mich mit der Uhrzeiten-Methode, sie sagt etwa: "Hoher Bordstein auf zwei Uhr", dann passe ich halt besonders auf. Und ich habe meine Smartwatch und mein Smartphone mit besonders großer Schrift. Beide sind spitzenmäßige Hilfen im Alltag. Meinem Smartphone kann ich zum Beispiel WhatsApp-Nachrichten diktieren. Da kommen manchmal lustige Sachen raus...

Inwiefern?
Leonie: Ich wollte meiner Mutter schreiben, dass ich Riesenhunger habe und hab' diktiert: "Mein Magen hängt auf halb acht." Das Phone hat übersetzt: "Mein Magen hängt auf 7 Uhr 30."

Du hast 2011 beim "Supertalent" viele Menschen begeistert. Wie ging es danach weiter?
Leonie: Ich bereue es auf keinen Fall, mitgemacht zu haben! Aber ich muss auch sagen: Damals ist viel auf mich eingeprasselt. Zum einen habe ich nach der Show zahlreiche Auftrittsangebote erhalten. Zum anderen aber auch ganz schlimme Kommentare...

Schlimme Kommentare?
Leonie: Zum Beispiel auf Facebook. Da waren schreckliche Sachen dabei, bis zu der Aussage, man habe wohl vergessen, die "singende Schlampe zu vergasen"...

Klingt nach hohlen Nazis.
Leonie: Nicht nur, das waren wohl vorwiegend Leute, die selbst ein Handicap haben.

Wie das? Ich dachte, du bist ein Vorbild für Behinderte, sich nicht im Schneckenhaus zu verkriechen, sondern sein Leben zu leben.
Leonie: Nicht alle wollen ihr Schneckenhaus verlassen. Manche trauen sich ihr Leben lang nicht raus, andere gefallen sich in der Opferrolle und sind jedem böse, der das nicht tut.

Aber Du bist nicht der Typ, der sich heulend in die Ecke stellt und niemanden an sich ranlässt, oder?
Leonie: Ich heule schon irgendwann mal. Aber ich packe das Problem trotzdem an, auch wenn ich dann halt mal in Tränen ausbreche.

Kannst du ein Beispiel aus deinem Alltag schildern?
Leonie: In Lidl- und dm-Filialen hat man mich abgewiesen, wenn ich mit Diego gekommen bin. "Der Hund bleibt draußen!", hieß es, auch wenn auf der Homepage stand, dass Blindenhunde willkommen sind. Dagegen habe ich mich gewehrt. Ich habe zum Beispiel bei der Zentrale angerufen. Daraufhin kam ein Entschuldigungsschreiben und die Versicherung, Diego sei natürlich willkommen. Er ist schließlich ein ausgebildeter Blindenhund, der garantiert nichts kaputtmacht oder verunreinigt.
Isolde Fähnrich-Winkowski: Oft muss man als Behinderter noch für Dinge kämpfen, die eigentlich selbstverständlich sind.
Leonie: Es gibt aber auch positive Beispiele. Bei Tegut und bei Edeka um die Ecke bekomme ich sogar eine Einkaufshilfe, die mir die Waren in den Einkaufswagen packt. Da fühle ich mich willkommen. Und das schreibe ich dann auch öffentlich so auf.

Du hast fast 4000 Facebook-Freunde. Deine Meinung wird gehört...
Leonie: Ja, das ist das Gute an den neuen Medien. Zurzeit mache ich mich zum Beispiel auch als Restaurant-Testerin nützlich und schreibe auf, wo man als Behinderter problemlos und gut hingehen kann.

Du hast auch Bilder gepostet, die Dich beim Ladys Run in Nürnberg zeigen oder bei der Iron-Woman-Challenge in Roth - nicht als Zuschauerin, sondern als Teilnehmerin!
Leonie: Ja, in Nürnberg bin ich an Isoldes Hand mitgelaufen. Nach dem Motto: Dabeisein ist alles. Der Platz war nicht wichtig. Ich hab' dort Lucy von den NoAngels getroffen, die mir ihren Preis gewidmet hat.

Womit verdienst du Deinen Lebensunterhalt? Mit Singen?
Leonie: Schön wär's. Mein absoluter Traum ist ein Engagement auf einer klassischen Opern- oder Operetten-Bühne. So gern würde ich mal die Gretel in Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel singen...

Aber?
Isolde: Die Regisseure scheuen sich davor, eine behinderte Sängerin zu engagieren. Sie könnte stürzen. Außerdem kann Leonie nicht allzu lange stehen. Das erschwert alles.
Leonie: Länger als drei Stunden am Stück bin ich nicht wirklich arbeitsfähig. Aber ich probiere ganz viel! Ich will auf jeden Fall weg von der Grundsicherung und meinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Ein Engagement in einem kleinen Haus würde mir völlig reichen. Ich bin zwar Fürtherin mit Leib und Seele, aber ich könnte mir trotzdem vorstellen, mal ein paar Jahre woanders zu leben. Ich hab' mich sogar mal in Berlin beworben. Ist aber nichts geworden.

Jetzt kommst du erst mal nach Wiesentheid - als "Shootingstar 2018". Was bedeutet dir das?
Leonie: Ich freue mich riesig. Weil es mir wichtig ist, für eine offene Gesellschaft einzutreten, Vorurteile gegenüber Menschen abzubauen, die irgendwie "anders" sind. Außerdem möchte ich den guten Zweck der Veranstaltung unterstützen. Und natürlich will ich zeigen, dass man trotz Handicap etwas erreichen kann, wenn man sich nicht auf seiner Behinderung ausruht.

Apropos: Das Wort Inklusion ist in aller Munde. Reicht das?
Leonie: Oft fehlt das Gefühl dafür, was gut und hilfreich ist - und was nicht. Beispiel Schule: Für mich hat das wenig mit Inklusion zu tun, wenn man junge Menschen mit verschiedensten Behinderten zu den "Normalen" in die Regelschule steckt. Ich für meinen Teil hätte gar nicht lesen können, was an der Tafel steht. Ich würde wieder auf eine Behindertenschule gehen wollen, einfach, weil man da viel besser gefördert werden kann. Echte Inklusion müsste im Kindergartenalter anfangen, der Umgang miteinander müsste selbstverständlich werden.


Zur Person: Als Kind hat Leonie Neubert von ihrer Oma eine Klassik-CD bekommen. "Obwohl ich auch Bravohits gehört habe, bin ich seitdem vom Klassikvirus infiziert." Die Fürtherin besuchte die Blinden- und Sehbehindertenschule in Nürnberg, hatte Klavierunterricht und solistischen Einzelunterricht. Nach einer Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation ("Mama hat gesagt, ich soll erst was G'scheites lernen") absolvierte sie die dreijährige Ausbildung zur staatlich geprüften Sing- und Musiklehrerin. Sie engagiert sich im Fürther Behindertenrat, ist Präsidentin des Brauchtums- und Faschingsvereins "Nürnberger Burgnarren e.V.", singt als Solistin in zwei Chören und besucht mit Diego regelmäßig Senioren in zwei Altenheimen.

Varieté for Charity:Die "Nacht der Toleranz" mit vielen Stargästen (Elke Winter, Marco Noury, Siegfried & Joy u.v.a.) findet am 3. März in der Steigerwaldhalle in Wiesentheid (nahe des Drei-Franken-Ecks) statt. Karten (22 bis 40 Euro) gibt es online unter variete-for-charity.de oder reservix.de.
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