Bayreuth
Fall Peggy

Verdächtiger in U-Haft: Andere Straftat durch Mord verdeckt?

Ein 41-Jähriger ist dringend tatverdächtig, die damals neunjährige Peggy getötet zu haben. Möglicherweise schützte ihn seine Mutter mit einer Falschaussage.
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Seit über 17 Jahren beschäftigt der Fall Peggy die Öffentlichkeit. Nun stehen die Ermittler wohl vor dem Durchbruch.  Foto: Wolfgang Ebener/dpa
Seit über 17 Jahren beschäftigt der Fall Peggy die Öffentlichkeit. Nun stehen die Ermittler wohl vor dem Durchbruch. Foto: Wolfgang Ebener/dpa
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Steht der Fall Peggy endlich vor dem Durchbruch? Am Dienstagnachmittag ist Haftbefehl gegen den 41-jährigen Manuel S. erlassen worden - wegen Mordes. Er sitzt in Untersuchungshaft. Wie Polizei und Staatsanwaltschaft mitteilen, ergebe sich ein "dringender Tatverdacht gegen den 41-Jährigen, wonach der Mann selbst Täter oder Mittäter der Tötung der damals neunjährigen Peggy war und anschließend den leblosen Körper in einem Wald bei Rodacherbrunn ablegte".

Der Beschuldigte selbst will sich nicht äußern, lässt den Vorwurf aber über seinen Anwalt bestreiten. Zudem steht im Raum, dass S. mit der Tötung "eine zuvor begangene Straftat" verdecken wollte.

Im September diesen Jahres hatte Manuel S. gestanden, Peggys Leiche in einem Waldstück in Thüringen vergraben zu haben. Er gab an, dass ihm ein anderer Mann den leblosen Körper in einem Bushäuschen in Lichtenberg übergeben habe. Die Polizei kam allerdings zu dem Ergebnis, dass Manuel S. nicht die Wahrheit sagt.

Anschließend prüfte die Sonderkommission Peggy der Kripo Bayreuth insbesondere die damaligen Angaben des Beschuldigten. Außerdem stellte die Polizei bei Durchsuchungen einiger Anwesen von Manuel S. Beweismittel sicher, die sie nun ausgewertet hat. "Im Ergebnis sind wesentliche Angaben des Beschuldigten - so der behauptete Anlass und der geschilderte Geschehensablauf - nicht mit den weiteren Ermittlungsergebnissen in Einklang zu bringen", teilen die Behörden mit.

Fehler der Ermittlungsbehörden?

"Na, wenn die das noch nicht früher gemerkt haben!", kommentiert Gudrun Rödel lakonisch. Ohne sie und ihre Mitstreiter hätte es die neuen Ermittlungen wohl nie gegeben. Rödel ist die Betreuerin von Ulvi K., dem geistig behinderten Lichtenberger, der 2004 wegen Mordes an Peggy verurteilt worden war. Für viele war der Fall Peggy damit abgeschlossen, aber Rödel und eine Bürgerinitiative schafften es, dass Ulvi zehn Jahre später in einem Aufsehen erregenden Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen wurde. "Ich kenne die Verfahrensakten - 40 Ordner! - fast auswendig", sagt die Münchbergerin.

Seit Jahren kritisiert sie die vielen Ungereimtheiten: Da ist das seltsame Phänomen, dass das Mädchen von diversen Zeugen im Lauf des Tages und am Abend noch gesehen wurde, es aber irgendwann im Lauf des Verfahrens hieß, sie sei auf dem Nachhauseweg von der Schule verschwunden. Die Zeugen - zumeist Kinder - wurden nicht ernst genommen. Da sind ungeklärte Fragen an Peggys Mutter. Und da ist die Falschaussage der Mutter von Manuel S., die Ulvi damals belastete. "Sie wollte ihren Sohn schützen. Das ist natürlich nicht richtig - aber ich kann es verstehen", sagt Rödel.

Vor vier Wochen hatte ihr Mitstreiter Norbert Rank dieser Zeitung erzählt, wie er am Morgen des 9. Mai 2001 einen Anhalter mit dem Auto mitgenommen hat: Das war zwei Tage nach Peggys Verschwinden. Der Mann steht in enger Verbindung zu Manuel S. - "eine höchst beklemmende Begegnung". Rank glaubt, dass mehrere Männer in dieser Nacht Peggys Leiche vergraben haben. Seiner Zeugenaussage sei die Polizei 2001 aber nicht hinreichend nachgegangen. "Man hat ihn als Spinner hingestellt."

Gudrun Rödel spricht über die Fehler der Ermittlungsbehörden, als ihr Telefon klingelt. "Hallo, Herr Euler", sagt sie. Michael Euler ist der Rechtsanwalt, der Ulvi im Wiederaufnahmeverfahren freigeboxt hat. Er teilt Rödel mit, was er von den Behörden erfahren hat. Vertraulich. Aber zumindest sieht er eine Chance, dass der Fall nun endlich aufgeklärt wird. Kaum hat sie aufgelegt, klingelt das Telefon erneut. Gudrun Rödel sagt: "Wir werden jetzt wieder auf Trab gehalten."

Wie viele, die mit dem Fall zu tun haben, die Peggys Geschichte seit 17 Jahren mit sich herumtragen, wäre sie froh, wenn der Täter überführt würde, wenn endlich Ruhe wäre. "Aber nur, wenn er es denn wirklich war - nicht, dass noch einmal ein Unschuldiger eingesperrt wird."

Eine Chronik des Falles Peggy

7. Mai 2001: Die neunjährige Peggy aus Lichtenberg verschwindet.

August 2001:

Die Polizei nimmt Ulvi K. fest. Er gibt an, sich an Peggy und drei weiteren Kindern sexuell vergangen zu haben.

7. Oktober 2003:

Vor dem Landgericht Hof beginnt der Prozess gegen Ulvi K.

30. April 2004:

Ulvi K. wird wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

10. April 2014: Das Wiederaufnahmeverfahren beginnt - und endet aus Mangel an Beweisen. Ulvi K. wird freigesprochen.

18. Februar 2015:

Die Staatsanwaltschaft Bayreuth stellt ihre Ermittlungen ein. Ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wird aber aufrechterhalten, um mögliche Spuren weiterzuverfolgen.

19. März 2015: Das OLG Bamberg entscheidet, dass Ulvi K. aus der Psychiatrie entlassen wird.

2. Juli 2016:

Ein Pilzsammler findet in einem Wald im thüringischen Saale-Orla-Kreis Skelettreste: laut Behörden "höchstwahrscheinlich" von Peggy stammen.

13. Oktober 2016:

Polizei und Staatsanwaltschaft teilen mit, dass am Fundort der sterblichen Überreste des Mädchens DNA-Spuren des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden wurden. Später räumen die Ermittler ein, dass die DNA durch eine Panne dorthin kam.

12. September 2018: 

Die Polizei durchsucht Anwesen von Manuel S. in Marktleuthen. Der 41-Jährige zählte schon früher zum "relevanten Personenkreis". Nach der Vernehmung kommt er wieder frei.

21. September 2018:

Die Ermittler geben bekannt, dass Manuel S. gestanden hat, Peggys Leichnam in dem Waldstück in Thüringen abgelegt zu haben. Mit Peggys Tod will er nichts zu tun haben. Ein anderer Mann habe ihm den leblosen Körper am Tag des Verschwindens an der Lichtenberger Bushaltestelle übergeben. Wer das sein soll, behalten die Ermittler bisher noch für sich.

11. Dezember 2018: Manuel S. wird wegen Mordverdachts festgenommen, dem Ermittlungsrichter vorgeführt und sitzt in Untersuchungshaft.

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