Franken

So steht es um die Barrierefreiheit der fränkischen Bahnhöfe

Viele Bahnhöfe in Franken sind immer noch nicht barrierefrei - gerade auf dem Land sind aber Menschen auf den öffentlichen Verkehr angewiesen. Wir haben uns wichtige fränkische Stationen angesehen. Das Ergebnis: Mindestens durchwachsen.
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Von etwa 350 Bahnhöfen in Franken sind bis dato mehr als 200 noch nicht barrierefrei ausgebaut worden. Tausende Menschen schließt das vom Öffentlichen Personennahverkehr aus, auf den sie vor allem abseits der großen Städte dringend angewiesen sind.

Wir haben wichtige Stationen besucht und uns vor Ort angeschaut. Manche Bahnhöfe sind unzumutbar, selbst an Knotenpunkten gibt es Probleme und Vorzeigebahnhöfe sind es viel zu wenige. Fazit: mangelhaft.

Bahnhof Kulmbach

Bahnhof Kulmbach Foto: Matthias Hoch
Bahnhof Kulmbach Foto: Matthias Hoch

 

Nicht barrierefrei

Alle wichtigen Verbindungen starten auf diesem Bahnsteig. Der ist allerdings nur über Treppen erreichbar. Die Wanderfreunde stellt das vor keine großen Herausforderungen. Anderen ergeht es da schon schlechter.

Mittwochs besucht die Rentnerin Renate Döring regelmäßig den Wochenmarkt im Kulmbacher Stadtzentrum. Weil sie kein Auto besitzt, muss sie den Weg aus dem 15 Kilometer entfernten Nachbarort Neuenmarkt mit dem Zug zurücklegen. In Kulmbach angekommen beginnt für die 77-Jährige ein quälender Gang. Über die Treppe steigt sie in die Unterführung hinab, 20 Meter weiter geht's wieder nach oben. "Noch kann ich halbwegs gut laufen", sagt sie. "Aber was, wenn es schlechter wird?"

Das Problem am Kulmbacher Bahnhof ist nicht neu. Seit vielen Jahren kämpfen Rathaus-Vertreter und Verbände vor Ort darum, dass die Station barrierefrei ausgebaut wird. Bisher jedoch vergebens. Bayernweit ist der Kulmbacher Bahnhof einer der letzten seiner Größenordnung, der nicht barrierefrei ausgebaut ist.

Pro Tag sind in der Bierstadt 1830 Menschen auf den Schienen unterwegs. Dennoch taucht der Bahnhof auf keinem der aktuellen Ausbauprogramme der Bahn auf. Auf Anfrage teilte die Bahn mit, mittelfristig dort keine Chance für einen barrierefreien Ausbau zu sehen. Aber die örtlichen Akteure wollen nicht aufgeben.

Bahnhof Kronach

 

Bahnhof Kronach Foto: Matthias Hoch
Bahnhof Kronach Foto: Matthias Hoch

Nicht barrierefrei

Der Fahrkartenautomat in der Unterführung ist bequem über eine Rampe erreichbar. So weit, so gut. Für Rollstuhlfahrer ist dieser Weg allerdings gesperrt, wie großes Schild an der Fassade offenbart. Warum der Bereich für Rollstühle ist so unbekannt wie egal: Nach dem Automaten ist sowieso Schluss mit der Mobilität. Wer eingeschränkt mobil unterwegs ist, wird die Treppen kaum überwinden können, um die Unterführung betreten zu können. Nur von dort gelangt man aber auf die Gleise 2 und 3, von wo aus die wichtigen Verbindungen in Richtung Süden (Bamberg) und Norden (Saalfeld) abgehen. Wer Glück hat, kann auf einen hilfsbereiten Träger hoffen. Oder auf Gleis 1 ausweichen. Dort hält jedoch nur zweimal am Tag ein Zug - das zählt also nicht wirklich als Alternative für den unerreichbaren Bahnsteig gegenüber.

Wie in der Kreisstadt stellt sich die Situationen an vielen Bahnstationen im Frankenwald dar. Vielerorts fallen die Bahnhöfe in puncto Barrierefreiheit durch. Das ist umso fataler in einer Gegend, die auf Grund der demografischen Entwicklung stark auf einen funktionierenden und für alle erreichbaren Öffentlichen Personennahverkehr angewiesen ist.

Ein kleiner Funke Hoffnung glimmt in Kronach aber. Laut des Förderprogramms "Bayern Paket II" sollen bis 2021 acht weitere bayerische Bahnhöfe barrierefrei werden. Kronach gehört zwar nicht dazu. Immerhin sollen in drei Jahren die "Planungen bis zur Baureife gebracht werden". Bis die Arbeiten in der Kreisstadt jedoch beginnen, werden wohl noch Jahre vergehen.

Bahnhof Coburg

 

Bahnhof Coburg Foto: Matthias Hoch
Bahnhof Coburg Foto: Matthias Hoch

Teilweise barrierefrei

s geht voran. Zwei weitere Aufzüge sollen künftig für Barrierefreiheit am Coburger Bahnhof sorgen. Aber noch tut sich wenig in vertikaler Richtung. Der erste Aufzug, der Reisende zu den Gleisen 2 und 3 bringt, ist zwar nun in Betrieb, nachdem monatelang auf die technische Abnahme gewartet wurde.

Der Fahrstuhl für Gleis 1 ist zwar installiert, lässt sich aber noch nicht benutzen. Am Bahnsteig zu den Gleisen 4 und 5 ist der Fahrstuhl nun immerhin im Bau. Laut der Bahn gab es Lieferengpässe beim Aufzugmodell. Am 10. Dezember solle der Fahrstuhl dann endlich in Betrieb gehen, hieß es im September. Für die 4100 Reisenden pro Tag ein heiß ersehntes Datum.

"Das sind unzumutbare Zustände", findet Miriam Koser, die täglich mit dem Zug nach Coburg fährt. Mit ihrem Kinderwagen hat sie ihre Not, die Treppen zu bewältigen. "Meistens findet sich zwar jemand, der mir zu Hand geht", sagt sie. Aber es gab auch schon Tage, an denen niemand da war.

Im Zuge des "Verkehrsprojekts Deutsch Einheit 8" wurde Coburg ans ICE-Netz angeschlossen, deshalb wurden auch die Bahnsteige 2 und 3 ICE-tauglich gemacht. Aber noch sind die Bauarbeiten, die lang versprochen waren, nicht beendet. Der soll Mitte 2019 fertig werden. Die Unterführung unter den Gleisen will die Bahn 2019/20 sanieren und mit einem Blindenleitsystem ausstatten.

Bahnhof Lichtenfels

 

Bahnhof Lichtenfels
Bahnhof Lichtenfels

Barrierefrei

Wer mit dem Zug in Oberfranken unterwegs ist, kommt nur selten am Lichtenfelser Hauptbahnhof vorbei. Viele Verbindungen passieren die Korbstadt, oft müssen Reisende hier umsteigen. Umso wichtiger wiegt es, dass der Bahnhof vollständig barrierefrei ausgebaut ist.

Direkt am Bahnhofsgebäude gibt es zwar keinen Bahnsteig mehr, die sechs vom Personenverkehr angefahrenen Gleise umschließen drei sogenannte Inselbahnsteige. Die wiederum sind alle per Aufzug zu erreichen, auch die sanitären Einrichtungen stellen die Menschen nicht vor Herausforderungen.

Lichtenfels gilt als Regionalknotenpunkt in Oberfranken. Laut Zahlen der Bayerischen Eisenbahngesellschaft zählt Lichtenfels täglich etwa 5850 Reisende. Im oberfränkischen Bahnhofs-Check nimmt die Lichtenfelser Station klar eine Vorreiterrolle ein. Wer aber im Lichtenfelser Umland wohnt, hat nicht viel davon.

Nur zwei von neun Stationen im Landkreis sind bisher barrierefrei ausgebaut worden. An den restlichen Bahnhöfen kommen Reisende nur unter erschwerten Bedingungen zum Zug. Seit einiger Zeit gibt es zwar in Ebensfeld Aufzüge, andere Stationen Staffelstein bleiben abgehängt.

Bahnhof Ebern

 

Bahnhof Ebern Foto: Matthias Hoch
Bahnhof Ebern Foto: Matthias Hoch

Barrierefrei

Der Zug hält mitten im Ort. Einige Fahrgäste warten bereits an dem (in Deutschland mittlerweile selten gewordenen) Kopfbahnhof in Ebern. In regelmäßigem Takt hält eine agilis-Bahn und bringt die Eberner über den Nachbarort Breitengüßbach in in alle fränkischen Regionen. Es gibt nur ein einziges Gleis, das über eine Rampe bequem zu erreichen ist. Eigentlich ideal.

Und doch tun sich mitunter Probleme auf. Ute Delsing aus Rattelsdorf fährt oft nach Ebern, meistens nutzt sie den Zug. Auf Grund ihrer Rückenprobleme ist sie auf ein wuchtiges Elektromobil angewiesen. Eigentlich müsste sie sich vor jeder Fahrt bei der Bahn anmelden. "Das geht aber nicht immer, weil ich nicht weiß, wann ich genau fahre", sagt sie. Dann kann es selbst auf dieser beschaulichen Strecke schnell hektisch werden.

Problematisch ist, dass sie ohne Hilfe nicht in den Zug gelangt. Um den großen Abstand zwischen Waggon und Bahnsteigkante zu überwinden, legt ein Zugbegleiter eine spezielle Rampe aus. Im Fahrradabteil hören die Schwierigkeiten nicht auf. "Weil es dort so eng ist, habe ich große Probleme mit dem Manövrieren", erzählt Delsing.

Überdies klagt sie über einen ruppigen Umgang mit eingeschränkt mobilen Menschen. Sowohl vom Personal als auch von anderen Fahrgästen ausgehend. Ein weiteres Indiz dafür, dass Barrierefreiheit nicht zwangsläufig geleistet ist, nur weil jeder zum Zug gelangen kann.

Bahnhof Bamberg

 

Bahnhof Bamberg Foto: Matthias Hoch
Bahnhof Bamberg Foto: Matthias Hoch

Barrierefrei

In puncto Barrierefreiheit lässt sich in Bamberg nur auf höherem Niveau schimpfen. Alle für den Bahnverkehr genutzten Gleise sind per Aufzug zu erreichen. Bahnhofsgebäude und Servicezentrum sind stufenlos begehbar und in der Regel funktionieren auf den Bahnsteigen die Anzeigen und Lautsprecherdurchsagen.

Dass es hin und wieder doch schwierig werden kann, zeigt sich dann, wenn mehrere Reisende gleichzeitig auf den Aufzug angewiesen sind. Bei etwa 16 550 Reisenden pro Tag kommt das hin und wieder vor. Weil die Fahrstuhlkabinen sehr schmal gebaut sind, passen zum Beispiel nur zwei Fahrräder rein. Müssten eine Radlerfamilie aber schnell ihren Anschluss erwischen, wird es eng.

Sollte die Technik einmal defekt sein, kann es für eingeschränkt Mobile schnell zum Ärgernis werden. So geschehen etwa im April dieses Jahres. Über mehrere Wochen war ein Aufzug an Gleis 1 außer Betrieb. Weil ein Ersatzteil nicht zu beschaffen war, dauerte die Reparatur sehr lange. Nicht selten dauert es bei der Bahn lange, bis Reparaturen beginnen.

Kritiker warfen der Bahn seinerzeit zudem mangelnde Informationspolitik vor - wochenlang wussten die Reisenden nicht, ob und wann der Aufzug repariert werden würde.Daran lässt sich erkennen, an welch seidenem Faden die reale Barrierefreiheit selbst an einem gut ausgebauten Knotenbahnhof wie in Bamberg hängt.

Bahnhof Forchheim

 

Bahnhof Forchheim
Bahnhof Forchheim

Barrierefrei

Theoretisch ist der Forchheimer Bahnhof seit ein paar Wochen barrierefrei. Im Rahmen des viergleisigen Ausbaus der Strecke von Nürnberg nach Ebensfeld ist die Station vollständig umgebaut worden. Beziehungsweise befindet sich noch im Bau. Errichtet werden aktuell die Gleise 1 und 2 sowie der Bahnsteig direkt am Bahnhofsgebäude.

Vier Fahrstühle sind installiert worden, lange Zeit mussten sich die Fahrgäste aus und nach Forchheim aber gedulden, bis diese tatsächlich in Betrieb gehen konnten. Daher sind die Bahnfahrer der Kreisstadt - immerhin 6700 pro Tag - besonders sensibel, wenn es um das Thema geht. Zu lange mussten sie darauf warten, barrierefrei zum Zug zu kommen.

In der Praxis gestaltet sich das Zugreisen für Menschen mit Rollstuhl, Kinderwagen und Co. nicht immer einfach - trotz theoretisch vorhandener Infrastruktur. Diese Erfahrung machte etwa der 13-jährige Koray Göksu. Gerade hatte er sein Fahrrad in den Aufzug geschoben, auf die Taste "-1" gedrückt, um in die Unterführung zu gelangen, und schon - geschah nichts.

Nur ein schriller Alarm ertönte. Für den Schüler war es kein Problem, bis auf Bequemlichkeit musste er nichts einbüßen. Was aber, wenn eine Mutter mit ihren Kindern alleine da gestanden oder ein Rollstuhlfahrer von dem defekten Fahrstuhl ausgebremst worden wäre? Ihr Zug wäre wohl ohne sie abgefahren.

Bahnhof Staffelstein

 

Bahnhof Staffelstein Foto: Matthias Hoch
Bahnhof Staffelstein Foto: Matthias Hoch

Nicht barrierefrei

Es ist eine Katastrophe." Der 52-jährige Forchheimer Thomas K. ist täglich mit der Bahn unterwegs, hin und wieder muss er zur Reha nach Bad Staffelstein. Zwar klappt das Ein- und Aussteigen aus den Zügen in den meisten Fällen gut, aber spätestens auf dem Bahnsteig wird es eng. Wegen einer Querschnittslähmung sitzt der aktive Pendler im Rollstuhl und ist stets auf Hilfe angewiesen.

Weil die Unterführung nur über eine steile Treppe zu erreichen ist, muss er auf Mitreisende hoffen, die ihm sein Gefährt hinab- und hinauftragen. Er selbst kann sich zwar unter größten Herausforderungen am Geländer entlanghangeln. Unzumutbar bleibt es dennoch. Denn es sind nicht nur Rollstuhlfahrer, die an dem Staffelsteiner Bahnhof oft ratlos an den Stufen scheitern. Viele Gäste der Obermaintherme sind bereits fortgeschrittenen Alters und mitunter nicht mehr gut zu Fuß. Dabei schaut die Bahn laut eigener Aussage schon nach den örtlichen Gegebenheiten, ob ein erhöhter Bedarf an Barrierefreiheit besteht oder nicht. In Bad Staffelstein scheint dies nicht der Fall zu sein, denn trotz theoretisch ausreichend Fahrgästen taucht die Kurstadt aktuell in keinen Ausbauplänen auf.

Politiker vor Ort kämpfen bereits seit den 80er-Jahren darum, dass sich endlich was tut in puncto Barrierefreiheit. Dass der Bahnhof endlich aufgenommen wird die von der Bahn propagierte Mobilitätsoffensive. Wie mobile Eingeschränkte kommen aber auch sie nicht weiter.

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