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Verkehr

Radunfälle in Bayern enden immer öfter tödlich - doch das muss nicht sein

Immer mehr Menschen in Bayern sterben bei Radunfällen, ein weiterer Anstieg gilt als wahrscheinlich. Wir haben Experten gefragt, wo es es für Radfahrer besonders gefährlich wird - und wie sie sich schützen können.
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77 Radfahrer sind 2018 in Bayern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Experten warnen, das sich diese Zahl weiter erhöhen kann. Barbara Herbst
77 Radfahrer sind 2018 in Bayern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Experten warnen, das sich diese Zahl weiter erhöhen kann. Barbara Herbst

Vor den Augen ihrer drei kleinen Kinder ist am Montag in Schweinfurt von einem Auto angefahren, mitgeschleift und schwer verletzt worden. Die 26-Jährige transportierte zwei Kinder in einem Fahrradanhänger, ein Kind fuhr auf einem eigenen Rad. Aus noch ungeklärter Ursache erfasste ein 71 Jahre alter Autofahrer die Radfahrerin am Montagabend frontal mit seinem Wagen. Die Frau stürzte, sie und der Anhänger mit zwei Kindern wurden mitgeschleift. Sie wurde mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht. Die drei Kinder im Alter zwischen drei und sieben Jahren und der Autofahrer erlitten einen Schock.

Der Unfall von Schweinfurt ist kein Einzelfall. Schwere Verkehrsunfälle, in die Radfahrer verwickelt sind, sind trauriger Alltag auf bayerischen Straßen. 17 749 Radunfälle hat es im vergangenen Jahr im Freistaat gegeben, wie das Innenministerium in München auf Nachfrage mitteilt. Das sind 1700 mehr als noch 2017. Die Dunkelziffer ist wohl noch viel höher. Oft wird die Polizei nicht gerufen, weil nur selten eine Versicherung im Spiel ist.

Leidtragende sind in der Regel die Radler: 2018 wurden 16 230 verletzt, 77 zahlten den Unfall mit dem Leben (sieben mehr als 2017). Der Anstieg bestätigt einen bundesweiten Trend: Immer mehr Fahrradunfälle tödlich enden. Laut den gestern veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamts starben im vorigen Jahr 445 Radfahrer auf Deutschlands Straßen.

Unter den tödlich Verletzten waren deutschlandweit 89 Fahrer von Elektrorädern, 19 davon in Bayern. Ohnehin nehmen Unfälle mit E-Bikes auch im Freistaat zu. Die Statistik wies für 2018 1475 Unfälle aus, 52,5 Prozent mehr als 2017.

Gefährliche Rad-Orte in Ihrer Region können Sie hier melden

Die steigende Zahl der Radunfälle lag nach Einschätzung von Experten wohl nicht nur an dem langen Sommer. Darüber hinaus wird der Platz auf den Straßen wird knapper, gleichzeitig gibt es immer mehr Drahtesel. 2018 wurden 4,2 Millionen Fahrräder in Deutschland verkauft, der zweithöchste Wert in diesem Jahrzehnt. Jedes vierte Fahrrad ist inzwischen ein Elektrorad.

Vor diesem Hintergrund rechnet der Unfallforscher Siegfried Brockmann für das laufende Jahr mit noch mehr Verkehrstoten. "Es gibt immer mehr Radfahrer, mehr Pedelecs und demnächst noch zusätzlich E-Scooter. Man sollte annehmen, dass die Infrastruktur den neuen Entwicklungen vorauseilt und nicht nur folgt. Aber von beidem sind wir sehr weit entfernt", sagt der Leiter des Instituts Unfallforschung der Versicherer (UDV).

Laut Ministerium seien reine Unfallschwerpunkte von Radfahrern "in der Regel sehr selten festzustellen". Etwas anders argumentiert Brockmann: Die seien zwar bekannt, werden aber nicht geändert. "Unfallkommissionen kommen in vielen Städten nicht nach, die identifizierten Stellen zu bearbeiten und entsprechend umbauen zu lassen. Oft wird auch das Geld nicht bewilligt", kritisiert der Experte.

Die sechs gefährlichsten Situationen - und wie Sich schützen

1. Abbiegen

Gefahr Die meisten Unfälle zwischen Autos und Radfahrer gibt es laut dem Unfallforscher Siegfried Brockmann im Kreuzungs- und Abbiegebereich. Schutz "Radler fahren sicherer, wenn sie selbstbewusst und damit für die Autofahrer berechenbarer unterwegs sind", sagt Michael Schilling vom ADFC Bamberg. Wie Autofahrer sollten sich auch Radler rechtzeitig in die Abbiegespur einordnen und zudem ihren Abbiegewunsch mit einem Handzeichen signalisieren.

2. Ausfahrt

Gefahr Eine große Gefahrenquelle liefern Ausfahrten etwa zu Grundstücken oder Parkplätzen. Oft sind die nur bedingt einsehbar, viel Verkehr wie auf Supermarktparkplätzen kreiert nicht selten hektische Situationen. Schutz Das Problem verstärken Radler, die in falscher Richtung unterwegs sind, so Brockmann. Er rät vor allem die Radler zu besonderer Vorsicht, auch wenn sie vorfahrtsberechtigt wären: "Im Zweifel auf sein Recht zu verzichten, kann das eigene Leben retten".

3. Geschwindigkeit

Gefahr Auch Fahrradfahrern selbst neigen gelegentlich zu übertriebener Geschwindigkeit und rücksichtslosem Drängeln und Überholen. Schutz Radfahrer, die andere Radfahrer überholen wollen, sollten dies mit einem Klingeln signalisieren. "Sie können ihre Absicht auch verbal Ausdruck bringen", sagt Schilling. Besondere gefährlich für andere Radfahrer sind auch sogenannte "Geisterradler": Radfahrer, die auf einem Radweg in falscher Richtung unterwegs sind.

4. Abstand

Gefahr Dort, wo Radfahrer eine gemeinsame Fahrbahn mit Autofahrern teilen, steigt das Unfallrisiko. Schuld daran sind riskante Überholversuche und sich plötzlich öffnende Autotüren. Schutz Als Faustregel empfiehlt Schilling: einen Meter Abstand vom Bordstein, 1,50 Meter von parkenden Autos. Dieser Abstand sollte auch dann eingehalten werden, wenn hinten ein Auto drängelt: "Zur Not hupt das Auto. Immer noch besser, als wenn ich gegen eine sich öffnende Autotür fahre."

5. Fahrradwege

Gefahr Aus Sicht des ADFC ist die "schlechte und völlig unterdimensionierte Fahrrad-Infrastruktur" das größte Sicherheitsproblem. Gemeint sind "zerschlissene, schlecht einsehbare Bordsteinradwege und zu schmale Radfahrstreifen, die im Nichts enden", bemängelt eine ADFC-Sprecherin. Schutz Umsichtige Fahrweise ist vor allem da umso wichtiger, je schlechter die Infrastruktur ist. Die Experten raten, im Zweifelsfall lieber abzusteigen und an der Gefahrenquelle vorbeizuschieben.

6. Ausrüstung

Gefahr Schleifende Bremsen, versagende Leuchten und plötzlich reißende Ketten bringen Radfahrer zu Sturz und in Gefahr.

Schutz Zu den Mindestanforderungen eines verkehrstüchtigen Fahrrads gehören laut Michael Schilling eine helltönende Klingel, zwei voneinander unabhängige Bremsen und zwei rutschfeste und zwei festverschraubte Pedale. "Absolut wichtig sind zudem ein weißer Frontscheinwerfer sowie ein rotes Rücklicht", sagt Michael Schilling.

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