Bamberg
Klimawandel

Leben und Sterben nach dem Supersommer

Die trocken-heißen Monate hatten und haben ungeahnte Folgen. Was können wir in Franken für Flora und Fauna tun?
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Diese Schildkrötenbabys kamen völlig ohne Brutkasten und menschliche Hilfe zur Welt.Diana Fuchs
Diese Schildkrötenbabys kamen völlig ohne Brutkasten und menschliche Hilfe zur Welt.Diana Fuchs
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Auf einmal bewegten sich die Kieselsteine vor seinen Füßen. Herr Rose traute seinen Augen nicht. Angestrengt schaute er zu Boden. Das, was er schließlich erkannte, ließ ihn zuerst an seinem Verstand zweifeln, dann an den biologischen Gesetzen, die sein 82-jähriges Leben bisher bestimmt hatten. Da krabbelten winzige Schildkröten durch seinen Garten. Dabei hatte seine griechische Landschildkröte Agatha schon jahrelang keinen Männerbesuch gehabt.

Viel zu trocken und sehr heiß - so wird der "Supersommer" 2018 in die Geschichtsbücher eingehen. Im Frühjahr "explodierten" Bäume und Pflanzen regelrecht. Erntezeiten verschoben sich. Oft erschwerte Wassermangel die Ernte, etwa von Kartoffeln, die im harten Boden feststeckten. All diese Extreme hatten und haben Folgen für Flora, Fauna und den Menschen.

"Wie immer in der Natur gibt es in solchen Jahren Gewinner und Verlierer", stellt Markus Schmitt fest, der Geschäftsführer des Kitzinger Landschaftspflegeverbandes. Alle Arten und Lebensräume, die auf Wasser angewiesen sind, haben laut Schmitt in den letzten Jahren zunehmend Probleme bekommen. Amphibien, die zum Überleben flache Gewässer brauchen - etwa die Kreuzkröte -, hatten Schwierigkeiten, ihren Nachwuchs durchzubringen: Die Laichgewässer trockneten so schnell aus, dass die Kaulquappen sich nicht entwickeln konnten.

Schwer hatte es auch der Feldhamster: Ihm hat wegen der verschobenen Erntezeiten die Nahrung gefehlt, so dass es fraglich ist, ob der zweite Wurf überhaupt eine Chance hatte und wie sich das auf die Populationsgröße im nächsten Jahr auswirken wird, sagt Ulrike Geise, Artenschutzbeauftragte beim Bund Naturschutz.

Während der Kreuzkröten- und Feldhamsterbestand also zu schrumpfen droht, haben die meisten Bienen das Jahr gut überstanden. Auch Dank "cooler" Fähigkeiten: "Bei Temperaturen über 30 Grad haben sie keinen Nektar mehr gesammelt, sondern nur noch Wasser", erklärt Thomas Gschwandtner vom Verband Bayerischer Imker. Dieses Wasser verteilten die Bienen auf den Waben und begannen, mit ihren Flügeln zu fächeln. Dadurch brachten sie das Wasser zum Verdunsten. "Wenn Flüssigkeit in gasförmigen Zustand übergeht, wird Energie verbraucht. Es entsteht Verdunstungskälte. So klimatisieren die Bienen ihr Wabenwerk."

In voller Sonne lagen dagegen viele Gärten. Deshalb erlebte so mancher Schildkrötenbesitzer Mitte/Ende September eine faustdicke Überraschung: Aus den Erdhügeln im Garten grub sich Schildkrötennachwuchs ans Tageslicht. "Naturbruten sind bei uns normalerweise unmöglich", weiß Sandra Malguth von der Schildkrötenauffangstation in Kitzingen. Doch der Supersommer 2018 sorgte für die große Ausnahme.

Sperma kann gespeichert werden

"Griechische Landschildkröten legen zwei- bis dreimal pro Jahr Eier. Viele Schildkrötenbesitzer lassen diese einfach im Boden. Bei uns klappt das Nachzüchten normalerweise nur im Brutkasten", sagt Malguth. "Außerdem denken viele nicht, dass die Eier überhaupt befruchtet sein könnten." Im Hinblick auf den Klimawandel ist es für alle Schildkrötenbesitzer jedoch sinnvoll, über eine besondere Gabe von Schildkrötenweibchen Bescheid zu wissen: Sie können das Sperma von Männchen fünf Jahre lang im Körper speichern.Und bei Bedarf abgeben.

So muss es im Frühsommer im Garten von Herrn Rose passiert sein. Der ältere Herr aus Franken wunderte sich nicht schlecht, als er Ende September vermeintlich 15 laufende Steine - Schildkrötenschlüpflinge - entdeckte. "Er war entsetzt, weil er schon seine große Schildkröte kaum mehr allein versorgen kann. Die Kleinen hat er in unsere Obhut gegeben", erzählt Sandra Malguth, die den Winzlingen ein Terrarium im Wärmehaus gebaut hat. Im Frühsommer 2019 will sie die Kleinen an liebevolle Besitzer vermitteln. "Hoffentlich gelingt das. Sonst haben wir ein Platzproblem."

Mit einem lachenden, aber auch einem weinenden Auge sehen das Jahr 2018 nicht nur Tier-, sondern auch Pflanzenfreunde. "Wenn die Bedingungen vor Ort nicht mehr passen, verschwinden Pflanzen mit hohem Wasserbedarf", weiß Markus Schmitt. "Und neue Arten, die mehr Trockenheit vertragen, siedeln sich an." Zu den fränkischen Biotopen, denen Hitze nicht so viel ausmacht, zählt der Fachmann den Sandmagerrasen und die Halbtrocken- beziehungsweise Trockenrasen-Standorte. Dort - etwa entlang der "SandAchse Franken" von Bamberg bis Weißenburg - wachsen teils seltene Pflanzen, die mit Trockenstress umgehen können.

Bei Käfern, Schmetterlingen, Ameisen, Heuschrecken, Wanzen und Libellen ist die Lage ähnlich: Wärmeliebende Arten vermehren sich, während Arten, die eher kühle und feuchte Bedingungen benötigen, dezimiert werden oder aussterben. "Es tauchen immer wieder neue Insektenarten auf, vor allem aus dem Mittelmeergebiet - etwa Wildbienen, Weinhähnchen oder die große schwarze Holzbiene."

Markus Schmitt beobachtet jedoch einen bedenklichen Trend: Viele Flächen werden blütenärmer. "Das ist nicht nur ein Problem dieses Jahres, sondern hat oft mit einer veränderten Bewirtschaftungsweise zu tun." Was Schmitt diplomatisch formuliert, nennt Landwirt Klaus Burger so: "Manche Flächen werden tot gemulcht." Gerade heuer sei das schlimm, weil es wegen der Trockenheit sowieso weniger Nahrung und Unterschlupf für Kleintiere gibt.

Was jeder Mensch tun kann, um die Folgen des Trockensommers zu mildern? Landwirt Burger sagt: "Verstand einschalten und nur danach - und nicht strikt nach irgendeinem festgesetzten Zeitplan - mulchen und mähen." Landschaftspfleger Schmitt ergänzt: "Brachestreifen aus Gras über den Winter stehen lassen, um den Wildtieren Nahrung und Deckung sowie Insekten einen Platz zum Überwintern zu bieten." Imker Gschwandtner regt an, Vogeltränken oder Teiche aufzustellen oder anzulegen. Und BN-Fachfrau Geise rät, den Ordnungssinn mal hinten anzustellen und nicht alle Pflanzen im Garten radikal abzuschneiden.

"Was wir für die Biodiversität tun können, sollten wir tun", sagt Geise. "Es werden ohnehin noch ungeahnte Folgen des Klimawandels auf uns zukommen." Bodenorganismen, Pflanzen, Tiere: Jede Art gehe anders mit dem Klimawandel um. Spannend werde es bei Arten, die auf Synchronisation mit anderen angewiesen sind. Etwa der Wiesenknopf-Ameisenbläuling: Dieser Schmetterling lebt nur zwei Wochen und braucht in dieser Zeit spezielle Ameisen (zur Brutpflege) sowie (zur Nahrung) blühende Wiesenknopf-Pflanzen, die wiederum nur auf feuchten Wiesen wachsen. "Bei so komplexen Systemen wissen wir überhaupt nicht, was da kommen wird." Schildkrötenbabys sind wohl nur die Vorhut.



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