Würzburg
Igelsterben

Baby-Igel müssen immer öfter sterben - Helfer aus Franken brauchen jetzt selbst Hilfe

Immer mehr Igel verenden jämmerlich. Sie werden von der Mutter verlassen, weil diese nicht ausreichend Nahrung finden. In Unterfranken rettet die Familie Martin die kleinen Babys. Aber auch sie haben es immer schwerer - und brauchen jetzt Hilfe.
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Frisches Wasser und ein bisschen Katzenfutter hätten ihn gerettet. Doch jetzt ist es zu spät. Gudrun Martin beißt sich auf die Lippen. Sie schüttelt den Kopf. "Er ist tot", sagt sie, ebenso enttäuscht wie der Mann, der ihr den kleinen Igel gerade gebracht hat. Er hat ihn am Straßenrand liegend gefunden. "Ich hab' gedacht, vielleicht schafft er es, wenn ich ihn hierher fahre", murmelt der Mann. Er sieht selbst, wie unterernährt das Stacheltierchen ist. "Er hat nichts zu fressen gefunden. Weil es nichts gibt!", sagt Gudrun Martin. "Die Trockenheit in Verbindung mit dem eklatanten Schwund an Insekten, Käfern, Würmern und Schnecken ist verheerend."

Über 80 Prozent der Igel haben es nicht geschafft

55 Igel hat man ihr und ihrem Mann heuer schon als Notfälle in die Auffangstation nach Gerbrunn bei Würzburg gebracht. "45 davon sind schlicht und einfach verhungert. In den 29 Jahren, in denen wir die Auffangstation betreiben, haben wir so etwas nicht ansatzweise erleben müssen." Und jeden Tag kommen noch mehr kranke, oft todgeweihte Tiere, manche bereits von Maden befallen und von Fliegeneiern bedeckt. In diesen Fällen kann man die Igel nur noch vom Leiden erlösen. Jeder kann etwas tun, dass es den Igeln besser geht. Und sie sich bald auf ihren Winterschlaf vorbereiten können.

 

"In normalen Jahren konnten wir immer 75 bis 80 Prozent der Tiere retten, die uns gebracht wurden", berichtet Gudrun Martin. Dann kam das Trockenjahr 2018 - und mit ihm eine Sterberate von fast 50 Prozent. "Schon letztes Jahr fanden die Igel oft weder Wasser noch Insekten. Knapp die Hälfte der Notfälle war so geschwächt, dass wir sie nicht durchgebracht haben." Und nun droht der Sommer 2019 noch schrecklicher zu werden - zahlreiche Anrufe jeden Tag und die große Zahl abgegebener kranker Tiere lassen das erahnen. "Wir haben Angst", sagt Gudrun Martin.

Bauch und Schließmuskel müssen massierte werden

Denn jetzt, Mitte Juli, beginnt bei den Igeln die Setzzeit. "Wenn die Weibchen ihre Jungen bekommen, ist ein gutes Nahrungsangebot erst recht lebensnotwendig. Finden die Tiere nichts zu fressen, verlassen sie auf der Suche nach Nahrung ihre Brut. Und die stirbt dann." Einige Igelbabys werden von Menschen gefunden und in eine Auffangstation gebracht, wo Menschen wie die Martins sie tags wie nachts immer wieder mit einer Pipette füttern, ihnen Bauch und Schließmuskel massieren, damit sie lernen zu koten, sie hegen und pflegen.

Gudrun und Herbert Martin tun das seit drei Jahrzehnten mit viel Liebe, aber heuer graut es ihnen vor einer besonders schweren Zeit: "Wie sollen wir das zu zweit schaffen, wenn immer mehr Waisenkinder kommen?" Zudem hat Gudrun Martin erst kürzlich eine schwere OP hinter sich gebracht und ist noch nicht wirklich fit.

Doch wer Igelbabys retten will, muss sie alle zwei Stunden füttern und pflegen. "Wir brauchen ganz, ganz dringend liebe Menschen, die uns helfen, die Babys großzuziehen", sagt Herbert Martin. Ideal wären Menschen, die Zeit haben, Rentner etwa.

Wer helfen kann

Dass die Rettung der Tiere sinnvoll ist, davon sind die Martins überzeugt. "Die Igelpopulation geht rasend schnell zurück!", weiß das Paar. Anhand der Statistik ist das zu sehen. Im Jahr 2014 versorgten die Martins 332 Fundtiere. Im Folgejahr waren es 298. Von 2016 bis 2018 sank die Zahl wiederum kontinuierlich: von 275 über 248 zu 207. Mit dem Igel steht eines unserer ältesten Säugetiere, das früher als Allerweltstier galt, auf der Vorwarnliste der in Bayern vom Aussterben bedrohten Tierarten.

"Eigentlich kann jeder helfen, der über eine Grünfläche verfügt", betont Gudrun Martin. Wer, wie früher, einen natürlichen Komposthaufen anlegt - "kein Plastikding, in das kein Wurm reinkommt" -, sorgt dafür, dass das Stacheltier proteinreiche tierische Nahrung wie Schnecken, Würmer und Insekten findet. "Und wer irgendwo, wo es nicht stört, einen Reisighaufen anlegt und ihn einfach liegen lässt, gibt dem Igel Unterschlupf oder sogar die Möglichkeit, ein Nest zu bauen."

Früher rieten alle Fachmänner, auch die Martins, Igel im Sommer nicht zu füttern. "Inzwischen sagen wir das Gegenteil: Leute, bitte stellt euren Igeln im Garten jeden Tag ein Schälchen Leitungswasser hin und füttert sie, zum Beispiel mit Katzen-Nassfutter, auch im Sommer. Denn sie finden oft einfach nicht genug zu fressen."

Mit ihrem hervorragenden Geruchssinn finden Igel bereitgestelltes Futter im Nu. Wer seinen tierischen Gartenbewohnern etwas besonders Gutes tun will, kann ihnen ein bisschen Trockenfutter, das aus getrockneten Mehlwürmern und Ähnlichem besteht, mit in den Napf geben. "Igel brauchen tierisches Eiweiß. Aber es muss keineswegs das teuerste Futter sein, günstiges reicht."

Wer tagsüber einen Igel längere Zeit irgendwo sitzen oder gar liegen sieht, könne fast sicher sein, dass das nachtaktive Tier mangelernährt ist. Dann ist schnelles Handeln angesagt. Gudrun Martin appelliert an alle, die einen Igel in Not finden: "Lassen Sie das Tier nicht verhungern!" Frisches Wasser und ein bisschen Katzenfutter reichen ihm oft schon.

Igeln helfen

IIgelstation Gerbrunn: Ein Fundigel gab den Ausschlag: Gudrun und Herbert Martin legten 1990 den Grundstein für ihre Igelstation in Gerbrunn bei Würzburg, die sie immer weiter ausbauten. Das Paar arbeitet ehrenamtlich.

Hilfe: Gudrun und Herbert Martin bekommen von zwei fränkischen Tierheimen etwas Unterstützung. Ansonsten finanzieren sie Futter, Hilfsmittel zum Füttern, Material zum Bauen von Gehegen, Futter- und Schlafhäusern sowie Heu und vieles mehr von ihrer Rente. "Ohne zusätzliche Spenden könnten wir die Station nicht mehr am Laufen halten", machen die Martins deutlich. Sie danken jedem, der sich mit tatkräftiger Hilfe oder eben finanziell für die Igelhilfe stark macht: Gudrun und Herbert Martin, Tel. 0931/ 30489608, Spendenkonto: VR-Bank Würzburg, IBAN: DE03 7909 0000 0005 3623 26, BIC GENODEF1WU1, Verwendungszweck: Igelhilfe

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