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Pflegefamilien

Fremde Kinder kann man lieben: "Soziale Elternschaft entscheidet"

Wie geht Liebe, wenn die Familie nicht die eigene ist? Tausende Kinder alleine in Franken müssen sich diese Frage tagtäglich stellen. Helfen können Pflegefamilien. Eine passende zu finden, ist allerdings Glückssache.
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Sehnsucht nach Geborgenheit: Für viele Kinder aus schwierigen Verhältnissen ist eine Pflegefamilie die letzte Rettung. Eine passende zu finden,  ist gar nicht so leicht. Jason Stitt/fotolia
Sehnsucht nach Geborgenheit: Für viele Kinder aus schwierigen Verhältnissen ist eine Pflegefamilie die letzte Rettung. Eine passende zu finden, ist gar nicht so leicht. Jason Stitt/fotolia
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Alleine in Franken leben zum Stichtag 31. Dezember 206 3165 Kinder zur Vollzeitpflege bei einer anderen, fremden Familie. Die Gründe sind vielfältig - meistens sind die leiblichen Eltern überfordert, nehmen Drogen oder werden gewalttätig. Oft alles zusammen. Meistens müssen die Jugendämter schnell reagieren, um das Kindeswohl nicht zu gefährden. Doch da liegt das Problem: Eine passende Pflegefamilie zu finden, ist gar nicht so leicht.

Wie es gelingen kann, zeigt ein Ehepaar aus Kronach. Das hat gleich vier Pflegekinder aufgenommen. Deren Geschichte sowie einen Kommentar des Autors darüber, was die Politik mehr leisten könnte, lesen Sie hier(für Digital-Abonnenten kostenlos).

Experte im Interview

Mit vormals fremden Menschen aufzuwachsen, ist nie leicht. Wie es trotzdem gelingen kann und was es zu beachten gibt, hat uns Professor Klaus Wolf verraten, Leiter der Forschungsgruppe Pflegekinder an der Universität Siegen:

Herr Professor Wolf, was bedeutet es für Kinder, nicht bei ihrer leiblichen Familie aufzuwachsen?

Entscheidend ist eine gute elterliche Sorge und Erziehung durch Menschen, die mit dem Kind in einer Familie zusammenleben. Diese soziale Elternschaft ist zentral, die biologische Elternschaft ist keine Voraussetzung. Für die älteren Kinder werden in der weiteren Kindheit und Jugend dann Fragen wichtiger, was mit ihren leiblichen Eltern los ist. Wenn sie darauf gute Antworten bekommen, können sie sich auch mit zwei Familien arrangieren und gut entwickeln.

Viele Kinder sind traumatisiert, wenn sie in eine Pflegefamilie kommen. Wie äußert sich das?

Die Zuschreiben als traumatisiert wird oft inflationär verwendet. So gibt es Autoren, die schreiben, bereits die Trennung von den Eltern sei immer traumatisch. Dann wären 100 Prozent der Pflegekinder traumatisiert. Das ist Unsinn. Der Anteil traumarisierter Kinder liegt bei Pflegekinder höher als im Durchschnitt der Bevölkerung, aber sicher unter 50 Prozent. Für eine genaue Angabe müsste man sich auf eine klare Definition von Trauma und Traumatisierung einigen. Das steht aber aus. Richtig ist allerdings, dass die Pflegekinder oft sehr belastende Erfahrungen machen: in der Herkunftsfamilie, bei den Übergängen und manchmal auch in der Pflegefamilie.

Was können die Beteiligten tun?

Die Pflegekinder brauchen Unterstützung und liebevolle Begleitung bei der Bewältigung dieser Probleme. Diese Unterstützung finden sie oft in Pflegefamilien. Deswegen sind Pflegefamilien auch so wichtig und wir sollten einen hohen Respekt vor den Menschen haben, die Kinder mit belastenden Lebenserfahrungen aufnehmen und mit ihnen einen guten Weg suchen.

Pflegefamilien sind unter steter Beobachtung (Jugendamt, leibliche Eltern, ...): Wie lässt sich mit diesem Druck umgehen?

In erster Linien benötigen Pflegefamilien eine gute Unterstützung durch einen leistungsfähigen Pflegekinderdienst und nicht Druck. Sie übernehmen eine wichtige Aufgabe in unserer Gesellschaft und wir sollten sie dabei nicht alleine lassen, sondern gut und wohlwollend unterstützen. Zusätzlich sind auch einige Kontrollen nötig, aber die sollen nicht im Mittelpunkt stehen.

Das Gespräch führte Stephan Großmann.



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