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Sozialdemokratie

Frauen, Macht, Politik: So reagieren Frankens Sozialdemokratinnen auf Nahles' Rücktritt

Ist Andrea Nahles auch deshalb gescheitert, weil sie kein Mann ist? Fünf fränkische Sozialdemokratinnen berichten, welche Rolle das Geschlecht spielt und welchen Weg ihre Partei nun einschlagen sollte.
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Hat die SPD ein  Frauenproblem?  Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
Hat die SPD ein Frauenproblem? Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
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Von Genugtuung bis Enttäuschung: Der Rücktritt von Andrea Nahles bewegt auch die fränkische SPD-Basis. Fünf Politikerinnen geben Einblicke in ihre Gefühlswelten - und erörtern, ob es Frauen in der Partei schwerer haben:

"Unbeeindruckt" (Franziska Bartl, Coburg, 34 Jahre)

Als selbst ernannte Berufsoptimistin möchte sich Franziska Bartl von der Krise nicht unterkriegen lassen. "Aber guter Rat ist teuer", sagt die 34-Jährige. "Wir haben mit der Situation zu kämpfen." Ob Nahles' Rückzieher zum falschen Zeitpunkt kommt, sei schwer zu beurteilen. Auch, weil der laut Bartl sicher nicht nur aus freien Stücken kam. Musste Nahles gehen, weil sie eine Frau ist? Das vermag Bartl nicht zu beurteilen. "Aber es ist schon so, dass eine Frau mehr leisten muss als ein Mann, um anerkannt zu werden." Nicht nur in der SPD und nicht nur in der Politik. "Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem."

Mit ihren jungen Jahren hat Bartl schon einiges miterlebt, seit sie den Sozialdemokraten vor 14 Jahren beigetreten ist. Aus Überzeugung. Daran möchte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Coburger Stadtrat nicht rütteln. Aber sie fragt sich schon, wie der Weg ihrer Genossen künftig aussehen solle. "Die SPD muss sich verjüngen", sagt sie. "Nicht nur das Personal. Auch von den Themen her. Uns muss es gelingen, wichtige Zukunftsthemen zu besetzen." Die Partei dürfe sich von der "depressiven Stimmung" nicht überrumpeln lassen. Doch wie steht's um ihre Coburger SPD? Bartl wirkt entspannt: "Wir haben sehr aktive Jusos. Die lassen sich nicht beeindrucken."

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"Hochgeboxt" (Inge Aures, Kulmbach, 62 Jahre)

Nur einmal ist Inge Aures um Worte verlegen: "Wie die SPD aus der Krise kommt? Wenn ich das wüsste." Ansonsten ist die 62-jährige Landtagsabgeordnete am Tag nach dem sozialdemokratischen Erdbeben erstaunlich gelöster Stimmung. Was andere als Katastrophe betrauern, begrüßt Aures als Chance. Sie versucht erst gar nicht, ihre Erleichterung hinter wolkigen Floskeln zu verbergen. "Ich habe nie zum Fanclub von Andrea Nahles gehört." Aures benutzt Worte wie "peinlich" und "fremdschämen", wenn sie die Auftritte der gescheiterten Vorsitzenden resümiert.

Mitleid mit Nahles spürt Aures nicht, ihren Rücktritt unter allein geschlechterpolitischen Vorzeichen zu lesen lehnt sie ab. Sie selbst habe sich als Frau hochgeboxt, auch gegen die Widerstände von Männern. Seit 2008 sitzt sie im Landtag: "Nicht als Frau, sondern als Inge Aures." Es liege an den Frauen selbst, politische Karriere zu machen.

Die Augen vor strukturellen Benachteiligungen verschließt sie trotz ihres Appells an die weibliche Selbstermächtigung nicht: "Beruf, Familie, Politik. Das ist vielen zu viel." Derzeit versucht sie, Mitglieder von einer Kandidatur bei der Kommunalwahl zu überzeugen. Bei Frauen stoße sie auf viele Vorbehalte. Aures findet das "sehr schade".

"Frustriert" (Johanna Bamberg-Reinwand, Zeil, 37 Jahre)

Als "absoluten Tiefpunkt" bezeichnet Johanna Bamberg-Reinwand die jüngsten Vorgänge innerhalb der SPD: "Das sage ich als Sozialdemokratin und das sage ich als Frau." Seit 2003 ist sie Parteimitglied, seit gut zwei Wochen führt sie den Kreisverband Haßberge. Nicht jeder von Nahles' Auftritten gefiel ihr, an deren Arbeitsmoral und politischem Kompass aber hatte sie keine Zweifel. Über die Gründe des Rückzugs kann Bamberg-Reinwand nur mutmaßen, für politisch geboten hielt sie ihn nicht. "Sicher ist, dass es um Andrea Nahles auch als Person und Frau ging."

Ihr Unbehagen an den Geschlechterverhältnissen illustriert sie mit einer Anekdote aus dem Unterbau der Partei. Als Vorsitzende des Ortsverbands Zeil habe sie vor Jahren der Vorsitzende eines benachbarten Ortsvereins mit "ach, wie süß" begrüßt. Sie sei nicht süß, sondern Vorsitzende, entgegnete sie dem Mann. "Der verschwand dann sofort auf dem WC." Heute kann die 37-Jährige darüber zwar lachen, witzig aber findet sie es immer noch nicht.

Menschen, diese Erfahrung hat Johanna Bamberg-Reinwand nicht nur in der SPD gewonnen, förderten vor allem Menschen, die ihnen selbst ähnelten. Und weil in der Politik die Männer dominierten, hätten es Frauen schwerer: "Noch immer."

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"Feministisch" (Anna Tanzer, Bayreuth, 21 Jahre)

Zum Selbstverständnis der Jusos zählt, es besser zu machen als die mutmaßlich von Macht und Karrierismus korrumpierte Mutterpartei. Diesen Anspruch erheben die bayerischen Jusos auch in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit: "Wir verstehen uns als eine feministische Organisation", sagt Anna Tanzer.

Seit April führt die 21-Jährige aus Bayreuth die bayerischen Jusos an. Durchgesetzt hat sie sich gegen einen männlichen Konkurrenten: "Das Geschlecht hat keine Rolle gespielt. Es ging um Inhalte."

Weil Sachfragen aber selbst bei den Jusos nicht immer derart vorbildlich dominieren, haben sie sich eine Frauenquote verordnet: 40 Prozent der Vorstandsposten müssen von Frauen besetzt sein. Juso-Frauen können ihre rhetorischen Fähigkeiten zudem in alleine ihnen offen stehenden Kursen schulen und sich bei Verstößen gegen den feministischen Kodex an Sexismusbeauftragte wenden. "Es wäre schöner, wenn das alles nicht nötig wäre", sagt Tanzer. Die Realität aber sehe anders aus. " Männer in Führungspositionen sind immer noch der gesellschaftliche Normalfall."

Andrea Nahles brach mit dieser Konvention: "Mir tut es leid um die erste Vorsitzende, die die SPD in ihrer Geschichte hatte", sagt Tanzer.

"Kämpferisch" (Christine Kayser, Nürnberg, 62 Jahre)

Zurückzutreten war der einzig machbare Schritt für Andrea Nahles. Sagt Christine Kayser, Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Nürnberg-Altstadt. Denn Nahles hätte ihre "schwierige Situation geerbt". Ein "Schade" kommt Kayser nicht über die Lippen, ein Bedauern aber ist herauszuhören. Schließlich hätten die Bundesgenossen in der Regierung wichtige Dinge bewegt, wie etwa Mindestlohn und Klimaschutzgesetz. "Sowohl medial als auch innerparteilich wird das aber nicht gedankt", so Kayser. Das sei ein generelles Problem in der Politik, vor allem aber bei den Sozialdemokraten. "Der Anspruch an die SPD ist höher als der an alle anderen Parteien." Das sei kaum aufzufangen. Jeder wollte emotionale, offene, machtbewusste, intelligente und medienwirksame Politiker haben. "Ist jemand dann emotional und offen, bekommt er eins auf die Mütze." Wie Andrea Nahles.

Dass sie gehen musste, nur weil sie eine Frau ist, glaubt die 62-jährige Nürnberger Stadträtin nicht. "Gegen Frauen wird härter vorgegangen. Das stimmt schon. In Spitzenpositionen müssen aber alle einstecken." Kayser wünscht sich einen besseren Umgang miteinander. Man sei "nicht mehr fair zueinander". Aber sie kämpft weiter: "Ein Sozialdemokrat bleibt ein Sozialdemokrat, egal, wie es um die Partei bestellt ist."

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