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Drogen

Forscher kritisieren Drogenpolitik: Kiffer entkriminalisieren, Tabakwerbung verbieten

Alkohol und Tabak sind die am weitesten verbreiteten Süchtigmacher. Zumal sie weiter beworben werden dürfen, stellen Experten der Bundesregierung ein schlechtes Zeugnis aus. Verbesserungsvorschläge geben Forscher im Alternativen Drogen- und Suchtbericht.
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Wie umgehen mit der Abhängigkeit? Der Alternative Drogen- und Suchtbericht 2019 übt harsche Kritik an der Bundesregierung. Und bringt Vorschläge. Foto: Henning Kaiser/dpa
Wie umgehen mit der Abhängigkeit? Der Alternative Drogen- und Suchtbericht 2019 übt harsche Kritik an der Bundesregierung. Und bringt Vorschläge. Foto: Henning Kaiser/dpa

Liane Düsenberg weiß unzählige Geschichten zu erzählen. Sie kümmert sich im Blaukreuz-Zentrum Coburg um Suchtkranke und deren Angehörige. Hunderte Menschen haben ihr in den vergangenen sieben Jahren ihre Leidensgeschichten anvertraut. "In unserer Region ist die Drogenproblematik weit verbreitet, schon an den Schulen", sagt Düsenberg. Sie betreut Menschen, die in den Strudel vor allem illegaler Drogen wie Crystal Meth, Legal Highs und Fentanyl oder Alkohol geraten sind.

Zwar ist die Zahl der Drogentoten im vergangenen Jahr im Freistaat auf 235 gesunken (2017 waren es 308). Aber die Suchtproblematik endet bei Weitem nicht bei den illegalen Drogen. Das weiß auch Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml, die auf Anfrage vor allem das Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum als problematisch deklariert. Ähnlich verlautet es aus anderen Ministerien des Landes und nicht zuletzt unterstreicht das auch der neueste Suchtbericht der ehemaligen Drogenbeauftragten der Bundesregierung Marlene Mortler.

Wie aber der Suchtproblematik Herr werden? Der Bundesdrogenpolitik stellt der am Freitag in Berlin präsentierte Alternative Drogen- und Suchtbericht, herausgegeben vom Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik (Akzept) und der Deutschen Aidshilfe, ein schlechtes Zeugnis aus. Mehr als 20 Wissenschaftler, Mediziner und Experten verschiedener Fachgebiete fordern auf langer Sicht etwa die Entkriminalisierung etwa von Cannabis. Und: Gleichzeitig sei Deutschland ein "Hochkonsumland" in Bezug auf Alkohol und Tabak, schreiben die Verfasser, und fordern die Regierung zum Handeln auf.

Die momentane Drogenstrategie sei veraltet, zwiegespalten und entbehre "rationalen oder gar nachvollziehbaren Regeln", heißt es in dem Bericht. So fehle es der nationalen an klar formulieren Regeln. Weiter bemängeln die Autoren, dass durch zunehmende Fokussierung von Sicherheitsbehörden auf die Konsumenten (wie die steigenden Fallzahlen zeigen) das Suchtproblem nicht gelöst werde. Alkohol und Tabak würden relativ lasch behandelt, während bereits der geringe Konsum illegaler Substanzen wie Cannabis einer Strafverfolgung unterlägen, sagte Heino Stöver geschäftsführender Direktor des Instituts für Suchtforschung in Frankfurt/Main. Ziel des Berichts sei es, das emotional aufgeladene Thema Drogenpolitik zu versachlichen.

Einen Schwerpunkt des diesjährigen Berichts bildet die Tabakkontrollpolitik. Sie zeige, dass die Bundesregierung wissenschaftliche Erkenntnisse bewusst ignoriere, so die Studienautoren. Deutschland sei das letzte Land in der Europäischen Union, in dem noch auf Plakaten für Zigaretten geworben werden darf. Auch Alkohol werde noch immer im großen Stil angepriesen.

"Es ist nötig, den politischen und gesellschaftlichen Umgang mit legalen und illegalen Suchtstoffen wissenschaftlich begründet zu kommentieren", so Stöver. Er forderte auf Bundesebene eine parteienunabhängige Kommission.

Kommentar des Autors zur Drogenpolitik

Fakt ist: Niemand kann noch mehr Abhängige hervorbringen wollen. Dass die Zahl der Drogentoten in Bayern 2018 stark gesunken ist, klingt gut. Weniger Überdosen von Heroin und dem Schmerzpflasterwirkstoff Fentanyl - auch das klingt gut. Wer aber mit Sozialarbeitern, Lehrern und Suchttherapeuten spricht, bekommt die Lage anders geschildert. Schon an Schulen wird gekifft, geschnüffelt und gezogen. Dagegen muss vorgegangen werden; Dealer müssen bestraft und Hintermänner aus dem Verkehr gezogen werden. Doch das ist nur eine Seite der Medaille.

Solange die beliebtesten Volksdrogen Alkohol und Tabak weiterhin werbewirksam wüten können, wird es schwer sein, Konsumenten illegaler Stoffe mit der Moralkeule zu drohen. Hochprozentiges als identitätsstiftend anzupreisen und Cannabisrauchende als Verbrecher abzustempeln, passt nicht zusammen. Um den Konsum weicher (illegaler) Substanzen nicht ausufern zu lassen, helfen nicht noch mehr Polizeikontrollen. Sondern Aufklärung und Zuwendung. Und die Gewissheit, dass nicht mit zweierlei Maß gemessen wird.

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