Franken
Focus-Ranking Sicherheit

Studie zu Sicherheit: Frankens Städte schneiden sehr schlecht ab - sind die Ängste begründet?

Der Sozialwissenschaftler Wolfgang Steinle hat für das Magazin "Focus" die Sicherheit in deutschen Städten und Landkreisen untersucht. Die Ergebnisse sind auch für fränkische Städte teilweise erschreckend. Was sagt das Ranking aber wirklich aus?
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Der Sozialwissenschaftler Wolfgang Steinle hat für das Magazin "Focus" die Sicherheit in deutschen Städten und Landkreisen untersucht. Die Ergebnisse sind auch für fränkische Städte teilweise erschreckend. Was sagt das Ranking aber wirklich aus?  Foto: AdobeStock
Der Sozialwissenschaftler Wolfgang Steinle hat für das Magazin "Focus" die Sicherheit in deutschen Städten und Landkreisen untersucht. Die Ergebnisse sind auch für fränkische Städte teilweise erschreckend. Was sagt das Ranking aber wirklich aus? Foto: AdobeStock

"So unsicher sind deutsche Städte" - so titeln in dieser Woche viele Zeitungen und Nachrichtenseiten. Grund für die aufgeregten Schlagzeilen ist eine groß angelegte Studie, die im Focus-Magazin veröffentlich worden ist. Dafür hat im Auftrag des Focus der Kölner Sozialwissenschaftler und Regionalforscher Woflgang J. Steinle eine Reihe von Statistiken zu Kriminalität, Verkehr und Arbeitsmarkt ausgewertet.

Frankens Städte sind unsicher - sagt die Focus-Studie

Herausgekommen ist ein Ranking aller 401 deutschen Landkreise und kreisfreien Städte. Während sich Neumarkt in der Oberpfalz nach diesem Ranking freuen kann, die "sicherste" Stadt in Deutschland zu sein, ist der Schock und die Angst vor Imageverlust in Neumünster (Platz 401) oder Köln (Platz 400) entsprechend groß.

Auf den unteren 100 Plätzen muss man auch nicht lange nach fränkischen Städten suchen. Nürnberg belegt Rang 374. Hof (365), Bamberg (357) und Bayreuth (356) folgen auf nicht sehr viel ruhmreicheren Plätzen. Ein Ausreißer ist der Landkreis Bamberg - er belegt im Gesamtranking den vierten Platz und gilt damit als sehr sicher.

Ist Franken unsicher? Polizei zeigt sich irritiert - und dementiert

Die Polizei in Oberfranken zeigte sich derweil irritiert über die Berichterstattung des Focus. Man wolle klarstellen, dass "Oberfranken objektiv eine der sichersten Regionen in Bayern und somit auch in Deutschland ist", sagte Jürgen Stadter , Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken, gegenüber inFranken.de. Dies sei auch in der im Frühjahr 2018 veröffentlichten Kriminalitätsstatistik nachzulesen.

Heftige Kritik gibt es von Seiten der Polizei auch an der Behauptung, Sexualdelikte seien in Franken besonders häufig. "Aus Sicht des Polizeipräsidiums Oberfranken vermitteln diese Zahlen ein falsches Bild über die tatsächliche Sicherheitslage", so Stadter.

In der Studie, die im Focus erschienen ist, rangieren oberfränkische Städte in der Top-10, wenn es um Vergewaltigung und sexuelle Nötigung geht. Auf 100.000 Einwohner gerechnet sind es in Bamberg und Coburg 37, in Bayreuth 36. Der bundesdeutsche Durchschnitt liegt bei 13 Fällen auf 100.000 Einwohner.

Wie definiert die Studie das Thema Sicherheit?

Wolfgang Steinle will die Studie auf eine "breitere Basis" stellen als reine Kriminalitätsstatistiken es tun, wie er im Gespräch mit inFranken.de erklärt. Daher unterteilte er das Ranking in vier Unterkategorien:

  • Sicherheit im Straßenverkehr
  • wirtschaftliche Sicherheit
  • psychische und physische Gewalt
  • gesellschaftlicher Dissens

Was aber bedeuten die jeweiligen Kategorien genau? Was hat Wolfgang Steinle untersucht? Im Gespräch macht er deutlich, was er mit der Studie schon einmal nicht erfassen kann und auch nicht will: Sowohl reine Kriminalitätsstatistiken zu liefern als auch die "gefühlte Sicherheit" zu messen seien nicht sein Ziel gewesen.

Letztlich lag der Ansatz irgendwo dazwischen: Auf Basis von Statistiken zu Kriminalität, Verkehr und Arbeitsmarkt wurden Aspekte identifiziert, die sich auf tatsächliche wie auf gefühlte Sicherheit auswirken.

Sicherheit im Straßenverkehr

Am einfachsten zu erklären ist diese Kategorie: Hier hat Steinle schlicht alle Verkehrsunfälle im jeweiligen Landkreis, bzw. in der jeweiligen Stadt erfasst - mit und ohne Personenschaden. Dabei berücksichtige er auch Unfälle, die auf Autobahnen im jeweiligen Gebiet passieren, also auch auf Stadtautobahnen, so Steinle auf Nachfrage. Bei dieser Kategorie hat der Wissenschaftler außerdem die Entwicklung der Jahre 2010 bis 2016 berücksichtigt. Die anderen Aspekte betrachten jeweils nur den aktuellsten Betrachtungszeitraum. Bamberg-Stadt liegt übrigens laut der Studie auf dem letzten Platz bei diesem Thema. Die Polizei in Oberfranken kritisiert diese Darstellung: "Welche Parameter für das Ranking im Magazin "Focus" herangezogen wurden, entzieht sich unserer Kenntnis", sagte Jürgen Stadter gegenüber inFranken.de. Die offizielle Statistik würde ein anderes Bild zeichnen.

Wirtschaftliche Sicherheit

Zur wirtschaftlichen Sicherheit zählt Wolfgang Steinle nicht nur Faktoren wie Arbeitslosenzahlen und Einkommen sowie Privatinsolvenzen, sondern eben auch Kriminalitätsstatistiken zu den Themen Betrug und speziell auch Cybercrime.

Das bedeutet: Als wirtschaftlich sicher wertet er nicht nur Gebiete, in denen man gut bezahlte Arbeit finden, sondern in denen man auch entsprechend wenig wirtschaftlich gefährdet ist durch Verbrechen, die auf das Erschleichen von Geld abzielen. Interessant: Am besten schneidet deutschlandweit das mittelfränkische Neustadt an der Aisch ab.

Psychische und physische Gewalt

Auch dieser Punkt wirkt auf den ersten Blick recht eindeutig. Hier sind Zahlen zu Gewaltverbrechen eingeflossen, die in der Statistik des Bundeskriminalamtes jährlich erfasst werden. Aber etwa auch Einbruchsdiebstähle zählt Steinle mit hinzu und berücksichtigt diese.

Warum das so ist? Er wolle nicht nur direkte physische Auswirkungen erfassen, sondern etwa auch den Sicherheitsverlust und das Unsicherheitsgefühl, das aus Einbrüchen resultiert. Hier zeigt sich der Ansatz des Wissenschaftlers, der nicht nur die nackte Statistik, sondern auch die Auswirkungen auf das Lebensgefühl der Menschen abbilden wollte. Oder besser die potenziellen Auswirkungen, denn die direkten psychischen Auswirkungen von Einbrüchen auf das Sicherheitsgefühl der Opfer lassen sich natürlich nicht quantifizieren, auch wenn sie unweigerlich vorhanden sind.

Das tatsächliche Sicherheitsgefühl kann davon stark abweichen, schließlich kommt es auch darauf an, wie sehr etwa Einbrüche im medialen Fokus stehen und somit auch Menschen verunsichert sind, die gar nicht betroffen sind. Hier muss auch nicht unbedingt ein proportionaler Zusammenhang zwischen der Häufigkeit der Verbrechen und dem Unsicherheitsgefühl bestehen.

Gesellschaftlicher Dissens

Der Punkt, der auf den ersten Blick am schwersten zu greifen ist, ist der gesellschaftliche Dissens. Es gibt keine amtliche Statistik, die diesen Wert führt. Steinle erklärt es so: Es gibt Themen, die für Konfliktpotenzial in der Gesellschaft sorgen, zum Beispiel Rauschgiftdelikte, Verstöße gegen das Asylrecht, der Ausländeranteil allgemein sowie kleinere Vergehen, die aber in ihrer Wirkung der Notwendigkeit der Ahndung umstritten sind wie Graffiti oder Schwarzfahren.

Treten entsprechende Faktoren in einer Stadt besonders häufig oder stark auf, wirkt sich das negativ auf das Teilranking in der Studie aus. Ob nun Graffiti wirklich das Konfliktpotenzial einer Stadt beeinflussen oder Schwarzfahrer das Sicherheitsgefühl nachhaltig beeinflussen, kann kontrovers diskutiert werden. Für Wolfgang Steinle sind sie jedenfalls mit ausschlaggebend beim Konfliktpotenzial einer Stadt. Der Regionalforscher betont aber im Gespräch, dass er damit nicht messen wollte und konnte, wie viele Konflikte tatsächlich in einer Stadt existieren.

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