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Der große Franken-Test: Wie gut sind unsere Gottesdienste?

Das Gottesvolk wird weniger. Haben die Gottesdienste schuld ? Wir haben den Test gemacht und 75 Gottesdienste in der Region unter die Lupe genommen.
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Werktagsgottesdienst in der Bamberger St. Heinrichskirche Ronald Rinklef
Werktagsgottesdienst in der Bamberger St. Heinrichskirche Ronald Rinklef

Glauben die Menschen nichts mehr? Oder ist es die Institution Kirche, die auf immer mehr Gläubige eher abschreckend wirkt? Oder passen die Gottesdienste nicht mehr in die Zeit? Innerhalb der letzten 30 Jahre ist die Zahl der Gottesdienstbesucher um zwei Drittel zurückgegangen. Zahlen, die die beiden großen Kirchen selbst veröffentlicht haben.

Auf dem Papier bekennen sich zwar noch über die Hälfte der deutschen Bevölkerung zum katholischen oder evangelischen Glauben. Wenn die Gläubigen allerdings an einem normalen Sonntag zum Gottesdienst gerufen werden, verlieren sich meist nur einige wenige in dafür überdimensionierten Gotteshäusern. Eine Ausnahme bilden hier nach wie vor kirchliche Feiertage wie Ostern oder Pfingsten, Jubelkommunionen und Jubelkonfirmationen.

Gottesdienst mit acht Gläubigen

Die Tendenz ist weiter rückläufig. Heute gibt es Gemeinden, in denen sich sonntags gerade mal acht Gläubige in einen Gottesdienst verlaufen. Nicht irgendwo in den neuen Bundesländern, nein, auch bei uns - mitten in Franken. Der Anteil der Katholiken, der sich am Sonntag noch in der Kirche sehen lässt, ist inzwischen bundesweit auf 9,3 Prozent gesunken.

Für die evangelische Kirche sind die Zahlen noch dramatischer. Da registrierte man im letzten Jahr nur noch 4,4 Prozent Gottesdienstbesucher. Diese für beide Kirchen bedrohliche Entwicklung muss Gründe haben. Wir waren deshalb in ganz Franken unterwegs. Besuchten über die Jahreszeiten verteilt Pfarreien in Ober-, Mittel- und Unterfranken. Wir wollten wissen, wie es um den Gottesdienstbesuch hierzulande bestellt ist, welches Angebot die Kirchen ihren Gläubigen machen und wie dieses Angebot angenommen wird.

Die Gründe dafür, dass die Zahl der Gottesdienstbesucher beständig geringer wird, sind sicher vielschichtig. Da wäre zum einen die demografische Entwicklung. So verringerte sich die Zahl der Katholiken allein im Bistum Würzburg im Verlauf der letzten 20 Jahre um 150 000 Gläubige, im Erzbistum Bamberg waren es 120 000.

Hinzu kommt, dass den beiden großen Kirchen die Gläubigen durch Austritt regelrecht davonlaufen. Bundesweit verlor die katholische Kirche im letzten Jahr 216 078 Gläubige durch Austritt, in der evangelischen Kirche waren es 220 000. Während viele Katholiken die zahlreichen publik gewordenen Missbrauchsfälle in der Kirche zum Anlass nahmen, ihrer Kirche den Rücken zu kehren, mag für die Negativentwicklung in der evangelischen Kirche hinzukommen, dass sie in einer säkularisierten Gesellschaft für die Gläubigen immer weniger sinnstiftend wirken kann.

Kritikpunkte an der Institution Kirche gibt es zudem jede Menge. Gerade die katholische Seite muss sich neben dem Missbrauchskandal vorwerfen lassen, sie diskriminiere Frauen, weil sie nicht zum Priesteramt zugelassen würden, lasse geschiedene Menschen im Stich und gebärde sich mit dem Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubensfragen als anmaßend und selbstherrlich.

In der evangelischen Kirche artikuliert sich Kritik mehr im eigenen Lager. Dort sind es Evangelikale und Fundamentalisten, die sich gegen ökumenische Bestrebungen wenden, gegen die Tolerierung von Abtreibung und den Umstand, dass die Kirche dem christlichen Armutsgebot widerspreche, wenn Pfarrer wie Oberstudienräte bezahlt würden.

Das Schlimme: Unabhängig davon, wie sehr sich die Kirchen um die geringer werdende Zahl von Gläubigen auch bemühen mögen - der Abwärtstrend lässt sich nicht aufhalten. Einer von den Kirchen in Auftrag gegebenen Studie zufolge wird sich die Zahl der Kirchenmitglieder bis zum Jahr 2060 halbieren. Die Folgen: bislang nicht absehbar.

Warum dieser Test?

Neun Monate lang haben unsere Redakteure interessante Eindrücke von 75 Gottesdiensten gesammelt. Die Ergebnisse, das wissen wir, sind rein subjektiv. Warum dann dieser Test? Weil wir glauben, dass es eine Diskussionsbasis braucht, um Kirche und Bürger wieder näher zusammenzubringen. Und weil wir denken, dass Kirche und Glaube nicht weiter auseinanderdriften sollten. Wir freuen uns deshalb auf den Dialog mit Kirchenvertretern, Gläubigen und allen Menschen, die uns ihre Meinung zu diesem wichtigen Thema mitteilen wollen. Natürlich ist dabei auch konstruktive Kritik wichtig, die allen hilft, einander besser zu verstehen. Schreiben Sie uns: redaktion@infranken.de

Die Tests veröffentlichen wir ab heute täglich mindestens eine Woche. Zum Abschluss werden unsere beiden Experten (siehe Kasten rechts) am 1. November Bilanz ziehen.

Alle Tests finden Sie auf unserem Internetportal www.infranken.de.

Der Fragenkatalog

Wie bitteschön kann man die Qualität eines Gottesdienstes beurteilen? Die Frage stellten wir uns natürlich auch. Um zu dem Ergebnis zu kommen, dass die Antwort nur von professioneller Seite kommen konnte.

Wir holten uns deshalb Rat bei zwei ausgewiesenen Liturgie-Experten der katholischen und evangelischen Kirche, den Professoren Martin Stuflesser und Martin Nicol. Das Ergebnis: ein Fragenkatalog, in dem Kriterien zur Beurteilung eines Gottesdienstes festgelegt waren. Die Theologen erklärten uns, worauf wir bei einem Gottesdiensttest besonders achten sollten.

Unser besonderes Augenmerk sollten wir dabei auf den Anfang und das Ende des Gottesdienstes legen, dazu die Predigten als weitere Schlüsselteile.

Der Anfang: Wichtig für eine Beurteilung ist die Frage, inwieweit der Pfarrer in Worten und Gestik den Eindruck hinterlässt, dass er weiß, was er sagt. Dem Beobachter sollte klar werden, dass es sich um einen Gottesdienst handelt, nicht um eine Vereinsversammlung.

Die Musik: Singt die Gemeinde? Oder hört sie zu? Besser ist es, durch gemeinsamen Gesang zum Beginn eine emotionale Stimmigkeit zu erzeugen. Heißt: Gut ist Orgelspiel immer dann, wenn die Gemeinde eingebunden ist.

Die Lesungen: Schön, wenn Gemeindemitglieder eingebunden werden. Der Vortrag sollte laut und verständlich sein.

Die Predigt: Vorab das Zeitfenster - Predigten, die länger als 15 Minuten dauern, gelten als schlecht. Inhaltlich sollte es immer einen Bezug zu vorher gelesenen Bibelstellen geben. Bezüge zur heutigen Welt gilt es herzustellen, wobei Gott keine Nebenrolle spielen sollte - eine Herausforderung für jeden Pfarrer.

Der Abschluss: Verschwindet der Pfarrer nach dem Segensspruch einfach? Oder mischt er sich unters Volk? Kontakt zur Gemeinde sollte sein.

Neben diesen Kriterien, die wir als objektive bezeichnen, galt es noch, die persönlichen Eindrücke der Beobachter festzuhalten. Das Ambiente des Gotteshauses (Klima, Bestuhlung, Licht) etwa, das die Entscheidung zum Gottesdienstbesuch beeinflussen kann.

Unsere Experten:

Unsere beiden Experten sind theologische Hochkaräter: Professor Martin Stuflesser ist Berater der deutschen Bischofskonferenz und sein evangelischer Kollege Martin Nicol ausgewiesener Fachmann unter anderem in Liturgik.

Professor Martin Nicol Der 1953 in München geborene Martin Nicol studierte von 1972 bis 1978 evangelische Theologie in Erlangen, Tübingen, Rom und Toulouse. 1983 promovierte Nicol mit einer Arbeit über "Meditation bei Luther". Seit 1995 hat Nicol den Lehrstuhl für Praktische Theologie an der FAU inne. In diesem Jahr hat sich Nicol in den Ruhestand verabschiedet. Während seiner Forschungs- und Lehrzeit war einer seiner Arbeitsschwerpunkte die Liturgik. Im Jahr 2009 veröffentlichte Nicol die Monographie "Weg im Geheimnis. Plädoyer für den evangelischen Gottesdienst". Ausgehend von Beobachtungen in Sonntagsgottesdiensten stärkt Nicol darin den Gottesdienst als Ort, an dem sich "Gotteszeit" und "Weltzeit" begegnen. Im September dieses Jahres erschien sein neuestes Buch mit dem Titel "Mehr Gott wagen. Predigten und Reden zur dramaturgischen Homiletik."

Professor Martin Stuflesser Martin Stuflesser studierte ab 1989 Theologie an der Johannes- Gutenberg-Universität in Mainz und bis 1994 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. 1998 folgte seine Promotion zum "Doktor der Theologie" mit dem Gesamtprädikat "summa cum laude". Ab 2000 bis 2006 war er als wissenschaftlicher Assistent bei Klemens Richter am Seminar für Liturgiewissenschaft in Münster tätig. 2004 habilitierte Stuflesser am Fachbereich Katholische Theologie der Westfälischen Wilhelms-Universität. Es erfolgte die Ernennung zum Privatdozenten. Martin Stuflesser ist seit 2007 Lehrstuhlinhaber für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Würzburg. 2009 wurde er vom Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, zum Priester geweiht.

Im Anschluss an die Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Hildesheim wurde im Februar 2015 seine Ernennung zum Berater bekannt.

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