Forchheim
Politik

Wahlkampf: Das "Horse-Race" im Netz

Wahlkämpfer sind wie Pferde. Je zugkräftiger desto besser. Die Zugpferde der Parteien liefern sich auch im Internet ein Rennen. Kurz vor der Zielgerade geben die Kandidaten dem Netz die Sporen. Denn viele Wähler sind noch unentschlossen - auch in Forchheim.
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Sind auch im Internet die Zugpferde für die Landtagswahl: Christian Ude (SPD) und Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Fotomontage: Michael Beetz
Sind auch im Internet die Zugpferde für die Landtagswahl: Christian Ude (SPD) und Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Fotomontage: Michael Beetz
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Beim digitalen "Horse-Race" kämpfen die Kandidaten um die Meinungshoheit im Netz. Je näher die Wahlen rücken, umso argwöhnischer belauern sich die Parteien im Internet. "Der Christian Ude ist viel stärker im Netz präsent als der Horst Seehofer", stichelt Rainer Glaab, der Wahlkampf-Stratege der Bayern-SPD, in Richtung Gegner. "Die Lufthoheit im World Wide Web gehört nicht der CSU", freut sich der Online-Stratege weiter.
Nach dem Kanzler-Duell zwitschert beispielsweise Christian Ude, das digitale Zugpferd der SPD, im Kurz-Narichtendienst Twitter: "Das waren jetzt 90 Minuten Klartext gegen Wortschwall."

Die Fieberkurve im Netz steigt besonders nach realen Großereignissen wie einem Fernsehduell, sagt Andreas Jungherr. Der Politik-Wissenschaftler von der Uni Bamberg verfolgt den aktuellen Netz-Wahlkampf.
Für den Wissenschaftler ist klar: "Die politischen Akteure werden im Internet selber zu Informations-Anbietern." Warum? "Die Parteien wollen ihre Unterstützer zu Botschaftern machen." Wie schafft man das? "Mit Kommunikationsobjekten", sagt der Experte. Hinter dem Fachbegriff verstecken sich Fotos mit kernigen Botschaften, die von den "Facebook-Freunden" im Internet weiter verbreitet werden sollen. Am besten massenhaft und gleichzeitig, damit eine Lawine im Netz losrollt.

Ein "Drehhofer" als Online-Golem

Mit Horst Drehhofer haben die sozialdemokratischen Online-Wahlkämpfer sogar einen Golem mit eigenem Facebook-Profil als Kommunikationsobjekt erschaffen, um in Netz nach Stimmen zu fischen. "So ein Mist!!! Jetzt kann ich wegen meiner #pkwmaut mit Frau Merkel keine Koalition machen", postet "Drehhofer" an seine Pinnwand. Mit dem komischen Doppelkreuz (im Englischen heißen die Zeichen hashtags) werden übrigens Schlagwörter markiert, die die Suche nach relevanten Themen bei Facebook, Twitter und Co. erleichtern sollen.
Jetzt kurz vor der Wahlentscheidung geben die Online-Strategen dem Netz nochmal kräftig die Sporen. "20 Tage - 20 Gründe" hat Rainer Glaab den Online-Endspurt der SPD getauft. Was dieser Aufwand im Netz bringt? Nicht viel, sagt Andreas Jungherr. Bislang sei es noch keinem politischer Akteur gelungen, eine Lawine im Internet loszutreten.

Ausraster und Maut-Gebühren

Ob #Seehofer-Ausraster ("Die müssen raus aus Bayern.") oder #Maut-Debatte - bislang habe keine Partei die Meinungsführerschaft im Netz übernehmen können, findet Jungherr. Warum? Der Wissenschaftler präsentiert dazu gleich mehrere verblüffende Gründe. Erstens sei Deutschland nicht Amerika. In den USA hätten die Wahlkampf-Manager verstärkt auf das Netz gesetzt, weil die Präsidentschafts-Kandidaten im Internet tonnenweise Spendengelder eingesammelt hätten. Dazu sei der deutsche Internet-Nutzer nicht bereit. Oder würden Sie online ein paar Euro für die Kampagne von Ude, Seehofer und Co. spenden? Zweitens: Die Community im Netz spiegle nicht die wahre Gesellschaft wider. Online tummle sich eine spezielle Schicht: die Netz-Avantgarde. Junge Ärzte interessieren sich eben weniger für den Abhör-Skandal des amerikanischen Geheimdienstes NSA als Menschen, die ihr Geld im Internet verdienen.

Trotzdem werde das Internet auch im Wahlkampf gehypt. Warum? Jungherr vermutet wirtschaftliche Interessen dahinter. Online-Berater wollen Online-Werbung verkaufen. Die Stärken des Netzes werden betont, die Nachteile unter den Teppich gekehrt. Vorteil: Die Reichweite einer Wahlbotschaft kann man im Netz ziemlich genau messen. "Online kann ich sehen, wem was wann gefällt." Das gehe bei traditionellen Wahlkampagnen nicht. Wie häufig über ein Plakat gesprochen werde, könne niemand mit Sicherheit sagen. Trotzdem könne sich die klassische Wahlwerbung weiterhin behaupten. "Wahlplakate sind nach wie vor das mächtigste Kampagnen-Werkzeug", sagt Jungherr. Warum? "Plakate sind ein sehr sehr mächtiges Kommunikationsmittel", sagt Jungherr. Vor Plakaten gibt es kein Entkommen. Niemand könne dagegen gezwungen werden, im Internet ein "Freund" von Ude oder Seehofer zu werden. Trommeln gehört trotzdem zum Wahlkampf. Besonders im Internet. Denn einen Vorteil hat der Wahlkampf im Netz schon. Kommt die Botschaft an, kann sich eine Lawine lösen. Das Blatt mithilfe des Internets zu wenden, darauf hofft besonders die Partei, die in den Umfragen hinten liegt.

Der Kampf um Aufmerksamkeit

"Bei der Reichweite im Internet liegt Ude meilenweit vor Seehofer", behauptet Rainer Glaab, der Chef-Stratege des SPD-Online-Wahlkampfes. Die CSU habe jedenfalls nicht die Lufthoheit über das Internet, findet Glaab. "Und das, obwohl die CSU viel mehr Geld in den Online-Wahlkampf investiert." Das sieht der CSU-Online-Chefstratege, Markus Riedhammer, wahrscheinlich anders.

220 000 Euro lasse sich die Bayern-SPD den Landtagwahlkampf im Internet kosten, erzählt Glaab. Das Online-Budget sei aber noch vergleichsweise gering. Insgesamt gebe die SPD rund 2,2 Millionen für den Landtagswahlkampf aus.

Das Ziel der beiden Wahlkampfstrategen ist die jeweilige Partei-Meinung durch das Internet rasend schnell zu verbreiten. Was der Wissenschaftler mit einem Virus vergleicht, kann man auch als Mund-zu-Mund-Propaganda bezeichnen. Was den Parteien derzeit offensichtlich noch fehlt, ist ein Thema.

Nicht jedes Thema verfängt

"Themen wie die Euro-Rettung stoßen auf wenig Interesse und Resonanz im Internet", sagt Jungherr. Nicht irgendein Thema darf es also sein. Höchst emotional muss es sein. Am besten eine Frage von Krieg oder Frieden. Ein Thema, das die Menschen im Internet zur spontanen Reaktion reizt, sagt Jungherr. Der Abhörskandal der US-Geheimdienste hätte so ein Thema werden können. Hier wurde ein Thema online sehr heftig und kontrovers diskutiert, allerdings schaffte es dieses Thema bisher nicht, offline ebenso heftige Reaktionen zu schüren. Und das, obwohl Oppositionsparteien und Medien das Thema in den letzten Wochen immer wieder auf die Agenda setzten. Warum? Schwere Frage. Weil die Parteien das Thema scheuten? Weil es den Otto-Normal-Bürger weniger aufregt als den Computer-Freak? Der Politikwissenschaftler hat handfeste Antworten parat. In Deutschland sei es derzeit schwierig, klare Fronten in einer Debatte zu ziehen. Das liege nicht nur daran, dass es den Menschen gut geht. Auch die Kanzlerin habe daran ihren Anteil. "Unter Merkel haben wir eine depolarisierende Politik erlebt." Überträgt sich der Teflon-Politikstil auf das Internet? "Je depolarisierter ein Wahlkampf ist, desto weniger Anreiz haben Menschen, sich im Internet über Politik zu streiten." Ist der aktuelle Online-Wahlkampf also nur ein Schau-Wettkampf? Ja, wenn thematisch keine Bombe mehr einschlägt. Das kann beim TV-Duell Ude gegen Seehofer schon am Mittwochabend geschehen.

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