Forchheim

Vortrag zum Frauentag in Forchheim über Gleichberechtigung: "Weitere aktuelle Kämpfe führen"

Der Frauentag im Landkreis steht unter dem Motto "100 Jahre Frauenwahlrecht" und "70 Jahre Gleichberechtigung im Grundgesetz". Welche Hürden Frauen überwinden mussten und welche Aufgaben noch vor uns liegen, beschreibt die Historikerin Nadja Bennewitz in ihrem Vortrag.
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Bereits 1896 setzten sich Frauenrechtlerin Anita Augspurg (l.) und andere Aktivistinnen für Gleichberechtigung ein. Foto: Archiv
Bereits 1896 setzten sich Frauenrechtlerin Anita Augspurg (l.) und andere Aktivistinnen für Gleichberechtigung ein. Foto: Archiv

Im Zentrum der Veranstaltungsreihe zum Frauentag im Landkreis Forchheim steht der Vortrag "Einen Zipfel der Macht in meiner Hand" - Politik und Frauenbewegung im 20. Jahrhundert (Montag, 11. März , Beginn 19.30 Uhr, Stadtbücherei Forchheim). Im Gespräch erzählt die Historikern Nadja Bennewitz, was die Zuhörer am Montag erwartet, welche Hürden die Frauenrechtlerinnen überwinden mussten und wie es mit der Gleichberechtigung weitergeht.

"Einen Zipfel der Macht in meiner Hand" lautet der Titel ihres Vortrages. Was hat es damit auf sich?

Nadja Bennewitz: Als Dr. Elisabeth Selbert 1949 den bahnbrechenden Grundsatz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" in Form von Artikel 3 im Grundgesetz durchsetzte, sagte sie diesen Satz: "Es war eine Sternstunde in meinem Leben. Ich hatte einen Zipfel der Macht in meiner Hand." Elisabeth Selbert hat erkannt, dass dieser Artikel im Grundgesetz wesentlich ist für alle weiteren Bewegungen der Gleichberechtigung. In der Verfassung der Weimarer Republik hieß es noch, dass Frauen und Männer "grundsätzlich" gleichberechtigt sind. Dieser Zusatz hat vieles schwieriger gemacht, Einschränkungen waren immer möglich.

War Elisabeth Selbert deshalb so etwas wie eine Gallionsfigur auf dem Weg zur Gleichberechtigung?

Nein, ich meine das kann man so nicht sagen. Die Frauenbewegung verstand sich als Kollektiv, da kann man nicht nur eine Frau nennen. So hat sich die deutsche Sozialistin Clara Zetkin sehr für die Arbeiterinnen-Bewegung eingesetzt. Ihr ist letztlich auch die Idee zu einem Internationalen Frauentage zu verdanken.

Wann stand es um die Gleichberechtigung der Frau besonders schlecht?

Besonders schlecht stand es darum in der NS-Zeit. Zu dieser Zeit ereignete sich ein totaler Einbruch. Es gab ideelle Verluste: Frauen, die vorher politisch aktiv waren, wurden verfolgt und in KZs oder Arbeitslager gebracht, Bibliotheken wurden zerstört. Die ganze emanzipatorische Gedankenwelt wurde ausradiert. Dass der Mann der Ernährer ist, das wurde von den Nazis nicht in Frage gestellt. Es brauchte in der Nachkriegszeit sehr lange, um das wieder aufzuholen.

Wie ging es nach der NS-Zeit weiter?

Ein großer Schub war die Gründung der beiden deutschen Staaten und das Inkrafttreten des deutschen Grundgesetzes. Die Gewerkschafterinnen wurden wieder aktiv. In der Nachkriegszeit, als viele Männer entweder gar nicht oder versehrt wieder aus dem Krieg zurück kamen, haben sich viele Frauen durchaus selbst behauptet. Die Verhältnisse waren anders. Frauen haben verstanden, dass sie das auch alleine können. Die Politik in der der BRD war dann wieder sehr konservativ, die ursprünglichen Verhältnisse wurden wieder hergestellt. Die Frau hatte die zu sein, die Zuhause steht. Alter Mief und patriarchale Bevormundung prägten die bundesdeutsche Nachkriegszeit.

Dann kam die 68er-Bewegung und in den 70er Jahren etablierte sich die neue Frauenbewegung. War das der Durchbruch?

In den 68ern verfestigte sich das Diktum "Das Private ist Politisch". Man erkannte: Die privaten Geschlechterverhältnisse müssen verändert werden, um etwas zu bewegen. Die größten Errungenschaften dieser Zeit waren, dass Frauen ab 1977 ohne Genehmigung ihres Ehemannes eine Arbeit aufnehmen durften oder ein eigenes Konto eröffnen konnten. In den 90er Jahren wurde Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Bis dahin hat es einen Bewusstseinswandel gebraucht: Gewalt gegen Frauen ist kein Kavaliersdelikt.

Ist die Frauenbewegung salonfähig geworden?

Da sehe ich schon eine Verbesserung. Ich bin mittlerweile seit 1996 im Geschäft und werde oft von Stadtarchiven eingeladen. Die Frauenbewegung ist Teil unserer Gesellschaftsgeschichte. Vor 20 Jahren wurde man damit noch belächelt, es wurde als nicht so wichtig abgestempelt. Die Diskussion über einen zu niedrigen Frauenanteil in den Parlamenten zeigt die gesellschaftliche Relevanz dieses Themas. Die "Nein heißt Nein" Bewegung ist ein Beispiel für einen politischen Diskurs, der früher so nicht möglich gewesen wäre.

Werden wir uns an Begriffen wie Gleichberechtigung oder Feminismus satt hören?

Einige mit Sicherheit. Es gibt jetzt schon Leute, die die Genderdebatte nicht mehr hören können. Diese Themen werden sich aber erst erledigen, wenn wir geschlechtergerecht leben. So lange werden wir uns damit beschäftigen müssen. Wir können uns dem annähern. Wir brauchen den 8. März nicht nur dazu, um an historische Kämpfe zu erinnern, sondern um weitere aktuelle Kämpfe zu führen. Die wirtschaftliche Kluft zwischen den Geschlechtern wird sich erst in den nächsten 170 Jahren schließen. Das ist zu lange. So lange können wir nicht mehr warten. Es muss jetzt etwas geschehen. Das Gespräch führte Franziska Rieger.

Der Internationale Frauentag 2019 im Landkreis Forchheim

Vortrag Im Zentrum der Veranstaltungsreihe zum Frauentag im Landkreis Forchheim steht der Vortrag

"Einen Zipfel der Macht in meiner Hand" - Politik und Frauenbewegung im 20. Jahrhundert, am Montag, 11. März 2019, Beginn 19.30 Uhr, in der Stadtbücherei Forchheim, Spitalstraße 3.

(Vorverkauf: Landratsamt Forchheim und Stadtbücherei, Eintritt 5 Euro)

Die Historikerin Nadja Bennewitz nimmt die Zuhörer dabei in ihrem Vortrag mit auf eine atemlose feministische Zeitreise, die uns die Entwicklung der Gleichberechtigung auf unterhaltsame Weise näherbringen wird. Zu Beginn dieser Veranstaltung am Montag, 11. März 2019 wird auch die stellvertretende Landrätin Rosi Kraus ein Grußwort sprechen.

Veranstaltungen Bei den weiteren Veranstaltungen (Filmabende) geht es am Freitag, 08. März 2019 um 18.30 im Kulturraum St. Gereon des Landratsamtes Forchheim, Am Streckerplatz 3, um starke Frauen, die sich für die Aufnahme des Gleichheitsgrundsatzes ins Grundgesetz eingesetzt haben (vorher Möglichkeit zum Austausch) und am Mittwoch, 27. März 2019 um 19 Uhr im Pfarrheim Heroldsbach, Pfarrer-Marquardt-Platz 3, um die Frage zur Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft (Dokumentarfilm "Jesus und die verschwundenen Frauen" (44 Min.) mit anschließender moderierter Diskussionsrunde).red

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