Forchheim
Geschichte

Vor 80 Jahren: als der nationalsozialistische Mob in der Region Forchheim tobte

Vor 80 Jahren tobte der nationalsozialistische Mob auch in der Region. Neben Forchheim war Ermreuth Ort schwerster antijüdischer Ausschreitungen.
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Zuschauer auf der Hundsbrücke bei der Sprengung der Forchheimer Synagoge  Foto: Brunner, Repro: Franze
Zuschauer auf der Hundsbrücke bei der Sprengung der Forchheimer Synagoge Foto: Brunner, Repro: Franze
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Der 9. November ist in der deutschen Geschichte ein denkwürdiger Tag: Ausrufung der Republik 1918, Hitlerputsch 1923, Reichpogromnacht 1938 und innerdeutsche Grenzöffnung 1989. Meistens waren Berlin und München die zentralen Schauplätze dieser historischen Ereignisse. Ausnahme war nur die nationalsozialistische Hetzjagd auf die Juden vom 9. auf den 10. November 1938, bei der in ganz Deutschland über 1300 Menschern ermordet oder in den Selbstmord getrieben, an die 1400 Synagogen und Gebetshäuser sowie Tausende von jüdischen Geschäften und Wohnungen zerstört wurden. In der Region tobte der nationalsozialistische Mob in Forchheim, Pretzfeld, Hagenbach, Wannbach, Ermreuth und Aufseß.

In Forchheim zerstörten die Nazis Geschäfte und Wohnungen entlang der Nürnberger Straße, der Hauptstraße, am Paradeplatz, in der Vogelgasse, in der Kloster- und Eisenbahnstraße sowie der Zweibrückenstraße.

Polizei schaut zu

Die Polizei schaute tatenlos zu, wie mit Leitern und Holzlatten Türen, Schaufenster und Glasscheiben zerschlagen wurden. Die jüdischen Bewohner wurden aus dem Schlaf gerissen, geschlagen und auf die Polizeiwache getrieben. Die offen stehenden Wohnungen wurden geplündert, Wertgegenstände geraubt und Beutegut zum Teil mit Handwägen abtransportiert.

Kommando aus Nürnberg

Am 10. November sprengte ein eigens aus Nürnberg herbeigeholtes Kommando die Synagoge in der Wiesentstraße - in Gegenwart vieler Zuschauer, die das Spektakel aus sicherer Distanz verfolgten. Die Trümmer mussten anschließend die in der Nacht verhafteten jüdischen Männer - darunter auch ein zwölfjähriger Junge - vor den Augen der Schaulustigen auf einen Wagen laden. Dann wurden die Männer ins Gefängnis zurückgebracht und am nächsten Tag ins Konzentrationslager Dachau abtransportiert.

Weil in Pretzfeld das Schloss jüdischen Eigentümern gehörte, die in England lebten, wurden alle 73 Fenster eingeworfen, zwölf Barocköfen zerschlagen, Gemälde geraubt oder verwüstet und der Weinkeller geplündert. In Hagenbach entging die Synagoge, die gar nicht mehr in jüdischem Besitz war, der Zerstörung, weil der Bürgermeister befürchtete, der Brand könne auf benachbarte Häuser übergreifen. Dafür wurden die Einrichtungsgegenstände herausgerissen, weggefahren und auf einem freien Platz verbrannt. Die drei hier noch lebenden jüdischen Familien Mai, Seiferheld und Pretsfelder wurden verhaftet und auf einem offenen Lastwagen abtransportiert.

Neben Forchheim war Ermreuth Ort schwerster antijüdischer Ausschreitungen. Hier wurde die Synagoge schwer beschädigt und ein jüdischer Bürger vom NSDAP-Ortsgruppenleiter so brutal misshandelt, dass er an seinen Verletzungen starb.

Die Ausschreitungen in Aufseß dokumentiert der "Lagebericht" des örtlichen Polizisten vom 25. November 938 an das Bezirksamt Ebermannstadt (vgl. nebenstehend). Nach Meinung des Aufseßer Polizisten wie auch seines Kollegen in Muggendorf (Bericht vom 26. November) stießen die antijüdischen Gewaltaktionen bei der Mehrheit der Bevölkerung auf Ablehnung. "Wiederholt" sei schon gefragt worden, "ob die an der Aktion beteiligten Personen auch der Bestrafung zugeführt" würden. Das war natürlich nicht der Fall. Die Polizei hatte die ausdrückliche Anordnung, nicht einzugreifen.

Amerikaner vernehmen Zeugen

Die Pogrome wurden erst Gegenstand polizeilicher Untersuchungen, als die Amerikaner ab April 1945 ihre Militärregierungen in der Region einrichteten. In ihrem Auftrag vernahmen Polizisten Zeugen und hörten sich an, was ihnen angezeigt wurde. Die Aufarbeitung zog sich bis in die frühen Fünfziger Jahre hin. Problem machte, dass die Beschuldigten ihre Beteiligung an den Ausschreitungen herabspielten, leugneten oder sich nicht erinnern konnten. Ein besonders krasses Beispiel war der NSDAP-Kreisleiter Karl Schmidt aus Heiligenstadt. Im Protokoll seiner Vernehmung merkte der Spruchkammervorsitzende des Lagers Moosburg an, Schmidt sei "mit besonderer Vorsicht und mit allen Raffinessen zu vernehmen". Und der Vorsitzende der Lagerspruchkammer Dachau, wo Schmidt noch 1948 interniert war, hielt in einem Nachtrag fest: "Das Auftreten und Benehmen des Obengenannten ist ein arrogantes und bewusst lügnerisches. Nach meiner Überzeugung ist der Betroffenen bei allen Anschuldigungen dabei gewesen und erscheint dadurch selbst so schwer belastet, daß sein Benehmen und die lügnerische Haltung wohl zu verstehen ist."

Als Ende 1948 die Große Strafkammer des Landgerichts Bayreuth den Haftbefehl aufhob, legte die Staatsanwaltschaft sofort Beschwerde dagegen ein. Begründung: "Es ist in letzter Zeit in einigen großen politischen Prozessen immer wieder die Wahrnehmung gemacht worden, daß die auf freien Fuß gesetzten schwer belasteten Angeschuldigten sich untereinander verabredet und auch auf Zeugen dahin einzuwirken versucht haben, ihre belastenden Aussagen zurückzunehmen oder abzuschwächen." In letzter Instanz entschied schließlich das Oberlandesgericht Bamberg am 17. November 1948, den Haftbefehl aufrechtzuerhalten.

Am 26. April 1949 wurde der Prozess gegen 24 am Aufseßer Judenpogrom Beteiligte vor dem Landgericht Bayreuth eröffnet. Die Beweisaufnahme dauerte mehrere Tage. Nach dem Plädoyer des Staatsanwalts erhielten die zwölf Verteidiger das Wort und am 13. Mai 1949 sprach das Gericht sein Urteil: Schmidt wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt entgegen der Anklage, die vier Jahre Zuchthaus beantragt hatte. Sieben Angeklagte erhielten Gefängnisstrafen zwischen drei und sechs Monaten, die übrigen wurden freigesprochen. Schmidt wie auch die Staatsanwaltschaft gingen in Revision.

Im Juli 1950 fiel das Urteil: Schmidt erhielt zehn Monate Gefängnis und war unter Anrechnung seiner Untersuchungshaft ab diesem Moment wieder frei. Für die anderen sieben zu Gefängnis verurteilten Angeklagten kam es gar nicht mehr zu einem neuen Verfahren, weil der Bundestag am 31. Dezember 1949 als eines seiner ersten Gesetze eine Amnestie für NS-Taten beschloss, die mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten geahndet worden waren.

Kreisleiter Carl Ittameier

Der Forchheimer Kreisleiter Carl Ittameier stand ab 12. April 1949 in Bamberg vor Gericht. Die Große Strafkammer des Landgerichts klagte ihn und weitere 17 Angeklagte wegen der Sprengung der Synagoge, der Misshandlung von jüdischen Bürgern und Demolierung ihrer Wohnungen in Forchheim sowie wegen Beteiligung an der Verwüstung und Zerstörung der Synagogen in Adelsdorf und Mühlhausen an. Am 6. Mai fiel nach vierwöchiger Verhandlung das Urteil (in Klammern jeweils der Antrag des Staatsanwalts): Ittameier wurde zu vier Jahren Zuchthaus und drei Jahren Ehrverlust (acht Jahre Zuchthaus), die ehemaligen Forchheimer NSDAP-Ortsgruppenleiter Georg Conrad zu zwei Jahren Zuchthaus (acht Jahre Zuchthaus) und Christian Merz ebenfalls zu zwei Jahren Gefängnis (sechs Jahre Zuchthaus) verurteilt. Die übrigen Angeklagten erhielten Gefängnisstrafen zwischen vier Monaten und zwei Jahren, acht Monaten Gefängnis, ein Angeklagter wurde freigesprochen.

Wegen der Verwüstungen in Pretzfeld und Hagenbach fand schon im November 1946 am Amtsgericht Forchheim die erste Verhandlung statt. Zehn Männer aus Pretzfeld, Hagenbach und Rüssenbach mussten sich "wegen Land- und Hausfriedensbruch" verantworten. Sie erhielten Strafen zwischen vier Monaten und einem Jahr, acht Monaten Gefängnis.

In der Pressemeldung über den Prozess hieß es: "Als erschwerende Tatsache bezeichnete das Gericht, daß die Angeklagten sich in einer aller Kultur und Menschlichkeit hohnsprechender Weise an dem Eigentum wehrloser Menschen vergriffen, daß sie sinnlos Kunstwerte zerstörten und das Ansehen des deutschen Volkes durch ihren Vandalismus beschmutzten. Die Synagogenprozesse sind ein wichtiger Teil in der Selbstreinigung des deutschen Volkes."



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