Mittelehrenbach

Von Schnaps und Frischobst: Frankens geistreiche Seite - ein Besuch im Obstler-Dorf

Beim Besuch in der Fränkischen Schweiz geht's in der Sommerserie um Obst, Brände und Geister. Und darum, wie fränkische Birnen ins Aldi-Regal kommen.
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Dienst ist Dienst und Dienst ist heute Schnaps. Wir fahren nach Mittelehrenbach. Weniger als 400 Einwohner und ein halbes Dutzend Brennereien - das prägt den Leutenbacher Ortsteil. Die Fotografin und ich, die Reporterin, lernen eine Menge über Obstbau und - verarbeitung. Wir erfahren, wie Äpfel, Birnen und Zwetschgen aus der Fränkischen Schweiz in den Schnaps oder als Frischware ins Aldi-Regal kommen.
Aber erst mal müssen wir den Punkt finden, an dem der Pfeil die Frankenkarte getroffen hat. Anton Wachholz arbeitet im Garten. Ich halte ihm die Karte unter die Nase. "Hmmm", der 63-Jährige runzelt die Stirn. "Das ist eine Wiese in der Nachbarschaft. Eine Hälfte gehört dem Singer, die andere dem Potzner. Wir gehen mal rüber!"


Obst im Obstler ansetzen

Er führt uns zwischen Häusern durch ein Stück Feldweg hinauf und über die Obstwiese, die ohne Zaun in den Garten der Potzners mündet - und schon geht's um Schnaps. Reinhard Potzner ist von Berufs wegen Personalberater, aber weil seine Frau Gerlinde aus einer Obstbaufamilie stammt und die Bäume nun mal da sind, wird hobbymäßig Marmelade und Eingekochtes, Saft, Most und Schnaps produziert. Potzners Spezialität, der "Alde Gaak", hat eine Sonderstellung. Er ist hochprozentig wie Schnaps und süß wie Likör, "aber ausschließlich aus dem Zucker der Früchte", betont der 56-Jährige.
Probieren trauen wir uns nicht, weil wir noch Autofahren und Mittelehrenbach entdecken müssen. Aber wir wollen mehr über Potzners Verfahren wissen. Eigentlich ist es ganz einfach: "Es wird ein guter Schnaps genommen, zum Beispiel ein fünf Jahre alter Apfelschnaps, und der wird auf Apfelschnitze gegossen." Das zieht dann durch, und wenn's abgegossen wird, hat die Flüssigkeit Farbe und Aroma des Apfels angenommen - oder der Birne, Quitte und Mispel, je nachdem, was angesetzt wird.


Obstbau im Nebenerwerb

Ein ähnliches Verfahren nutzen manchmal auch die Singers, die Nachbarn, in deren Obstwiese der Pfeil beinahe gelandet wäre. Sie betreiben auf vier Hektar Obstbau. "Mein Mann ist heute nicht da. Er geht drei Tage in der Woche arbeiten", erklärt Susann Singer, als wir an der Haustür klingeln. Sie führt uns herum, erzählt, dass die Ernte wegen des Kälteeinbruchs im Mai heuer gering ausfalle. Bei den Kirschen hätten sie nur etwa halb so viel geerntet wie sonst. "Dafür war es aber 1-plus-Qualität, das hat es einigermaßen ausgeglichen."


Schnaps ist Schnaps ist Brand, Wasser oder Geist

Susann Singer zeigt uns, wie sie Obst verarbeiten, das nicht frisch verkauft wird. Wir staunen über sortenreine Apfelbrände wie Gravensteiner und rümpfen die Nase über den Bärlauchschnaps. Wir erfahren, wie fränkischer Whisky und Wodka hergestellt werden und warum Schnaps nicht gleich Schnaps ist. Ein Brand wird aus vergorenem Obst hergestellt. Bei Zwetschge und Kirsche darf er "Wasser" heißen. Und ein "Geist" ist wieder etwas anders: Gibt es wie bei Nüssen wenig Frucht, wird diese mit Neutral-Alkohol übergossen. Wenn er das Aroma angenommen hat, wird er gebrannt. Dann eiskalt serviert und und ex? Jetzt rümpft Edelbrandsommeliere Susann Singer die Nase: "Nee. Das war früher so, als man alles, was man nicht so verkaufen konnte, gebrannt hat."


Richtig schnäpseln: So geht's

Heute wird guter Schnaps bei Zimmertemperatur serviert und man schnuppert erst mal ins Glas. Riecht's aromatisch-fruchtig, passt die Qualität: Es wurde beim Brennen nur der gute Mittellauf abgefüllt. "Bei stechendem Geruch ist ein Fehler im Destillat, da ist beispielsweise Vorlauf mit drin." Riecht's dumpfig, wurde Nachlauf mitabgefüllt. Aha! Susann Singer muss jetzt aber weiter. Im Hof hat ihr Sohn Kisten mit Zwetschgen und Birnen gestapelt, die sie als Frischware zur Absatz- und Verwertungsgenossenschaft AVG fährt. Wir laufen hinterher: Die Obstmarkthalle ist gleich gegenüber.


So kommt das Obst aus der Fränkischen in den Einzelhandel

Über den Zusammenschluss können regionale Erzeuger ihr Obst verkaufen. AVG-Geschäftsführer Dirk Doppelstein erklärt, die Früchte gehen dann z.B. an Großmarkthändler, die Stände am Nürnberger Obstmarkt beliefern. Oder sie werden über die Franken Obst vertrieben, die von den Erzeugergemeinschaften Mittelehrenbach, Igensfeld und Pretzfeld gegründet wurde, um neue Absatzwege zu erschließen. Ach so! Auf diese Weise kommen die Früchte aus der Fränkischen Schweiz also in die Regale von Einzelhandelsketten und Discountern wie Aldi.

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