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Forchheim
Soziales Projekt

Tizia Schuster trägt die Hoffnung am Rücken

Einen Studienplatz für Medizin zu bekommen, ist trotz guter Abitur-Note schwer. Tizia Schuster aus Forchheim hat eine berufsspezifische und nützliche Beschäftigung gewählt, um die sechsmonatige Wartezeit zu überbrücken.
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Tizia Schuster hat sich an ihrem ersten Arbeitstag in Ghana um den vier Monate alten Benjamin gekümmert. Foto: privat
Tizia Schuster hat sich an ihrem ersten Arbeitstag in Ghana um den vier Monate alten Benjamin gekümmert. Foto: privat
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Armut, Kriege, Ebola. Es gibt verlockendere Auslandsziele als den afrikanischen Kontinent. Vor allem für einen Teenager. Doch genau diesen Ort hat sich Tizia Schuster kurz nach bestandenem Abitur ausgesucht. Nicht, um Urlaub zu machen, sondern, um den Menschen zu helfen. Bis Anfang Dezember wird die 18-Jährige in Ghanas Hauptstadt Accra im Einsatz sein. Im Anschluss sind drei weitere Monate in Südafrika geplant.

Warum sind Sie in Ghana?
Tizia Schuster: Ich habe im Juni mein Abi gemacht und will Medizin studieren. Da ich aber für dieses Semester keinen Studienplatz bekommen habe, wollte ich etwas Sinnvolles mit meiner Zeit anfangen.

Was genau machen Sie dort?
Über die Organisation Praktikawelten arbeite ich bei der Calvary Stars Academy mit.
Das Projekt, bei dem ich eigentlich mitwirken sollte, hat plötzlich keine Freiwilligen mehr gebraucht. Ich wäre in den Slums gewesen. Im Haus, in dem ich wohne, ist ein Mann, der dort war. Er sagt, er habe nie etwas machen müssen. Jetzt bin ich in einer Schule. Hier werden zwar keine Straßen-, aber doch sehr arme Kinder unterrichtet.

Wie lange haben Sie vor zu bleiben?
Bis zum 1. Dezember werde ich in Accra sein. Dann fliege ich weiter nach Kapstadt. Dort möchte ich bis zum 1. März in einem Krankenhaus arbeiten. Insgesamt werde ich also ein halbes Jahr unterwegs sein.

Haben Sie bereits Auslandserfahrung?
Als ich 15 war, habe ich ein Jahr an einer High School in Columbia im US-Bundesstaat South Carolina verbracht.

Eines der am schlimmsten vom Ebolafieber betroffenen Länder, Liberia, liegt nicht weit entfernt. Haben Sie keine Angst, sich anzustecken?
Wer hat das nicht? Die Organisation hat uns schon zu einem Krisentreffen bestellt. Alle Deutschen mussten sich auf der Internetseite des Auswärtigen Amts registrieren, damit im Fall der Fälle klar ist, wie viele Freiwillige evakuiert werden müssen. Durch diese Vorsichtsmaßnahmen fühlt man sich schon einigermaßen sicher. Es ist immer möglich, dass etwas passiert, aber davon darf man sich die schöne Zeit nicht versauen lassen.


Die Ankunft

Ich war noch nie in Afrika, daher ist alles neu für mich. Eine andere Welt. Ich wurde mit vier anderen Freiwilligen von der Organisation am Flughafen abgeholt. Zu acht haben wir uns in einen mit Koffern vollgestopften Minibus gequetscht. Ich war völlig fertig von der Reise und weil mein Koffer nicht angekommen war. Wahrscheinlich ist beim Umsteigen in London etwas schiefgegangen.

Schon die Fahrt war ein Erlebnis: vorbei an einem Berg brennender Autoreifen. Und alle Betreuer taten so, als wäre es das Normalste der Welt. Die Straße, in der wir wohnen, ist ein Feldweg. Er hat sich im Regen in ein Schlammloch verwandelt, mit unzähligen Schlaglöchern, durch die wir geschleudert wurden.

Die ghanaische Fahrweise ist ziemlich rasant. Wenn es mal nicht schnell genug geht - also immer - wird gehupt. Aber nicht einmal, sondern gleich zehn Minuten am Stück. Als eine Ampel rot war, sind Frauen mit großen Platten auf den Köpfen auf die Straße gestürmt. Sie sind von Fenster zu Fenster gelaufen und haben Essen, das aussieht wie Klöße, angeboten. Das Haus, in dem ich mit fast 30 Leuten wohne, ist riesig und eher zweckmäßig.


Die Stadtrundfahrt

Mit unserer Koordinatorin Evelyn haben wir eine Stadtbesichtigung gemacht. Zuerst sind wir in "Trotros" gefahren, uralte Kleinbusse, in die sich bis zu 18 Menschen quetschen. Da Sicherheitsgurt ein Fremdwort ist, war ich jedes Mal froh, wenn wir heil ausgestiegen sind. Alles wird auf dem Kopf transportiert. Egal ob riesige Plastikwannen oder Schalen mit Getränken und Obst. Auch die Einkäufe im Supermarkt. Das wird von klein auf so geübt.

Wir waren auch auf einem Künstlermarkt. Alle wollten uns an ihren Stand zerren. Weiß ist hier das Äquivalent zu reich. Wenn man auf der Straße läuft, hupen ständig Autos und Männer schreien irgendwas auf der Landessprache Twi aus dem Fenster.

Wir haben auch das Meer gesehen. Aber was ich mir als Traumstrand vorgestellt hatte, war nichts anderes als eine stinkende Mülldeponie. Und dazwischen spielten kleine Kinder. Das Leben findet draußen statt. Es ist so laut und bunt auf den Straßen. Auf dem Gehsteig hat sich ein Mann die Haare rasieren lassen. Mittlerweile haben wir auch das Wichtigste bekommen: afrikanische Sim-Karten.

Es gab bereits einen kurzen und einen langen Stromausfall. Auf dem Weg zum Flughafen, um meinen verlorenen Koffer zu holen, habe ich gemerkt, dass ich meinen Pass und ein Formular im Haus vergessen habe. Also war umkehren angesagt.


Der erste Arbeitstag

In der Grundschule mit angeschlossener Kinderkrippe und Kindergarten waren wir zuerst in einer Gruppe Ein- bis Zweijähriger: super süß. Überraschenderweise aber auch sehr schüchtern. Sie haben uns mit großen Augen und offenen Mündern angestarrt. Nach einer Weile hat sich das aber gegeben. Wir haben zusammen gemalt und ein Heft angeschaut, mit dem sie das Alphabet lernen sollten - in diesem Alter vielleicht keine ganz so eine sinnvolle Idee.

Die Kinder verstehen kein Englisch. Essen, Trinken und aufs Klo gehen klappt aber auch mit Zeichensprache ganz gut. Nachdem wir sie gefüttert hatten, haben sie Mittagsschlaf auf Strohmatten auf dem Boden gehalten. Für uns haben die Kollegen extra gekocht. Die Schulkinder haben zumindest etwas anderes gegessen als wir.


Der kleine Benjamin

Benjamin ist erst vier Monate alt, muss aber auch schon in die Krippe, weil seine Mama arbeitet. Ich hatte ihn den ganzen Tag auf dem Arm. Er schreit pausenlos, aber ich glaube, das liegt nicht an mir. Afrikanische Frauen tragen ihre Babys in bunten Tüchern, die sie zu Tragetaschen binden, auf dem Rücken. Genau so hat mir eine Lehrerin Benjamin umgeschnallt. Der Kleine hat meinen ganzen Rücken vollgesabbert, aber das war mir unter diesen Umständen ziemlich egal.

Die älteren Kinder kamen auf uns zugestürmt. Sie haben uns angehimmelt und sind um uns herumgehüpft. Wir waren eine echte Attraktion. Jeder wollte uns berühren und unser Freund sein.

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