Egloffstein

Tagespflege in Mostviel: Rettung in letzter Sekunde

Das Aus für die Tagespflege in Mostviel war im Grunde schon beschlossen. Jetzt hat sich die Diakonie mit dem Vermieter aber doch noch einigen können.
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Matthieu Viel (r.) kann sich in Mostviel auch in Zukunft den Bedürfnissen der älteren Menschen widmen.  Fotos: Malbrich
Matthieu Viel (r.) kann sich in Mostviel auch in Zukunft den Bedürfnissen der älteren Menschen widmen. Fotos: Malbrich
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"Zeit für Leben" steht auf den blau-violetten Fahnen, die vor dem zweistöckigen verwinkelten Haus in Mostviel wehen. Es hätte aber nicht viel gefehlt, und am 30. April wäre hier sämtliches Leben erstorben. Die Diakonie hatte sich überlegt, den Mietvertrag nicht zu verlängern. Das hätte das Aus für die dortige Tagespflege bedeutet.

In quasi letzter Sekunde konnten sich jetzt aber Mieter und Vermieter einigen und das drohende Unheil abwenden. "Wir haben alle geweint vor Glück. Es ist ein richtiger Freudentanz. Nach zwei Wochen voller schlafloser Nächte sind wir überglücklich, dass es doch noch so gekommen ist", freut sich Irmgard Ginzel. Kurz zuvor hatte sie die Nachricht bekommen, dass beide Parteien den Vertrag unterzeichnet haben.

Die Tagespflege in Mostviel hat die 58-Jährige aufgebaut: "Jetzt können wir am 1.
Juni doch unser schon lange geplantes fünftes Jubiläum feiern", sagt sie. Allen fiel gestern ein riesiger Stein vom Herzen: den 16 Pflegekräften, Hauswirtschaftlern, Köchen und Fahrern. Angefangen hatte alles damit, dass die Pflegeverträge mit den Angehörigen gekündigt worden sind.

"Vorsorgliche Kündigung" nannte sich das, und fällig werden sollten diese am 30. April 2014. An diesem Tag sollte auch der Vertrag zwischen dem Vermieter und der Diakonie auslaufen.

Panik bei den Mitarbeitern

"Eines Morgens hat eine Angehörige angerufen und gesagt, dass ihre Mutter nur noch bis Ende April hier ist.
Der Vertrag sei gekündigt worden", erinnert sich Melanie Leufgen. Sie ist Pflegerin in der Tagesstätte.

Viele Gedanken hat sie sich zunächst darum nicht gemacht. Das änderte sich, als sie eines der Schreiben zu Gesicht bekam, das die Diakonie zuvor an die Angehörigen verschickt hatte. Mit dem Wort "Panik" beschreibt Altenpfleger Matthieu Viel die anschließende Stimmung. Was geschieht mit uns, was ist mit den Arbeitsplätzen?

Wo sollen die alten Menschen hin? Halten sie in dem Zustand eine längere Fahrt aus? Wie soll es werden, wenn die Menschen aus ihrer gewohnten Umgebung und dem geregelten Tagesablauf herausgerissen werden? - diese und andere Fragen schossen den Pflegern durch den Kopf.

Unterschriften gesammelt

Aber Aufgeben kam nicht infrage. Monika Mrotzek beispielsweise hat Unterschriftenlisten ausgelegt. In Tankstellen, Apotheken, Kirchen oder Kindergärten informierte die 54-Jährige über die Lage. "Was sollen wir Angehörigen tun, wenn wir diese Möglichkeit nicht mehr haben?", fragte Mrotzek.

Ihr Ehemann ist vor zwei Jahren nach einem Hirnabszess von heute auf morgen zum Pflegefall geworden. Einmal in der Woche ist er in der Tagespflege, zwei Mal im Plauderstübchen, am Nachmittag. In Mostviel weiß Monika Mrotzek ihren Mann gut betreut. "Es ist schwierig, eine andere Tagespflege zu finden", weiß Mrotzek.

Die Stunden, in der ihr Mann in Mostviel untergebracht ist, nutzt sie selbst für Behördengänge oder Arztbesuche. Besorgt war auch Margitta Arzberger, die das Vorgehen der Diakonie mit "hoffen, denken, glauben" betitelt und eher als Hinhaltetaktik verstand. Vor allem die "vorsorgliche" Kündigung stieß ihr sauer auf. "Die Angehörigen können auch nicht rein vorsorglich ihre Jobs kündigen, um zu pflegen und am anderen Tag doch in der Arbeit zu sein", ärgerte sich Arzberger.

Ihre 93-jährige Mutter ist in Mostviel: "Die Angehörigen können in der Zeit etwas erledigen, putzen oder einfach einmal eine Stunde für sich haben", erklärt die 54-Jährige.
Dann gab es eine weitere schriftliche Aussage. Dort stand, dass die Pflegekräfte für den Fall des Aus in Mostviel in anderen Einrichtungen Arbeit bekommen. In Arzberger ließ das einen Verdacht wachsen: "Wollen sie das Tageszentrum überhaupt aufrechterhalten?"

Vertrag über zehn Jahre

Wollen schon, wenn die vielen Unsicherheiten nicht gewesen wären - auf beiden Seiten. Der Mieters ist die Diakonie. Der Vermieter ist Siegfried Senfft aus Egloffstein, der in Mostviel aufgewachsen ist.

Das Haus ist sein Eigentum. Er hat es vor sechs Jahren nach einem einjährigen und etwa 800 000 Euro teuren Umbau an die Diakonie vermietet. Den Quadratmeter für weniger als zwei Euro. Scheune und Parkplätze überlässt er der Diakonie kostenlos. Es handelt sich um einen Zehn-Jahres-Vertrag.

Die Diakonie hatte gleichzeitig die Option, nach fünf Jahren auszusteigen. Oder anders gesagt, die Diakonie hätte im April vergangenen Jahres an Siegfried Senfft herantreten müssen, um den Vertrag zu verlängern.

Hat sie aber nicht. Im Mai 2013 traf dann bei Senfft ein Schreiben ein. Aufgrund gesetzlicher Auflagen hinsichtlich des Brandschutzes im Gebäude seien Baumaßnahmen nötig. "Ein Rettungsweg, eine zusätzliche Tür wegen möglicher Rauchentwicklung oder Glasbausteine im Versorgungsraum", nennt Senfft einige der Maßnahmen. Verbunden wären damit Kosten gewesen, wohl zwischen 50 000 und 120 000 Euro.

"Das waren Vorschriften wie in einem Altenheim, obwohl hier nachts niemand drin ist", sagt Senfft. Der Vermieter würde gern einen auf weitere fünf Jahre festen Mietvertrag haben. Im Gegenzug würde er die Kosten komplett übernehmen.

Den Vorstellungen der Diakonie entsprach dieses Angebot dagegen nicht. Sie bestand auf eine Kündigungsrecht nach 15 Monaten. Auf der anderen Seite wäre die Diakonie bereit gewesen, einzelne Baumaßnahmen mit bis zu etwa 50 Prozent finanziell mitzutragen.

Hohe Betriebskosten

Man habe vorsorgen wollen für den Fall, dass der Vermieter nach dem Umbau die Miete erhöhe, sagt Wolfgang Streit. Er ist Abteilungsleiter der Diakonie in Bamberg.
Denn das Tageszentrum sei ein Zuschussgeschäft, rote Zahlen in der Altenhilfe allgemein nichts Ungewöhnliches, was dann durch die anderen Einrichtungen querfinanziert werde.

In den vier Jahren wurden laut Streit 500 000 Euro zugeschossen an Betriebskosten, Miete und Personal. "Die Personalkosten sind ein wesentlicher Faktor, da nach Tarif bezahlt wird. Trotzdem ist die Altenhilfe ein diakonischer Auftrag. Wir müssen keinen Gewinn machen, doch einen ausgeglichenen Haushalt", sagt er.

Deshalb auch das Interesse an einer kürzeren Kündigungsfrist. Die Altenhilfe - ein Draufzahlgeschäft? Dazu gehört auch das Essen. Das "Essen auf Räder" für alte Menschen, aber auch fünf Kindergärten, vier Schulen und zwei offene Mittagstische versorgen die Mostvieler. "300 Essen bereiten wir zu", sagt Christine Ebenhack, Hauswirtschafterin im Tageszentrum. Doch auf der anderen Seite findet Streit es schwierig, beispielsweise den Preis für das Essen zu erhöhen. Wie sollen das die älteren Menschen mit der geringen Rente bezahlen? "Tagespflege wird immer rote Zahlen schreiben", glaubt Streit.

Die Verhandlungsgespräche liefen jedenfalls auf Hochtouren - mit Erfolg. "Jeder hat den letzten Schritt und Zugeständnisse gemacht", sagt Streit. So verzichtet die Diakonie auf die Möglichkeit, nach 15 Monaten den Mietvertrag kündigen zu können.
Im Gegenzug versprach Vermieter Senfft, die Miete in den kommenden fünf Jahren nicht zu erhöhen. Die Kosten für den Umbau übernimmt Senfft komplett.

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