Baiersdorf
Gottesdiensttest

St. Nikolas in Baiersdorf erinnert an die jüdischen Wurzeln

Beim Besuch der Kirchengemeinde in Baiersdorf erinnert Pfarrerin Barbara Hertel-Ruf die christliche Glaubensgemeinschaft an deren spirituelle Herkunft.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Kirche St. Nikolaus im Ortszentrum von Baiersdorf steht für eine lange Tradition: Der evangelische Glaube ist in der Stadt seit 1525 verwurzelt, das Dekanat Baiersdorf wurde 1558 gegründet.  Foto: Ekkehard Roepert
Die Kirche St. Nikolaus im Ortszentrum von Baiersdorf steht für eine lange Tradition: Der evangelische Glaube ist in der Stadt seit 1525 verwurzelt, das Dekanat Baiersdorf wurde 1558 gegründet. Foto: Ekkehard Roepert
+5 Bilder

Das Urteil unseres Testers:

Ein Gottesdienst, der musikalisch (etwa bei der gesanglichen Darbietung des 113. Psalms) und dank der treffenden Lesungen gelingt. Und der daher gewiss mehr Besucher verdient hätte, als 19 erwachsene Gläubige und vier Konfirmanden. Barbara Hertel-Rufs Predigt krönt den Israel-Tag. Selten wird das den Christen so eindrucksvoll bewusst gemacht: "Jesus steht auf dem Boden des jüdischen Gottesglaubens. Die Liebe zu Gott ist eine Antwort auf Gottes Liebe zu uns. "

Die Bewertungen im Einzelnen:

1. Einstieg

Mit einem Bach-Stück in den Gottesdienst - ein protestantischer Klassiker. Der Organist zieht die richtigen Register für einen mitreißenden, feierlicher Gottesdienst-Beginn.

2. Musik Der Organist beherrscht sein Instrument. Die Liedauswahl beginnt mit einem Text, der den nicht gerade zahlreichen Gottesdienstbesuchern (23) leicht von den Lippen geht: Kommt herbei, singt dem Herrn. Schwierig an der musikalischen Gestaltung: Auf der Liedertafel werden Texte genannt ohne klar zu machen, ob sie aus dem Liederheft für die Gemeinde stammen oder aus dem evangelischen Gesangbuch.

3. Lesung/Evangelium

Es ist Israel-Sonntag, im Gottesdienst wird daran erinnert, dass Jesus Jude war und uns lehrt, "den jüdischen Glauben zu achten". Die Gläubigen werden auch mit einem in der Kirche sichtbaren Hinweis daran erinnert, dass die Wurzeln des christlichen Glaubens im Judentum verankert sind: In Baiersdorf steht links neben dem Altar eine Holzfigur von Mose - die zehn Gebote, die Mose zeigt, sind in hebräischer Schrift verfasst. Das Alte Testament als Wurzel des Christentums wird also in Mose personifiziert vergegenwärtigt. Auch der Lektor schlägt mit klarer Stimme die Brücke zum Israeltag. Die Lesung verweist auf den Propheten Zacharias und spielt auf die "Vision der vereinten Völker" an. 4. Predigt

Pfarrerin Barbara Hertel-Ruf weist darauf hin, dass sich die Weltversammlung der Religionen erstmals in Deutschland getroffen hat - seit 50 Jahren. Und sie schlägt von dem Thema "Religionen für den Frieden" einen Bogen zur Lesung dieses August-Sonntages: Auch der Prophet Zacharias habe dazu aufgerufen, ein gemeinsames Handeln zu finden. Passend zum Israel-Tag, legt Hertel-Ruf die Bibelstelle (Markus 12) so aus, dass die gemeinsame Wurzel von Judentum und Christentum deutlich wird: In der Begegnung zwischen Jesus und einem jüdischen Schriftgelehrten wird das "höchste Gebot" verdeutlicht: Auf Gott allein zu hören und den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Barbara Hertel-Ruf betont das "Ja Meister, du hast Recht geredet". Mit anderen Worten: Zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten gibt es keinen Dissens. "Jenseits aller theologischen Feinheiten bewegen sich hier zwei auf einer tieferen Ebene", verdeutlicht die Predigerin den Gläubigen. Der Clou dieser Predigt hört sich wie ein Appell an: "Jesus hat mit allen geredet, die seine Nähe gesucht haben. Liebe Gott und deinen Nächsten - mehr braucht es nicht." 5. Kommunion/Abendmahl Viele Gottesdienstbesucher sind es nicht, doch zum Abendmahl kommen sie alle nach vorne. Auch die Abendmahlfeier nimmt Barbara Hertel-Ruf zum Anlass, das Verbindende zwischen Judentum und Christentum hervorzuheben. Als Jesus erstmals Abendmahl feierte, erinnert die Pfarrerin, habe er sich "in die Tradition gestellt und darüber hinaus einen neuen Bund mit Gott geschlossen".

6. Segen Der Text ist kurz und prägnant, das trägt zur Kurzweil des Gottesdienstes bei.

7. Ambiente Der Redestil von Barbara Hertel-Ruf schafft Volksnähe. Ausgesprochen ungezwungen kommt es rüber, wenn die Pfarrerin zum Organisten hinaufruft: "Die nächste Strophe wollen wir auch noch singen." Das schafft ein lockeres Ambiente. Der Organist ruft zurück: "Welche Nummer?" Und aus den Kirchenbänken ruft ein Gottesdienstbesucher: "Neunundfünfzig!" 8. Kirchenbänke Die hölzernen Bänke sind einfach und komfortabel. Angesichts der überschaubaren Besucherzahl (23) muss niemand um Ellenbogenfreiheit kämpfen.

9. Beleuchtung Die Pfarrkirche St. Nikolaus fällt durch eine Zweiteilung der Lichtverhältnisse auf. Im Vergleich zu dem prächtig ausgeleuchteten Altarraum liegen die Kirchenbänke in einem überraschenden Dunkel.

10. Sinne

Der Kirchenraum von St. Nikolaus Baiersdorf bietet eine Vielzahl an sinnlichen Anregungen. Ein sogenannter Kanzelaltar erinnert an das lutherische Verständnis von der Gleichwertigkeit des Wortes und des Sakramentes. Zu den vielen sinnlichen Kostbarkeiten dieser Kirche gehört auch ein Abendmahlsrelief über dem Altartisch, das aus dem frühen 16. Jahrhundert stammt.

Warum ein Gottesdiensttest?

Die Ergebnisse unserer Gottesdiensttests, das wissen wir, sind rein subjektiv. Warum dann dieser Test? Weil wir glauben, dass es eine Diskussionsbasis braucht, um Kirche und Bürger wieder näher zusammenzubringen. Und weil wir denken, dass Kirche und Glaube nicht weiter auseinanderdriften sollten.

Wir freuen uns deshalb auf den Dialog mit Kirchenvertretern, Gläubigen und allen Menschen, die uns ihre Meinung zu diesem wichtigen Thema mitteilen wollen. Schreiben Sie uns: redaktion@infranken.de Alle Berichte unserer Serie finden Sie auf unserer Übersichtsseite zum Gottesdiensttest. Dort finden Sie auch ausführliche Infos.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren