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Sportwetten

Zocken vom Spielfeldrand

Ein größer werdendes Angebot und immer niedrigere Ligen: Der Markt für Fußball-Wetten boomt wie nie zuvor, inzwischen geht es bis in die Bayernliga hinab. Vereine und Verband müssen hilflos zusehen.
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Das Sportwetten-Angebot breitet sich immer mehr aus. Inzwischen haben fast alle Wettanbieter die Regional- und Bayernliga im Angebot, teilweise auch als Live-Wetten. Die Vereine sehen der Entwicklung machtlos entgegen, wie die folgende Umfrage zeigt... Illustration: Michael Karg
Das Sportwetten-Angebot breitet sich immer mehr aus. Inzwischen haben fast alle Wettanbieter die Regional- und Bayernliga im Angebot, teilweise auch als Live-Wetten. Die Vereine sehen der Entwicklung machtlos entgegen, wie die folgende Umfrage zeigt... Illustration: Michael Karg
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Der Fußball-Wettmarkt hat praktisch immer geöffnet, auch an diesem Donnerstag, gegen 10 Uhr morgens. Wer sein Geld in Sportwetten investieren möchte, findet immer etwas: Vietnamesischer U21-Fußball, der Pokalwettbewerb aus Kambodscha oder Freundschaftsspiele ozeanischer Amateur-Klubs. Es gibt praktisch keine Zeit, zu der nicht irgendein Fußball-Spiel auf der Welt stattfindet und auch getippt werden kann. Mit Auswüchsen, die auch den fränkischen Fußball betreffen.

Der Wettmarkt ist ein Lehrstück von Angebot und Nachfrage, er ist großes Business - inzwischen auch in Deutschland, das seit der Lockerung des Wett-Monopols vor über vier Jahren und auch schon davor enorme Zuwachszahlen verzeichnet.
Fünf bis acht Milliarden Euro werden in Deutschland bei in- und ausländischen Anbietern jährlich umgesetzt - so schätzt es auch der frühere Leiter des Fifa-Frühwarnsystems, Wolfgang Feldner, ein (siehe Interview). Eine Vervielfachung dessen, was einst der einzige offizielle Anbieter Oddset am damals noch weitgehend "ent-mobilisierten" Wettmarkt einspielte.


Aus der Südsee in die Bayernliga

Neben nichtssagenden Exoten-Ligen und der ganz großen Fußball-Bühne sind es mittlerweile auch fränkische Vereine, die immer mehr ins Schaufenster internationaler Wettanbieter rücken. Auf die Regionalliga- und Bayernliga-Klubs verzichtet inzwischen kaum einer mehr. Ob es den Vereinen passt oder nicht. Gefragt wurde niemand, die Spiele sind nun dabei, können von Menschen auf der ganzen Welt getippt werden - hin und wieder auch als Live-Wette, simultan zum Spielgeschehen.

Bedauerlicherweise auch von denen, die selbst involviert sind. Mit dem Smartphone ist binnen Sekunden eine Wette platziert. Der Schritt zur Manipulation ist wohl nicht allzu groß, besonders dort, wo keine Dutzend Kameras zusehen, der Spieler vielleicht Benzingeld erhält, aber kein Millionengehalt einstreicht.


Verband sind Hände gebunden

Das ist nicht nur für die Vereine ein Problem, auch der Bayerische Fußball-Verband (BFV) sieht der Entwicklung machtlos entgegen: "Als Landesverband haben wir keine Einflussmöglichkeiten auf das Wettangebot", sagt Pressesprecher Thomas Müther: "Wir sehen mit Sorge, dass sich der Sportwettenmarkt auch auf tiefere Ligen und Spielklassen im Amateurfußball ausweitet."

Die Wettauswahl beschränkt sich dabei nicht nur auf Sieg, Niederlage oder Unentschieden; wer mag, kann auch die Anzahl der erzielten Tore tippen, wer zur Halbzeit führt, die meisten Ecken ausführt oder den ersten Einwurf zugesprochen bekommt. Keine Wette scheint zu abwegig, um sie nicht doch aufzunehmen. Selbst bei Spielen, bei denen teilweise 16-Jährige auf dem Platz stehen, wie etwa in der U19-Bundesliga.


Wirkungsloses BFV-Dokument

Um nicht völlig handlungsunfähig zu sein und wenigstens sportjuristisch urteilen zu könnnen, hat der BFV den Regionalliga-Vereinen einen Blanko-Wisch bereitgestellt. Jeder Spieler wird darin aufgeklärt, dass er nicht auf Spiele seines Teams oder auf Partien dieser Liga tippen darf - auch nicht über Dritte. Wer nicht unterschreibt, darf nicht spielen. Wer es doch tut und dagegen verstößt, muss mit Strafen rechnen - vom Vereinsausschluss über Geldstrafen bis zur lebenslangen Sperre durch den Verband ist vieles denkbar.

Das Dokument hilft zwar ein wenig den Vereinen und dem Verband, beseitigt aber das Kernproblem nicht: Einer möglichen Wett-Manipulation stehen weiterhin Tür und Tor offen. Außerdem ist das BFV-Dokument ausschließlich für Regionalliga-Vereine bindend, die Bayernligisten müssen in erster Linie selbst mit der Problematik klar kommen: "Selbstverständlich sensibilisiert der BFV auch die Vereine unterhalb der Regionalliga für das Thema. Unabhängig von der Spielklasse ist jede Art der Spielmanipulation in der Rechts- und Verfahrensordnung des BFV unter Strafe gestellt", sagt Müther.


Keine Manipulation festgestellt

Mögliche Verdachtsmomente würden vom BFV konsequent verfolgt, der Nachweis einer Spielmanipulation konnte bislang aber nie erbracht werden. "Es sind in den letzten Jahren vereinzelt Meldungen eingegangen, vom zugesagten Freibier bis hin zum anonymen Schreiben. Der BFV hat jeden Hinweis ernstgenommen und konsequent untersucht", sagt Müther: "Die Informationen bei Spielen mit Wettmöglichkeiten haben wir auch an Sportradar weitergegeben und um eine Überprüfung gebeten. Es wurden bisher keine Manipulationen festgestellt."

Die Sportradar AG ist eine unabhängige Firma und überwacht seit 2005 im Auftrag des DFB und der DFL den deutschen Fußball bis hinab in die Oberligen anhand auffälliger Quotenveränderungen bei hunderten Buchmachern weltweit. Nicht nur im Fußball, auch in anderen Sportarten. Schließlich ist es nicht nur die in Deutschland dominierende Mannschaftssportart Fußball, die sich anfällig für Manipulation gezeigt hat. Betrug und Einflussnahme sind gerade in Einzelsportarten, die in der öffentlichen Wahrnehmung keinen großen Raum einnehmen, relativ einfach durchzuführen - wie Aufdeckungen etwa im Tennis oder Snooker bewiesen haben.


Wolfgang Feldner im Interview: "Ein fauler Apfel darf nicht den ganzen Korb verderben"

Wolfgang Feldner war über 20 Jahre Marketingleiter der Staatlichen Lotterieverwaltung Bayern, von 1998 bis 2006 parallel Projektleiter für den Aufbau und die Weiterentwicklung der Sportwette Oddset. Danach wechselte der Mittelfranke zur Fifa nach Zürich und war dort von 2007 bis 2012 als Head of Strategy bei der "Fifa - Early Warning System" angestellt. Der 53-Jährige zeichnete sich für den Aufbau und den Betrieb des Fifa-Frühwarnsystems zur Bekämpfung von Spielmanipulationen verantwortlich. Auch heute noch ist er in beratender Funktion für Verbände, Organisationen und Vereine tätig.

Herr Feldner, betrügt ein Spieler, der auf den Sieg seiner eigenen Mannschaft wettet?
Wolfgang Feldner: Er macht sich auf jeden Fall ethisch angreifbar. Ich habe das selbst anfangs nicht verstanden, aber sobald ein Spieler auf sich selbst tippt, gerät er in ein gewisses Dunstfeld hinein, nach dem Motto "Heute tippt er noch auf Sieg, morgen vielleicht auf Niederlage". Jeder, der Einfluss hat, sollte die Finger davon lassen. Es ist beispielsweise auch moralisch anrüchig, wenn ein Konzernchef aufgrund seines Insiderwissens eigene Unternehmens-Aktien kauft. Nichtsdestotrotz wird es in der Realität oftmals so gemacht. Es ist immer ein Geschmäckle dabei, wenn ich als Involvierter mein Wissen einsetze. Man weiß eben mehr als ein Außenstehender, etwa bei der Aufstellung. Und das verhilft zu einem Vorteil. Es ist schwierig, hier eine Grenze zu ziehen. Von daher ist es am besten, auf eigene Spiele überhaupt nicht zu tippen.

Ist es verwerflich, dass Amateurspiele - deutsche wie ausländische - überhaupt angeboten werden?
Ob einem das gefällt oder nicht, mit Jammern kommt man nicht weiter. Es ist Fakt, dass diese Spiele angeboten werden. Die Versuche, auf Gesetzeswege dagegen vorzugehen, sind bislang gescheitert. Auf die Wettanbieter in Deutschland gibt es noch bedingten Einfluss, zum Beispiel über Genehmigungen. Im Ausland ist mit politischer Lobbyarbeit aber Schluss. Ein Verbot bringt wenig, es verlagert die Wetten nur - zu anderen legalen Buchmachern oder in den illegalen Markt.

Das Thema auszusitzen, wird also nichts bringen?
Nein, jeder muss sich mit der Materie auseinandersetzen - egal ob Verbände, Funktionäre oder Spieler. Als Schutz bleibt nur Prävention, der Bereich Aufklärung ist entscheidend; nicht nur über die sportlichen Folgen, auch beruflich. Wer steht schon gerne als Betrüger vor seinem Arbeitgeber? Mir ist aber auch klar: Viele Vereine haben im Tagesgeschäft andere Probleme, da liegt vieles näher, die finanzielle oder sportliche Situation - das abstrakte Problem Sportwetten scheint weit weg zu sein. Ist es aber nicht. Jeder Verein muss möglichen Einflussnahmen entgegenwirken. Wer im semiprofessionellen Segment unterwegs ist, muss auch diesen Weg mitgehen. Überall, wo Wettmanipulation stattgefunden hat und der Verein namentlich benannt wurde, hatte es massive Auswirkungen auf den Klub, mit einem nachhaltigem Imageschaden über viele Jahre hinweg.

Alle bayerischen Regionalliga-Spieler müssen unterschreiben, nicht auf eigene Spiele oder Partien dieser Liga zu tippen. Was bringt so ein Dokument?
Es kann sich schon mal keiner herausreden, er hätte von nichts gewusst. Alleine das Bewusstsein zu schärfen, dass man damit Unrecht begeht und belangt werden kann, ist ein erster Schritt. Aber: Wer korrupt veranlagt ist und betrügen möchte, der lässt sich mit keinem Schreiben dieser Welt davon abhalten. Die Mannschaften bestehen zum Teil aus blutjungen Leuten, jeder ist mit einem Smartphone ausgestattet. Und die Technik macht es möglich, blitzschnell eine Wette zu platzieren. Wofür man früher in eine Lotto-Annahmestelle gehen oder einen Computer besitzen musste, genügt heutzutage ein Handy. Es ist doch klar: Bei Tausenden von Involvierten im deutschen Amateurfußball gibt es leider manch faulen Apfel, man muss nur aufpassen, dass sie nicht den ganzen Korb verderben. Genau deswegen ist Aufklärung so wichtig, miteinander reden hilft immer.

Es ist möglich, auf ein Bayernliga-Spiel dreistellige Beträge zu tippen. Gibt es in dieser Liga eine allgemeine Obergrenze bei den Einsätzen?
Nein, jeder Wettanbieter legt seine Limits selbst fest, meist gebunden an das Risiko. Ist wenig Liquidität im Spiel, ist die Obergrenze relativ niedrig. Wenn eine Wette gedeckt ist, steigt auch das Limit. Ein Beispiel: Ein Buchmacher wird vermutlich auch eine 1000-Euro-Wette auf einen Heimsieg bei einem Bayernliga-Spiel annehmen, insofern schon ausreichend Einsätze auf einen Auswärtssieg oder ein Unentschieden getätigt wurden. Der Buchmacher wird die Obergrenze immer so festlegen, dass er nicht drauflegt. Allgemeingültige Zahlen gibt es aber nicht, kein Wettanbieter lässt sich in die Bücher schauen.

Also weiß auch keiner, wie viel Geld bei einem Spiel im Markt steckt?
Genau, das bleibt im Dunkeln, die absoluten Zahlen sind unbekannt, auch für die, die den Wettmarkt überwachen. Natürlich sind aber bei einem Spiel der Champions League weltweit ein Vielfaches an Einsätzen im Umlauf als bei einer Bayernliga-Partie.

Und wie ist eine mögliche Manipulation dann überhaupt ersichtlich?
Auf den ersten Blick gar nicht. Erste Indizien sind auffällige Quotenbewegungen, wobei auch dies in den Amateurklassen keinesfalls ein pauschales Urteil erlaubt: Da es vergleichsweise wenig Umsatz gibt, können schon relativ geringe Einsätze zu deutlichen Quotenbewegungen führen. Nur, weil sich in niedrigen Ligen die Quote auffällig ändert, heißt es nicht, dass Manipulation im Spiel ist.

Aber es wäre ja zumindest ein Indiz, dass etwas faul sein könnte?
Ein Indiz ja, mehr aber auch nicht. In diesem Fall wird von einem Überwachungsdienstleister wie z.B. Sportradar ein Alarm ausgelöst, der beim Verband landet, welcher wiederum weitere Schritte einleiten sollte. Und dann ist eine investigative Recherche gefordert: Sind die gleichen Mannschaften, Spieler oder Schiedsrichter betroffen? Gab es bei vorherigen Spielen schon Auffälligkeiten? Das sind etwaige Ansätze. Ein Manipulator kann seine Einsätze allerdings auch über wechselnde Dritte abwickeln. Und diese Verbindungen zwischen den Personen herzustellen, ist enorm schwierig, die Verbände sind damit verständlicherweise überfordert. Letztendlich geht es in die Polizeiarbeit hinein, worauf ein Verband sowieso keinen Zugriff hat.

Wie ist ein Beweis dann überhaupt zu erbringen?
Es gestaltet sich sehr schwierig. In England müssen Pferde-Jockeys ihre Handynummer angeben, auch die Einwilligung, im Verdachtsfall alle Verbindungsnachweise offenzulegen. Das greift in den Persönlichkeits- und Datenschutz ein, in Deutschland wäre dies wohl gar nicht möglich. Oft ist nur über solche Maßnahmen eine Beweisführungskette möglich.

Das klingt irgendwie düster...
Man darf es aber auch nicht dramatisieren. Die Wette auf die nächste gelbe Karte in der Regional- und Bayernliga ist, glaube ich, derzeit noch nichts für mafiös organisierte Betrüger. Um richtig Geld zu machen, sind diese Wettformen der untersten angebotenen Ligen eher uninteressant, es fehlt meist an der Liquidität im Wettmarkt. Da kann ein Spieler mal einen 100er "machen". Das ist nicht die Art von organisierter Manipulation, die das System gefährdet.

Systemgefährdend waren die Skandale der vergangenen zehn Jahre aber auch nicht. Und da ging es immerhin um etliche Millionen Euro, inklusive mafiöser Strukturen.
Wir haben in Deutschland keine solche Sportwetten-Tradition wie beispielsweise England, aber einen enormen Boom erlebt. Was zu schnell vorangeht, läuft oftmals heiß. Natürlich haben die bisherigen Skandale kein gutes Licht auf die Branche und den Sport geworfen. Wir neigen aber dazu, immer in Extreme zu verfallen. Für mich sind Sportwetten an sich eine unterhaltsame und emotionale Sache. Es gibt natürlich auch schwarze Schafe, aber die überwältigende Mehrheit sind aufrechte und integere Sportsmänner. Und diese Leute müssen für ihre Werte einstehen und sie vermitteln.

Das Gespräch führte
Tobias Schneider

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