Neustadt an der Aisch
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Wie Mittelfranke Julian Gressel mit Atlanta United die Major League Soccer rockt

Julian Gressel aus Mittelfranken hat sich in seiner ersten Saison in der Major League Soccer als Profi etabliert.
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Julian Gressel bei der "Arbeit": im Trikot von Atlanta United in der Major League Soccer.  Foto: Danny Karnik/dpa
Julian Gressel bei der "Arbeit": im Trikot von Atlanta United in der Major League Soccer. Foto: Danny Karnik/dpa
Die Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär in Amerika ist in etwa so alt wie Christopher Columbus' Trip über den großen Teich. Gut, Tellerwäscher war Julian Gressel nie. Millionär ist er - vermutlich - noch nicht. Aber der 24-Jährige aus Neustadt an der Aisch schreibt gerade eine dieser Geschichten, aus denen in den USA Filme gemacht werden. Mit Atlanta United rockt er die nordamerikanische Major League Soccer (MLS).

Seit knapp zwei Wochen weilt Gressel in der Heimat. Nach gut einem Jahr fand der aufstrebende Jungstar wieder einmal Gelegenheit für die Rückkehr zu den Wurzeln. "Ich freue mich, endlich wieder hier zu sein", sagt er im Gespräch mit unserem Partnerportal anpfiff.info. Zwar verpassten er und seine Mitstreiter im Debütjahr von United die Krönung, unterlagen im Viertelfinale der Eastern Conference gegen Columbus nach Elfmeterschießen, doch gerade für Gressel fand die Serie ein gutes Ende: Mit großem Abstand wurde der einstige Defensivmann des TSV Neustadt und des FC Eintracht Bamberg zum "Rookie of the year" gewählt.

"Für mich war es eine erfolgreiche Saison", konstatiert der bodenständige Mittelfranke, "es freut mich natürlich ungemein, dass meine Leistungen auch außerhalb meines Klubs so aufgenommen wurden und die Leute meine Entwicklung wertschätzen." Für ihn sei die Auszeichnung zum besten Neuling der Liga gar nicht so überraschend gewesen. "Der Klub hat mir das schon einige Tage vorher mitgeteilt", verrät er. Spannender war sein Werdegang zuvor, schließlich erfährt man in Amerika erst kurz vor Trainingsstart, wohin es einen verschlägt.

Geschuldet ist das dem aus dem Basketball und Eishockey bekannten Draft-System, das von der MLS übernommen wurde. Ein eigentlich simples Prinzip, das hierzulande undenkbar ist. Aus einem riesigen Spielerfundus, viele ehemalige College-Kicker und der ein oder andere externe Spieler, der sich zum Draft angemeldet hat, können die Vereine Spieler wählen. Beginnen dürfen die neu in die Liga aufgenommenen Teams, ehe die in der Vorsaison schlechtesten Mannschaften die ersten "Picks" haben.


Gressel war die achte Wahl

Atlanta als Neuling war als Zweiter an der Reihe und sicherte sich durch einen sogenannten Trade mit einem abgegebenen Spieler (nach Orlando) auch noch die achte Wahlmöglichkeit. Da griffen die Macher aus der Fünf-Millionen-Stadt in Georgia zu und nahmen Gressel. "Für mich ein Glücksgriff", sagt er rückblickend. Eine Woche hatte er Zeit, seinen Umzug zu organisieren und dort aufzuschlagen. "Es ist richtig verrückt hier", erzählt er, "die Stadt ist so riesig und du kannst so viel neben dem Fußball machen."

Schnell kristallisierte sich heraus, dass Atlanta in der MLS mehr als nur mithalten kann. Es entwickelte sich ein Hype, die Heimspiele sind mit 40 000 Zuschauern regelmäßig ausverkauft. Und der ehemalige Bundes- und Zweitligakicker Kevin Kratz (Aachen, Braunschweig, Sandhausen) als Mitspieler ist nicht der einzige Deutsche neben Gressel im Stadion: Immer wieder schaut Basketball-Star Dennis Schröder von den Atlanta Hawks vorbei. Der Nationalspieler aus Braunschweig und der Mittelfranke kamen einst via Twitter in Kontakt.

Da er durch Schröder mit Basketball in Kontakt kam, habe er den Vergleich: Während die amerikanische Basketballfans immer mehr in Richtung Eventpublikum tendieren, brennt das heimische Stadion beim Fußball. "Da hat sich eine richtige Fankultur entwickelt. Manchmal ist das besser als beim American Football oder Basketball", findet Gressel, der mit fünf Toren und neun Vorlagen zum guten Abschneiden seines Teams beitrug. "Das war ein guter Einstieg", sagt der 24-Jährige. "Jetzt hoffe ich, dass es so weitergeht und eine lange Karriere vor mir liegt."

In einer seiner ersten Begegnungen stand Gressel sogar Bastian Schweinsteiger gegenüber, der seit vergangenem Jahr für Chicago Fire aufläuft. "Nach dem Spiel haben wir einige Minuten gequatscht", sagt der Bayern-Anhänger, "da hat er gesagt, dass er meinen Weg verfolgen wird." Die Minuten, die Gressel nach den Partien hat, um mit Landsmännern in der Muttersprache zu reden, genieße er. Und es werden immer mehr Deutsche, die in die Fußstapfen von Franz Beckenbauer und Gerd Müller treten: Florian Jungwirth (San Jose), der ehemalige "60er" Stefan Aigner (Colorado), Jermaine Jones (Los Angeles, früher Schalke 04), Fabian Herbers (Philadelphia) und Julian Büscher (Washington) jagen dem Ball ebenfalls in der MLS hinterher.

Ein potenzieller neuer Mitspieler Gressels kommt aus Argentinien. Angeblich zeigt United Interesse am 18-jährigen Juniorennationalspieler Ezequiel Barco, der aus demselben Großraum wie Lionel Messi und Angel di Maria stammt. Am 22. Januar weiß Gressel mehr, denn dann startet die Vorbereitung auf die in der ersten Märzwoche beginnende Serie.

"Ich hätte nichts dagegen, noch zehn Jahre Profi in Amerika zu sein", sagt der 24-Jährige. Sein Traum sei allerdings die Bundesliga, die er - Atlanta ist sechs Stunden zurück - gemütlich beim Frühstück verfolgt. "Im Moment würde ich den FC Nürnberg vorziehen", berichtet der einstige Jugendkicker von Greuther Fürth, wo sein Bruder in der U19 spielt.

Dass Gressel in den USA gelandet ist, liege am System: "Dort kann man höherklassigen Fußball und ein Studium im Gegensatz zu hier perfekt kombinieren", sagt er. Den Schritt bereue er nicht, auch wenn Atlanta im Elfmeterschießen des Viertelfinal-Duells mit Columbus aus den Play-offs ausschied. "Wir haben jetzt schon zwei, drei Neuzugänge und keinen Abgang. Von der Qualität her sind wir eines der besten Teams", ist Gressel optimistisch gestimmt.
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