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Forchheim
Radsport

Rad-Bundestrainer André Korff aus Forchheim: Der Sturz folgte nach der Karriere

In seiner Zeit als Profi fuhr André Korff meist unbemerkt im Peloton. In Forchheim hat er sein Glück gefunden, aber auch einen privaten Rückschlag erlebt.
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André Korff war auf dem Rad stets der Helfer für Teamkollegen. Foto: Archiv
André Korff war auf dem Rad stets der Helfer für Teamkollegen. Foto: Archiv

Beim ersten Gesprächstermin in einem Forchheimer Café ist André Korff entspannt. Die Aufregung um Corona hält er damals für übertrieben. Doch wenige Tage später ist die Welt eine andere. Beim zweiten Gesprächstermin - diesmal über digitale Medien - stuft der 46-Jährige die Lage als sehr kritisch ein. Der gebürtige Erfurter äußert sich über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Radsport, findet aber auch Zeit, um über seinen Freund und Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich, seine Karriere als Radprofi, seinen Job als Rad-Bundestrainer, den Unfall von Kristina Vogel sowie privates Glück und Pech zu sprechen. Um ein Thema kommen wir in diesen Tagen nicht herum. Was sagen Sie zur Corona-Krise? André Korff: Die Situation ist sehr kritisch. Man sollte sich an die Hygienevorgaben halten und Ruhe bewahren. Es geht jetzt vor allem darum, die Sache nicht unnötig eskalieren zu lassen. Auch im Sport gibt es immense Einschränkungen: Fitnessstudios, Schwimm- und Turnhallen und sogar komplette Olympiastützpunkte wurden geschlossen. Das Radfahren hat als Outdoor-Sportart den Vorteil, dass man sich weiter als Einzelsportler an der frischen Luft fit halten kann. Allerdings weiß momentan niemand, wie lange das noch möglich ist.

Aktuell wird über eine Absage der Tour de France diskutiert. Wie schwer würde den Radsport ein Jahr ohne seine wichtigste Veranstaltung treffen?

Wenn die Gesundheit aller Beteiligter nicht gewährleistet ist, führt an einer Absage kein Weg vorbei. Die Tour de France ist - im Gegensatz zu Olympia - jedes Jahr, von daher ist es nicht ganz so tragisch. Für die Sportler, die nur einen begrenzten Zeitraum für ihren Beruf haben, ist es aber ein verlorenes Jahr. Schade wäre ein Absage aus deutscher Sicht für Max Schachmann, der gut drauf ist und ein Kandidat fürs Podium wäre. Blicken wir zurück: Ihr Freund Jan Ullrich erlebte einen rasanten Aufstieg und einen tiefen Fall. Ihre Leben verlief mit deutlichen kleineren Ausschlägen nach oben und unten. Ziehen sich Gegensätze an? Jan und ich sind in Rostock 300 Meter voneinander entfernt aufgewachsen, haben früher alles parallel gemacht. Bis 1995 hatten wir denselben Werdegang: Schule, Radfahren, Sportschule in Berlin. Als Jan 1993 Straßenweltmeister wurde, hat ihm das alle Türen geöffnet, was im Tour-de-France-Gewinn vier Jahre später gipfelte. Ich wurde erst 1998 Profi und hatte meistens eine Helferrolle.

Dass ich meine Karriere in den goldenen Radsport-Jahren hatte, empfinde ich aber als Privileg. Bei Jan Ullrich folgte 2006 mit der Dopingenthüllung der Niedergang. Es ist tragisch, was mit ihm passiert ist. Der Kontakt zu ihm war zwischenzeitlich weg, aber heute kann ich ihn wieder als Freund bezeichnen. Bei Ihnen fanden Höhe- und Tiefpunkt eher vor und nach der Profi-Karriere statt. Bei der Bayern-Rundfahrt 1996 war Forchheim ein Etappenziel. Als Drittplatzierter stand ich auf dem Podium und bekam bei der Siegerehrung von der Forchheimerin Ursula Hoffmann das obligatorische Küsschen auf die Wange. Danach haben wir uns besser kennengelernt und 1998 geheiratet. Im November 2018 erlitt ich völlig überraschend einen Herzinfarkt. Wie kam es dazu? Das wüsste ich auch gern. Ich erfülle keines der typischen Kriterien: Ich rauche nicht, trinke nicht viel Alkohol, habe kein Übergewicht, mache viel Sport und ernähre mich gesund. Am Abend nach einem Weltcuprennen in Kanada, wo ich als Frauen-Bundestrainer dabei war, hat mir der Arm wehgetan. Es ging aber vorbei und ich bin heimgeflogen. Sechs Tage später hatte ich beim Frühstück denselben Schmerz. Daher habe ich es abklären lassen. Der Vorteil war, dass ich meinen Körper gut kenne. Der Herzinfarkt wurde früh erkannt und ich fühlte mich eigentlich schon kurz, nachdem der Stent gesetzt wurde, wieder fit. Drei Monate später habe ich wieder gearbeitet. Haben Sie daraus Konsequenzen gezogen? Ich schränke mich nicht ein und mache mir keine großen Gedanken. Laster, die ich abstellen könnte, gibt es ja nicht. Durch meine vielen jobbedingten Reisen blieb der eigene Sport sicherlich häufig auf der Strecke und manchmal war es vielleicht zu viel Stress. Jetzt bin ich noch vorsichtiger und war schon drei Mal bei der Nachkontrolle. Bundestrainer sind Sie seit 2013. Was genau machen Sie da? Ich bin bei den Frauen für den Bereich Ausdauer zuständig. Für die Kurzstrecken gibt es einen anderen Coach. Jede Athletin hat zudem ihren eigenen Trainer. Ich koordiniere alles, stelle die Mannschaften für die Wettkämpfe wie Olympia und WM zusammen, erstelle die Fahrpläne im Vorfeld der Turniere. Von Februar bis Oktober ist Straßensaison, von Oktober bis Februar geht es nach drinnen auf die Bahn. Vor kurzem fand die Bahnrad-WM in Berlin statt. Wenn Sie in einer fränkischen Fußgängerzone fragen, wer das mitbekommen hat, dürften sich nicht viele melden. Knackpunkt ist die Präsenz im Fernsehen. Leider lief die WM nur im Bezahlsender Eurosport 2. Bei den European Championships 2018 und den deutschen Finals 2019 wurde Bahnrad aber zur besten Sendezeit frei empfangbar übertragen. Der Markt ist grundsätzlich da. In Berlin kamen an den fünf Wettkampftagen 20 000 Zuschauer. Neben dem Problem der Demografie und dem immer größeren Freizeitangebot wächst eine neue Konkurrenz heran: Menschen sitzen daheim auf dem Rennrad und messen sich am Bildschirm mit anderen. Ich verstehe nicht, warum sie nicht lieber an der frischen Luft Sport machen. Das Bahnradfahren mit seinen zehn Unterdisziplinen finde ich sogar kurzweiliger als Straßenrad. Beispielsweise gibt es das Ausscheidungsrennen, bei dem alle zwei Runden der Letztplatzierte ausscheidet. Da gucken dann alle Zuschauer auf den Letzten und nicht auf den Führenden. 2021 soll es ins WM-Programm aufgenommen werden. Außerdem plant der Weltverband UCI in Kooperation mit dem Fernsehsender Discovery ab dem Winter 2021/22 eine Champions League in vier Disziplinen mit den besten Bahnradfahrern der Welt. Bei der Heim-WM waren die deutschen Frauen mit vier Gold-, einer Silber- und zwei Bronzemedaillen wesentlich erfolgreicher als die Männer (1 Bronze). Wie sieht es sonst mit dem Geschlechterunterschied im Radsport aus? In den letzten zehn, 15 Jahren haben die Frauen in Sachen Professionalität und Geschwindigkeit enorm aufgeholt. In Belgien gibt es alle größeren Wettbewerbe auch für Frauen. Einige Rennen werden auf Eurosport übertragen. Aber die Lobby fehlt noch. Und hierzulande werden manche Wettkämpfe zusammen mit den Juniorinnen ausgetragen, weil es sonst zu wenige Teilnehmerinnen wären. 2018 hat der BDR seine erfolgreichste Sportlerin verloren, weil Kristina Vogel im Training auf einen anderen Fahrer auffuhr und seitdem querschnittsgelähmt ist. Wie haben Sie den Unfall erlebt? Da Kristina Sprinterin war, gehörte sie nicht direkt zu meiner Gruppe, aber wir kennen uns natürlich. So etwas wird leider immer wieder passieren. Brenzlige Situationen erleben wir im Prinzip täglich. Im Training sind bis zu 60 Sportler gleichzeitig auf dem 250 Meter langen Rundkurs. Bei inoffiziellen Einheiten sogar bis zu 150. Und alle ohne Bremsen am Rad. Der eine fährt gerade langsam an, die andere rauscht mit 70 km/h vorbei. Warum trainieren so viele Bahnradsportler gleichzeitig? Ganz einfach: In Deutschland gibt es nur drei Bahnen mit olympischen Maßen: In Berlin, Frankfurt/Oder und Kaarst am Niederrhein. Die Anlage in Cottbus ist länger und nicht aus Holz, sondern Beton und nicht geschlossen, sondern halb offen. Die in Augsburg ist nur 200 Meter lang. In Nürnberg sollte eine Bahn gebaut werden, doch dann hat Köln den Vorzug erhalten, wo die bislang halb offene Anlage modernisiert wird. 2008 haben Sie Ihre aktive Karriere beendet, 2013 wurden Sie als Bundestrainer engagiert. Was haben Sie dazwischen gemacht? Erstmal habe ich mir eine Auszeit genommen und meine Kinder kennengelernt. Inzwischen sind meine Tochter 21 und mein Sohn 19 Jahre alt. Dann war ich freiberuflich tätig, zum Beispiel habe ich für den Bund deutscher Radfahrer bei Rundfahrten die sportliche Leitung oder den VIP-Service übernommen.

Kurzbiografie von Rad-Bundestrainer André Korff

André Korff wurde am 4. Juni 1973 in Erfurt geboren, wuchs in Rostock auf. Er ist seit dem Jahr 2002 mit Ursula (geborene Hoffmann) verheiratet und wohnt in Forchheim. Das Ehepaar hat eine Tochter (21 Jahre) und einen Sohn (19). Seit 2013 ist Radsport-Bundestrainer. Sportliche Erfolge: Etappensiege 1997 bei der Niedersachsenrundfahrt, 1998 bei der Tour Méditerranéen (FR) und beim Grand Prix Tell (CH) sowie 2004 bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt; Teilnahme am Giro d'Italia 2002, 2005 und 2006, an der Vuelta a España 2005, 2006 und 2007 Radsportteams: 1998-2001: Festina (FR),

2002: Coast (GER),

2003: Bianchi (ITA),

2004-07: T-Mobile (GER), 2008: Volksbank (AUT)

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