Stefan Leis ist wieder sicher zuhause. Der aus Forchheim stammende Triathlet, der berufsbedingt in Interlaken lebt, startete in einem Dreierteam "Spital Interlaken" mit Uli Zettl, einem früheren Forchheimer Triathlon-Kollegen, und Matthias Rüfe nacht, einem Schweizer Arbeitskollegen, zur "Patrouille des Glaciers" (PDG), einem Wettkampf im Skibergsteigen. Wegen hoher Temperaturen und daher instabiler Schneeverhältnisse wurde das zweite Rennen, in dem sich das Team "Spital Interlaken befand, abgebrochen. Laut Veranstalter konnte sich die Schneedecke nicht verfestigen. Nach einer Sicherheitskontrolle wurde das Rennen kurz vor 4.30 Uhr bei der Zwischenstation in Arolla abgebrochen. Insgesamt waren 417 Teams in Zermatt und 229 Teams in Arolla gestartet. Stefan Leis hat nachfolgendes Renn-Tagebuch geschrieben.

Mittwoch, 20 Uhr, Interlaken


Uli Zettl trifft im Berner Oberland ein. Damit ist die Patrouille komplett vor Ort. Heute Abend ist der erste Wettkampftag in Zermatt. Wir sind gespannt, wie das Rennen läuft und was berichtet wird. Die Wettervorhersage ist sehr durchwachsen: kaum Niederschläge, aber starker bis stürmischer Wind und hohe Temperaturen sind kritisch zu sehen.

Mittwoch, 23.45 Uhr, Zermatt


Rennabbruch der Strecke Zermatt-Verbier. Zwei Stunden nach dem Start ändert sich das Wetter unerwartet und die Sicht verschlechtert sich auf dem Gipfel des Tete Blanche. Die Verantwortlichen können nicht die Sicherheit für alle Teilnehmer garantieren. Die Kurzstrecke Arolla-Verbier kann durchgeführt werden.

Donnerstag, 17 Uhr, Interlaken


Letzter Materialcheck. Die Ski wachsen, Kanten schleifen, Rucksäcke packen. Wir versuchen, alle Situationen zu durchdenken und das entsprechende Material dabei zu haben - aber auch kein Teil zu viel. Bei 4000 Höhenmetern und zwölf Stunden unterwegs zählt jedes Pfund. Die Wettervorhersagen sind weiterhin eher schlecht. Der Wind und die hohen Temperaturen sorgen für schwierige Bedingungen und hohe Lawinengefahr.

Freitag, 9 Uhr, Interlaken


Abfahrt nach Zermatt. Unterwegs sammeln wir mit Zettl noch den dritten im Bunde auf und bei sommerlicher Stimmung geht es ins Wallis. Schwer vorzustellen, dass man einen halben Tag später mit Schnee und eisigem Wind konfrontiert werden wird. Ich habe meinen Gurt vergessen. Aber der Ersatzmann Andreas Schranz kommt heute Abend nach Zermatt und sorgt für Ersatz.

Freitag, 12 Uhr, Zermatt


Die letzten Kilometer ins Gletscherdorf müssen mit dem Zug gefahren werden. Zermatt ist autofrei und so muss in Täsch geparkt und alles Material in den Zug und anschließend zur Einschreibung geschleppt werden.

Freitag, 14 Uhr, Zermatt


Einschreibung und Materialcheck durch das Militär sind vorbei. Da die PDG eine Militärangelegenheit ist, sind genügend Helfer da. Ein Hotelzimmer mit Abendessen bekommt man für die 1200 Schweizer Franken Startgeld noch dazu. Dort nehmen wir noch eine Mütze Schlaf vor der Wettkampfbesprechung. Zwischendurch wird telefoniert, um die aktuellen Wetterprognosen zu haben.

Freitag, 16.30 Uhr, Zermatt


Wettkampfbesprechung in der Dorfkirche. Sehr stimmungsvoll inszeniert und mit höchster politischer und militärischer Prominenz besetzt: Das zeugt von dem Stellenwert der Veranstaltung. Die Kirche ist voll mit Athleten, die nur wissen wollen, ob das Rennen stattfindet. Oberst Ivo Burgener verkündet, dass regulär gestartet wird. Aber die Lawinensituation bleibt auf Grund der hohen Temperaturen heikel. Der Wind wird auch noch stark bis stürmisch sein. Um 20 Uhr bekäme der Patrouillenführer Rüfenacht noch eine SMS, wenn das Rennen nicht gestartet werden würde.

Freitag, 18 Uhr, Zermatt


Abendessen und Ankunft vom Ersatzmann und Betreuer Schranz. Er hat den Gurt dabei und auch seine Frau Brigitte - die beiden werden uns in Arolla bei Halbzeit verpflegen und das restliche Material ins Ziel nach Verbier bringen.

Freitag, 20 Uhr, Zermatt


In einer Stunde ist Start. Es kommt keine SMS und wir machen uns bereit für die 53 km nach Verbier. Essen, Trinken, passende Kleidung - alles wird nochmal durchgespielt und nach einer halben Stunde geht es zur Materialkontrolle und dann in den Startblock direkt am Bahnhofplatz Zermatt. Topstimmung. Gespannte Atmosphäre ist im ganzen Ort zu spüren. Der Tag geht zu Ende, es dämmert und wir sind bereit.

Freitag, 21 Uhr, Zermatt


1616 Meter über dem Meeresspiegel, Start. Sechs Monate Vorbereitung liegen hinter uns - zwölf Stunden vor uns. Hunderte Zuschauer säumen den ersten Kilometer, bis wir Zermatt flott marschierend verlassen und in der Dunkelheit verschwinden. Zusammen mit 93 anderen Patrouillen der ersten Startgruppe müssen wir die Ski eine gute Stunde tragen, bis wir im Schnee sind. Teilweise ist es recht eng und wir müssen überholen, weil wir recht weit hinten im Startblock standen.

Freitag, 22.17 Uhr, Stafel


2100 m über Normalnull (üNN): Ankunft im Schnee, Ski runter vom Rucksack, Turnschuhe weg, Skischuhe und Ski dran und los. Es herrscht allgemeine Hektik. Alle wollen schnell in die schmale Spur, um keine unnötigen Überholmanöver machen zu müssen. Bei uns läuft es gut beim Wechsel und Rüfenacht drückt gleich ordentlich aufs Tempo. Wir überholen einige Patrouillen und haben dann freie Spur und können unseren eigenen Rhythmus laufen - das Wichtigste für die lange Nacht. Rüfenacht ist der Taktgeber und wir kommen gut voran. Zwischendurch ans Essen und Trinken denken. Hier ist es noch warm und der Wind ist nur teilweise böig.

Freitag, 23.20 Uhr, Schönbielhütte


2500 m üNN: Alles läuft nach Plan. Die Zwischenzeiten passen, wir fühlen uns gut und können ohne größere Unterbrechungen unser Tempo laufen. Zur Überquerung des Gletscher müssen wir uns anseilen. Mit jeweils zehn Meter Seil zwischen jedem Mann laufen wir weiter. Dadurch ist es für den Läufer auf Position 2 und 3 nicht immer so einfach, seinen Rhythmus zu laufen. Das Seil muss immer gespannt sein, sonst steigt man mit dem Ski drauf und alles wird kompliziert. Das Techniktraining zahlt sich aus: Wir laufen konstant und zügig und überholen zahlreiche Patrouillen.

Samstag, 1.30 Uhr, Tete Blanche


3600m üNN: Die letzte Stunde war schwer. Die Spur manchmal eisig, die Temperaturen sinken spürbar durch den Wind bei -15° und die Windgeschwindigkeit erreicht in Böen 100 km/h. Nicht nur einmal kommt einer von uns durch den Wind zu Fall oder wir müssen kurz stehen bleiben und uns gegen den Sturm stemmen. Trotzdem überrascht uns in dieser unwirtlichen Umgebung Gegend das Schweizer Militär mit einem beleuchteten Posten und etlichen Helfern. Es folgt das erste Stück Abfahrt.

Samstag, 1.50 Uhr, Col de Bertol


3200m üNN: Extremer Wind, sehr unebener, harter Schnee, durch das Seil miteinander verbunden und lediglich die Lichtkegel der Stirnlampen zur Orientierung: Das sind die Gegebenheiten für die erste Abfahrt - neben dem beginnenden Kräfteverschleiß. Rüfenacht fährt trotz des schlechten Untergrundes couragiert und schnell durch die Dunkelheit und wir erreichen den nächsten Kontrollposten unfallfrei - nicht angstfrei. Hier dürfen wir das Seil wieder im Rucksack verstauen, noch einmal die Felle aufziehen und einen kurzen Gegenanstieg überwinden, bevor die lange Abfahrt nach Arolla folgt.

Samstag, 2.40 Uhr, Arolla


Halbzeit. Wir liegen deutlich vor unserem Zeitplan. Andi und Brigitte erwarten uns schon und wir sind zufrieden mit der Durchgangszeit. Die Abfahrt war ruppig und kraftraubend. Weicher, tiefer Sulzschnee, garniert mit Schiebepassagen. Einige Stürze waren zu verzeichnen, die aber ohne Folgen blieben. So gönnen wir uns eine kurze Pause vor dem langen Anstieg auf den Col de la Riedmatten. Danach hätten wir die größten Schwierigkeiten hinter uns, "nur" noch 800 Höhenmeter und recht flaches Gelände vor uns. Wir fühlen uns noch fit genug, den übrigen Teil der Strecke bis Verbier durchzustehen. Wir gehen guter Dinge in den Anstieg und können weiterhin unseren Rhythmus halten.

Samstag, 4.20 Uhr, Col de la Riedmatten


Wir laufen in den Kontrollposten und werden informiert, dass das Rennen abgebrochen wurde. Zu heikel sei die Lawinensituation, heißt es. Mit Verständnis und Enttäuschung nehmen wir die Entscheidung auf und gratulieren uns für die "Zielankunft" und die erbrachte Mannschaftsleistung. Schade, weil wir alle drei noch Reserven hatten und zügig unterwegs waren. Mit gemischten Gefühlen und der Gewissheit, dass wir mindestens zwei Jahre warten müssen, um nochmals die Chance zu bekommen, fahren wir zurück nach Arolla. Die Berge haben entschieden und wir müssen akzeptieren.

Samstag, 9 Uhr, Verbier


Nach einigem Warten werden wir mit einem Militärtransporter nach Verbier gefahren und ganz militärisch "abgerüstet" (Zeitchips und GPS-Handy werden eingezogen). Wir genießen den Beginn eines sommerlichen Tages im Wallis mit seiner gigantischen Bergkulisse. Noch unter dem Eindruck der vergangenen Nacht und dem Rennabbruch stehend, sind wir der Meinung, dass es in zwei Jahren durchaus wieder eine Patrouille mit uns geben wird. Vive la Patrouille!