Sindy Genenccher und ihr Lebensgefährte Ivo Bigalke, die seit 2001 in Forchheim wohnen, haben ein für unsere Breitengrade seltenes Hobby: In Höchstadt und Lauf gehen beide jeweils für ihr Eishockey-Team auf Puck-Jagd. Sie ahnten schon, dass die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) die Vorrunde der WM in Finnland und Schweden nicht überstehen wird.
Nach der Vorrunde läuft die WM ohne deutsche Beteiligung ab, denn der DEB schied nach dem 4:12-Debakel gegen Norwegen und dem 1:8 gegen Tschechien schon in der Vorrunde aus und verpasste die direkte Olympia-Qualifikation. Zumindest an einem Fernsehapparat in Forchheim wird das Endspiel dennoch über die Mattscheibe flimmern: Sindy und Ivo sind nicht nur Anhänger der Kufen-Flitzer, sondern betreiben diesen Mannschaftssport aktiv.

Seit 2011 beim ESC Höchstadt


Sindy spielt seit 2001 Eishockey beim ESC Höchstadt in der Landesliga. Die 32-Jährige klärt auf: "Darüber gibt's für Frauen nur noch die Bundesliga." Ivo gehört genauso lange zum Kader des EC Eisbären Lauf, der bei den Männern in einer eher mittleren Liga spielt, wie der 35-Jährige berichtet: "Bei uns sind dafür noch einige ehemalige Profis des EHC 80 Nürnberg im Einsatz."
Ihr Hobby kommt nicht von ungefähr: Die beiden verlebten ihre Kindheit in Weißwasser in der Oberlausitz nahe der polnischen Grenze. Weißwasser galt zu Zeiten der DDR als größte Talentschmiede des ostdeutschen Eishockeys, das bereits seit 1932 in Sportvereinen gespielt wurde. Ivo Bigalkes Worte verdeutlichen den Stellenwert: "Dort wirst du mit Kufen an den Füßen geboren und gehst zum Eisschnelllauf oder zum Eishockey." Der SG Dynamo Weißwasser als häufigster Meister in der DDR-Oberliga spielte in einem 15 500 Zuschauer fassenden Freiluftstadion. Ivo betont: "Aber nur bis zur Wende, denn danach musste in geschlossenen Eishallen gespielt werden." Und Sindy ergänzt: "Das war die Ursache, weshalb ich vom Eisschnelllauf zum Eishockey kam."
Denn der Teamsport hatte auch nach Grenzöffnung einen größeren Stellenwert als jener der Kufenläufer. Vielen Talenten wurde durchs Eishockey quasi über Nacht die Halle und somit die Trainingsmöglichkeiten genommen. Sindy, die als sechsjähriges Mädchen mit Eisschnelllauf begonnen hatte, sagt: "Wir hatten plötzlich keine andere Wahl und wechselten halt zum Hockey. Überhaupt geschah nicht alles in unserer Kindheit freiwillig."
In den Stolz der beiden gebürtigen Weißwasseraner über ihre Wurzeln mischen sich kritische Töne, als Ivo über die Auslese des DDR-Systems und die genaue Planung der sportlichen Laufbahn spricht: "Schon im Vorschulalter und in den ersten Schulklassen wurde selektiert." So kam Ivo zunächst als Siebenjähriger zum Ringen. Nach drei Jahren zog es ihn zum Eishockey zurück. Sein Verein war Grün-Weiß Weißwasser. Nach der Bundeswehrzeit 1997 betrieb er den Sport aus Zeitgründen nur noch hobbymäßig, bis er 2001 nach Forchheim umzog, um Sindy zu folgen.
1990 war sie gerade zehn Jahre alt geworden und lernte enorm schnell, wie man sich auf den kürzeren Kufen im Kampf um den Puck durchsetzt. Sindys Aufstieg bis hinauf in die höchste deutsche Klasse begann: "Als wir uns in die Bundesliga hochgekämpft hatten, war ich gerade mal 16 Jahre alt." Niemand kannte bis dahin Frauen-Eishockey. Im Unterschied zu den Männern wird nach "sanfteren" Regeln gespielt: "Das heißt: Keine Bodychecks, und bei uns ist ein voller Gesichtsschutz mit einem Gitterhelm Pflicht."
Im Oktober 2001 folgte der berufliche Umzug nach Forchheim. Weil Sindy neben ihrer großen Leidenschaft auch schon in Weißwasser mit dem Fußball spielen begonnen hatte, schloss sie sich 2003 mit einer Arbeitskollegin den Fußballfrauen des FC Schlaifhausen an. Erfolgreicher ist sie auf den Kufen. Sie wurde in der Spielzeit 2010/11 die Top-Scorerin der Eishockey-Landesliga: "In dieser Saison wurden wir auch erstmals Bayerische Meister der Eishockey-Frauen."
Sindy und Ivo haben sich - natürlich - bei einem Eishockeyspiel kennen gelernt. Ivo und einige andere Freizeitspieler machten 1998 ein Testspiel gegen das Damenteam in Weißwasser. Die Organisatoren vereinbarten für den abschließenden Sportgruß auf dem Eis, dass jeder Spieler beim Handschlag einer gegnerischen Dame ein kleines Präsent überreichen sollte: "Wir Männer einigten uns auf verpackte Schoko-Pralinen, die wir lose in die Hand nahmen."

Das letzte Pärchen


Er und Sindy waren das letzte Pärchen in der Reihe, und als er ihr gegenüberstand, blieb er wie angewurzelt stehen. Während die anderen bereits das Eis verließen, vergaß er die Pralinen: "Ich schaute sie nur an und wusste nicht mehr, was ich eigentlich machen sollte." Das fiel ihm erst wieder ein, als die Freunde diese fast schon Hollywood-taugliche Situation bemerkten und ihn bedrängten. So übergab er Sindy doch die Schokowürfel, die in der Faust schon weicher geworden waren: "Dann war das Eis geschmolzen."