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Schweinfurt
Fußball

Kein Kommentar: Corona-Krise stellt fränkischen Sportreporter stumm

Marcel Seufert aus Schweinfurt hat mehrere berufliche Standbeine. Doch alle haben mit Sport zu tun, der momentan praktisch nicht stattfindet. Ein Video, in dem er aus Spaß Radfahrer kommentiert, bringt Klicks, aber keine Kohle.
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Marcel Seufert hat fürs Kommentieren Spickzettel, auf denen Infos zu Teams und Spielern stehen. Zu trinken gibt es stilles Wasser: "Kohlensäure geht nicht. Manchmal stelle ich mir einen Kaffee dazu, aber man sollte generell wenig trinken, wir können ja nicht einfach aufs Klo."  Fotos: privat
Marcel Seufert hat fürs Kommentieren Spickzettel, auf denen Infos zu Teams und Spielern stehen. Zu trinken gibt es stilles Wasser: "Kohlensäure geht nicht. Manchmal stelle ich mir einen Kaffee dazu, aber man sollte generell wenig trinken, wir können ja nicht einfach aufs Klo." Fotos: privat
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Pilot, Feuerwehrmann, Fußball-Profi - der Berufswunsch aus der Kindheit wird selten wahr. Marcel Seufert hat es geschafft. "Schon als kleines Kind habe ich davon geträumt, irgendwann einmal Sportreporter zu werden", sagt der 31-Jährige, der für den Sender Sport1 sowie die Streamingdienste DAZN und Amazon Music Fußballspiele für TV und Radio kommentiert - sofern welche stattfinden.

Die Corona-Krise bringt den Weltsport und damit Seuferts Einkommen zum Erliegen. Das Interview mit dieser Zeitung empfindet der gebürtige Schweinfurter, der in München wohnt, als willkommene Abwechslung.

Sportreporter in Corona-Krise: "Liegt aktuell auf Eis"

Obwohl er mit seinen bisher zwei Fußballspielen ohne Zuschauer keine guten Erfahrungen gemacht hat, sind es genau diese Geisterspiele, nach denen er sich jetzt sehnt.

Zurzeit gibt es praktisch keinen zu kommentierenden Sport. Was bedeutet das für Sie?

Marcel Seufert: Ich habe zwar ein zweites berufliches Standbein, doch das liegt aktuell auch auf Eis. Ich bin als Beitragsmacher im Fernsehen unterwegs, vor allem für Sport1. Ich fertige zum Beispiel Vorberichte und Sportnachrichten an. Vor Corona bin ich als Freiberufler gut zurechtgekommen.

Wie schlimm trifft es Sie finanziell? Welche Staatshilfen stehen Ihnen zu?

Im Moment liegt mein Einkommen bei null Euro. Trotz laufender, beruflich bedingter Kosten, wie die Abos für Sky und den Kicker. Ich habe mit Kollegen eine WhatsApp-Gruppe, in der wir uns darüber austauschen. Kommt die Corona-Soforthilfe infrage? Wenn ja, die von Bayern oder die vom Bund? Fallen wir unter Solo-Selbstständige? Oder sind wir Künstler?

Was vermissen Sie aktuell? Wozu kommen Sie, was sonst auf der Strecke bleibt?

Ich vermisse es, meine Familie und Freunde zu treffen. Ich spiele in München selbst im Verein Fußball, das Training mit den Jungs geht mir schon sehr ab. Die plötzlich frei gewordene Zeit habe ich ganz klassisch verbracht: Schrank aussortiert, Bürosachen geordnet und zuletzt die Wohnung gestrichen. Außerdem schaue ich etwas zu viel Netflix. Zuletzt die Serie "Tiger King". Die ist völlig verrückt, kann ich nur empfehlen. In Sachen Fußball schaue ich mir häufiger alte Spiele an. Die Sender zeigen derzeit ja einige Perlen.

In den sozialen Medien kursieren Videos von Kommentatoren, die aus dem Fenster hinaus das Geschehen auf der Straße kommentieren. Wie finden Sie das?

Auch ich habe zu Beginn der Krise Fußgänger und Radfahrer im Park bei mir um die Ecke kommentiert. Das kam super an, einige Medien haben es sogar geteilt. Mit dem einen Video war es für mich aber auch gut. Einige Kollegen haben das häufiger getan. Die machen das auch super und bringen damit viele Menschen zum Lachen. Gut so. So langsam würden wir uns aber natürlich alle freuen, wenn wir wieder echten Sport kommentieren dürften.

Was sagt der Kommentator zu Geisterspielen?

Ich habe bereits zwei hinter mir. Vor zwei Jahren in Italien fürs Fernsehen, der Grund war eine Bestrafung des Heimvereins. Und zuletzt das Champions-League-Spiel Paris Saint-Germain gegen Dortmund fürs Radio. 90 Minuten kein Fan-Gesang. Man hört die Anweisungen der Trainer und Spieler. Es ist schon merkwürdig. Im Moment würde ich mich paradoxerweise aber über Geisterspiele freuen.

Haben Sie schon Spiele vom 1. FC Nürnberg oder vom FC Schweinfurt kommentiert?

Den Club habe ich häufiger fürs Radio kommentiert, im Fernsehen nur in der Zusammenfassung. Ich freue mich immer, wenn ich fränkische Vereine machen darf, bin da aber völlig neutral. Anders ist es beim FC Schweinfurt, für den schlägt mein Herz. Daher war das Pokalspiel vor ein paar Jahren, das ich im Radio kommentiert habe, ein Highlight.

Wie intensiv und auf welche Weise bereiten Sie sich auf ein Spiel vor?

Das unterschätzen tatsächlich viele. Man denkt, dass sich mein Job auf 90 Minuten beschränkt. Für jedes Spiel sitze ich aber zuvor stundenlang im Homeoffice. Grundsätzlich gilt: je prominenter das Spiel, desto leichter die Vorbereitung. Das einfachste Spiel ist in dieser Hinsicht das WM-Finale - die Spieler kennt jeder. Als junger Kommentator war ich häufig für "kleinere" Spiele aus "kleineren" Ligen zuständig. Da musste ich mich teilweise in den Modus einlesen.

In der argentinischen Liga richtet sich der Abstieg beispielsweise nach dem Punkteschnitt der letzten Jahre und nicht allein nach der aktuellen Saison. Das ist völlig verrückt. Der Kommentator muss diese Basics draufhaben. Er sollte auch mehr über die Spieler, Trainer und Schiedsrichter wissen als der eingefleischte Fan. Dafür gehen schnell acht Stunden drauf.

Welche Talente muss man in diesem Beruf mitbringen und was kann man sich aneignen?

Auf jeden Fall muss man eine große Liebe zum Sport mitbringen. Man spürt das bei einem Kommentator. Die Leidenschaft für den Fußball habe ich von meinem Vater geerbt. Seit ich denken kann, haben wir zusammen die Sportschau und ran geschaut. Live-Spiele natürlich auch. Dazu standen wir jedes Wochenende selbst auf dem Platz oder haben uns die Amateurspiele in der Region angeschaut. Sicher schadet es auch nicht, wenn man nicht auf den Mund gefallen ist. Das Reden vor anderen Leuten ist mir noch nie schwer gefallen. Aneignen kann man sich sicherlich das Fachwissen über gewisse Sportarten und gewisse Techniken des Kommentierens.

Was tun Sie, um Ihre Kompetenzen stetig zu verbessern?

Ich versuche, möglichst viele Informationen aus der Welt des Fußballs aufzusaugen. Ich lese Fachmagazine, verfolge die Berichterstattung im Fernsehen. In meiner Zeit bei Sky hatte ich professionelles Sprechtraining. Dort wurde mir erstmal mein fränkisch gerolltes R abtrainiert. Das kann ich mittlerweile gut abstellen, aber auch wieder auspacken, wenn ich in der Heimat bin. Meine kommentierten Spiele schaue oder höre ich mir außerdem immer noch einmal in voller Länge an.

Ein Trend ist, dass zwei Personen zusammen kommentieren. Was halten Sie davon?

Für den Sender ist es teurer, aber ich finde es super. Gerade bei DAZN wird das häufig gemacht. Der Experte bzw. Co-Kommentator bringt eine andere Note hinein. Außerdem kann es jedem Kommentator passieren, dass er etwas übersieht. Eine taktische Umstellung zum Beispiel. Da sind vier Augen besser als zwei.

Welche Sportarten kommentieren Sie am liebsten? Welche ungern?

Aktuell kommentiere ich ausschließlich Fußball. Bei Sky habe ich früher Zusammenfassungen aus allen möglichen Sportarten angefertigt. Tennis und Basketball zum Beispiel bekommt man als Sportinteressierter hin. Als ich aber eine Zusammenfassung eines Baseball-Spiels machen sollte, wurde ich etwas blass. Da musste ich mich einlesen und das hat gedauert.

Was macht einen Spitzenkommentator aus?

Als solche würde ich in Deutschland vielleicht zehn bis 15 Kollegen bezeichnen. Dazu gehöre ich mit Sicherheit nicht. Ich bin noch am Anfang meiner Karriere. Im Radio durfte ich zuletzt schon einige tolle Spiele kommentieren, darunter das Ruhrpott-Derby Schalke-Dortmund und die Bayern in der Champions League. Das sind Highlights. Ich gebe weiter richtig Gas, um später mal zum Spitzenkreis zu gehören.

Marcel Seuferts Weg zum Kommentator

Nach dem Abitur absolviert Seufert eine journalistische Ausbildung beim Lokalsender TV touring in Schweinfurt. Mit 22 Jahren geht er als Redakteur zum neuen Sender Sky Sport News HD. "Damals war ich der Jüngste im Team. Ich durfte Zusammenfassungen aus der Bundesliga kommentieren, aber eben nicht live." Ende 2016 macht sich Seufert selbstständig und arbeitet für den Bundesliga-Radiosender Sport1.fm. Heute kommentiert der 31-Jährige internationale Ligen für den Streamingdienst DAZN und den TV-Sender Sport1. Für Amazon Music ist er in der Bundesliga als Radioreporter im Einsatz.