Forchheim
Fußball

Geschichte wiederholt sich doch

Zwar ist Christian Springer schon lange nicht mehr beim 1. FC Köln, aber immer noch ein Teil. Der Forchheimer weiß, warum diese Saison so typisch ist.
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Ein Urgestein des 1. FC Köln: Christian Springer (M.) spielte acht Jahre lang für den "Effzeh", stieg drei Mal in die Bundesliga auf und wieder ab. Das Bild entstand in der Zweitliga-Saison  2002/2003 im Heimspiel gegen den  MSV Duisburg (4:3). imago
Ein Urgestein des 1. FC Köln: Christian Springer (M.) spielte acht Jahre lang für den "Effzeh", stieg drei Mal in die Bundesliga auf und wieder ab. Das Bild entstand in der Zweitliga-Saison 2002/2003 im Heimspiel gegen den MSV Duisburg (4:3). imago
Der 1. FC Köln ist im Hause Springer omnipräsent: Die Skyline der Rhein-Metropole hängt als Wandbild über dem Fernseher im Wohnzimmer, die drei Kinder sind alle in Köln geboren und FC-Fans. Acht Jahre hat der Forchheimer dort gespielt, und von 1998 bis 2006 sportliche Erfolge wie Tiefschläge erlebt. Drei Mal stieg er auf, drei Mal wieder ab, es waren die wilden Kölscher Jahre im Fahrstuhl zwischen Ober- und Unterhaus. Der 46-Jährige ist längst wieder in der fränkischen Heimat und trainiert die SpVgg Jahn Forchheim in der Bayernliga. Aber der FC lässt ihn nicht los - gerade jetzt, da der "Effzeh" mit nur drei Punkten am Tabellenende steht.

Herr Springer, wenn Sie auf die Bundesliga-Tabelle schauen: Wie groß ist der Leidensdruck?
Christian Springer: Das Herz blutet, keine Frage. Es ist die erste Saison seit längerem, in der ich emotional wieder näher dran bin am FC, angefixt durch das Erreichen der Europa League. Verein und Stadt, alle haben danach gelechzt, sich nach 25 Jahren wieder in Europa präsentieren zu dürfen. Dass tausende Fans ohne Ticket zum ersten Spiel nach London gefahren sind, ist verrückt, unterstreicht aber die Sehnsucht zu zeigen, dass der große FC wieder da ist. Zu meiner Zeit waren wir vom internationalen Geschäft so weit entfernt wie vom Mond, in all den Jahren ging es nur ums Überleben. Und jetzt folgt eine solche Saison der Extreme, das ist wirklich bitter.

Nun kam mit dem 0:1 in Belgrad das Europa-League-Aus. Gut gespielt, wieder kein Tor geschossen. Symptomatisch für diese Saison?
Es hätte längst eine Entscheidung getroffen werden müssen, worauf der Fokus liegt: Bundesliga oder Europa. Im DFB-Pokal ist Köln auch noch dabei. Es ist schwierig, allen drei Wettbewerben gerecht zu werden, besonders in dieser Situation mit all den Misserfolgen und Verletzungen. Das Bundesliga-Spiel am Sonntag gegen Freiburg ist enorm wichtig, jetzt hat man in Belgrad aber wieder Körner gelassen, die Erholungszeit ist da zu kurz. Es fehlt derzeit die Strategie, und jemand, der sie klar nach außen kommuniziert. Der alte FC schimmert durch. Man hätte die Erfolge in Europa und im Pokal herausstellen müssen und auch sagen, dass ein Abstieg aus der Bundesliga ein Unfall sei, den man reparieren kann.

Mit Armin Veh hat der FC einen neuen Sportdirektor, mit Stefan Ruthenbeck einen neuen Trainer...
Man kann beiden nur viel Glück wünschen. In Köln ist es schwierig zu arbeiten, der Druck von außen ist immens, jetzt erst recht. Die Medien werden wieder schärfer. Damit muss man umgehen können, auch die Spieler. Ich hatte in meiner FC-Zeit viele Mitspieler, die im ersten Jahr krachend gescheitert sind. Man muss viel reden, mit den Fans, mit der Presse, und all das nicht zu ernst nehmen. Wer die erste Saison beim FC übersteht, hat eigentlich schon gewonnen. Man hat das bei Lukas Podolski gesehen, da hatte das Management schnell eingegriffen, von Anfang an war eine Marketingmaschine dahinter. Da wurden Leistungen auch mal positiver bewertet, als sie es waren.

"Prinz Poldi" ist inzwischen lebende FC-Legende, vergöttert wie kein anderer. Sie haben die Anfänge seiner Karriere begleitet...
Ich werde manchmal von meinen Kindern aufgezogen, dass er doch viel besser sei als ich, er war Nationalspieler, ich nie. Poldi ist natürlich deren großes Idol, ich sehe das entspannt. Damals war er noch blutjung und kam 2003/04 als Jugendspieler zu uns. Mit 18 Jahren hatte er natürlich noch nicht das Standing in der Mannschaft, aber bereits den gewissen Torriecher. Trotz seiner zehn Tore sind wir als Tabellenletzter abgestiegen, in der Saison darauf hat er uns wieder in die Bundesliga geschossen. Ich weiß noch, wie er im Heimspiel gegen Energie Cottbus regelrecht gejagt wurde. Matthias Scherz und ich haben ihn abgeschirmt, er brauchte Unterstützung und sollte sich in diesen Scharmützeln nicht aufreiben. Dafür waren wir Alten da.

Drei Mal sind Sie mit Köln abgestiegen. Welcher Gang in die 2. Liga war der bitterste?
Der Abstieg an sich ist nicht das Problem, er kommt vielmehr einer Erlösung gleich. Das Schlimme sind die Monate davor mit den ständigen Misserfolgen. Das erschwert so vieles - das Training, das Sozialverhalten in der Kabine. Ein Abstieg ist nur der finale Punkt, gravierender ist, ein Jahr keinen Erfolg gehabt zu haben und mit diesem Gefühl in die neue Saison zu gehen. Wir sind immer so in eine neue Spielzeit gestartet, wie die alte geendet hat. Dabei war es egal, ob wir ab- oder aufgestiegen sind.

Neben Matthias Scherz, Dirk Lottner oder Carsten Cullmann waren Sie eine der Konstanten in diesen schwierigen Jahren und sind dem Verein stets treu geblieben. Würden Sie im Rückblick irgendetwas anders machen?
Eventuell muss ich mir vorwerfen, zu selten an mich selbst gedacht zu haben, besonders bei einem so großen Verein wie dem FC. Da gehört eine Portion Egoismus dazu. Ich hatte keine feste Position, obwohl ich mich klar auf der "Sechs" im defensiven Mittelfeld gesehen habe. Dann habe ich aber als linker Verteidiger, im linken Mittelfeld oder als Innenverteidiger gespielt - Positionen, auf denen es brannte, wo mir aber Sicherheit und Rhythmus gefehlt haben. Löcher mussten einfach gestopft werden. Ich wollte dem Kollektiv nicht schaden, habe mich immer als Teamplayer gesehen und dort gespielt, wo der Trainer mich aufgestellt hat. Man muss sich eben zurücknehmen, dachte ich. Heute beurteile ich das etwas anders: Ich hätte deutlicher auf der Position im defensiven Mittelfeld bestehen sollen, auch wenn ich vorerst auf der Bank gesessen hätte. Ich bin den Trainern auf den Leim gegangen, man verliert ein wenig die eigene Identität, um die aktuelle Philosophie des Trainers und sein System zu verinnerlichen. Womöglich war das aber der Hauptgrund, weswegen ich acht Jahre in Köln unter acht verschiedenen Trainern habe spielen können.

Die Sehnsucht, eine neue Stadt und einen neuen Verein kennenzulernen, gab es nie?
Ganz am Anfang, im Winter 1998/99 hatte ich den Wunsch geäußert, wieder gehen zu wollen. Es war eine ganz schwierige Zweitliga-Saison, die wir nur auf Platz 10 abgeschlossen haben. Bernd Schuster war damals der Trainer, ein Charismatiker, umgeben vom Hauch der großen weiten Welt. Und ein guter Geschichten-Erzähler, etwa, wie er sich mit Diego Maradona beim FC Barcelona ein Zimmer geteilt hat und ihn mehr oder weniger einsperren musste. Als Spieler kam ich mit Schuster aber nicht zurecht. Das änderte sich danach unter Ewald Lienen. Auch über Friedhelm Funkel und Huub Stevens kann ich nur Gutes sagen. 2004 war ich schließlich kurz davor, bei der SpVgg Greuther Fürth einen Zwei-Jahres-Vertrag zu unterschreiben. Damals war meine Familie aber noch nicht bereit, nach Franken zurückzukehren. Wir haben uns in Köln pudelwohl gefühlt, also habe ich um ein Jahr verlängert - und dann noch einmal.

Mit 35 Jahren war Schluss mit der Karriere. Weil der Körper nicht mehr wollte?
Ich hatte das große Glück, über viele Jahre nie eine schwere Verletzung erlitten zu haben. Das Sprunggelenk hatte mir allerdings permanente Probleme bereitet. In erster Linie waren das Blessuren aus dem Training, da ging es rauer zu als bei Spielen. Dort greift notfalls der Schiedsrichter ein. Man muss durchziehen, um seinen Stellenwert zu schützen. 2005/2006 habe ich unter konstanten Schmerzen gespielt. Dann haben sich auch die Bandscheiben gemeldet. Jeden Tag mit Schmerzmitteln zu spielen, ist ermüdend und für mich das Zeichen: Es langt jetzt. Es gab zwar noch Angebote aus Paderborn und Saarbrücken, diese habe ich aber ausgeschlagen.

Und sind dann wieder nach Forchheim zurückgekehrt...
Rechnet man die Zeit beim FC St. Pauli hinzu, war ich 13 Jahre lang fort, eine lange Zeit. Da ich im Anschluss an die Karriere im Unternehmen eines Freundes in Frankfurt gearbeitet habe, war ich ohnehin am Pendeln. Der Entschluss, wieder nach Forchheim zu ziehen, war da nur naheliegend. Die Kinder haben hier Oma und Opa, wir dazu ein Haus. Daheim ist es eben doch am schönsten.


Zur Person

Geburtstag: 15. Juli 1971

Geburtsort:
Forchheim

Stationen als Spieler: 1989 bis Dezember 1990: Jahn Forchheim / Januar 1991 bis 1992: TSV Vestenbergsgreuth / 1992 bis 1993: SC 08 Bamberg / 1993 bis Dezember 1994: Jahn Forchheim / Januar 1995 bis 1998: 1. FC St. Pauli / 1998 bis 2006: 1. FC Köln

Stationen als Trainer:
2014 bis 2016: SpVgg Greuther Fürth (Co-Trainer, U19-Bundesliga). Seit März 2017: Trainer der SpVgg Jahn Forchheim (Bayernliga)

Spiele als Profi: 163 Einsätze (18 Tore) in der 1. Bundesliga sowie 131 Einsätze (19 Tore) in der 2. Bundesliga

Einstige Teamkollegen, u.a:
Lukas Podolski, Ralph Hasenhüttl, Claus-Dieter Wollitz, Dirk Schuster, Matthias Scherz, Dirk Lottner, Maniche, Dorinel Munteanu, Markus Pröll, Moses Sichone, Jens Keller, Ivica Grlic, Lilian Laslandes, Rigobert Song, Francis Kioyo, Markus Feulner, Jörg Heinrich, Albert Streit, Andriy Voronin, Christian Lell


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