Forchheim
Darts

Ein Mix aus Sport und Karneval

Vor allem am Jahresende, wenn die WM stattfindet, kocht die Darts-Begeisterung über. Ein Besuch bei den "Little Bull Dogs" in Forchheim.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Forchheimer "Little Bull Dogs" beim Training im Vereinslokal "Checkout": Sven Lang und Bernd Rotschka (2. und 3. v. l.)  geben ihre Einschätzung zur Darts-WM. Leo Hühnlein
Die Forchheimer "Little Bull Dogs" beim Training im Vereinslokal "Checkout": Sven Lang und Bernd Rotschka (2. und 3. v. l.) geben ihre Einschätzung zur Darts-WM. Leo Hühnlein
+2 Bilder
Alle Jahre wieder kommt die Darts-WM. Die zwischen den Weihnachtsfeiertagen in den letzten beiden Wochen des Jahres ausgetragene Weltmeisterschaft der Pfeilwerfer lockt jährlich mehr Zuschauer vor die TV-Schirme und ist inzwischen zum Medien-Spektakel angewachsen. Für den unerfahrenen Beobachter muten die Live-Übertragungen aus dem Alexandra Palace in London an, wie eine Mischung aus Rosenmontag und Oktoberfest.

Dabei ist die einst belächelte Randsportart ein ernstzunehmender Konzentrationssport. Viele Kenner schnalzen anerkennend mit der Zunge, wenn ein "Triple 20" - alle drei Pfeile im inneren Ring der 20 landen, also 180 Punkte geworfen werden. Nicht nur die Fernsehmacher, auch Print- und Onlinemedien haben die Darts-Künstler als wichtiges Nischenprodukt in der sportarmen Zeit entdeckt.


Ein kostümiertes Tollhaus

Über 3000 Zuschauer verfolgen seit dem 14. Dezember täglich die Wettkämpfe live vor Ort im sogenannten "Ally Pally", wo mit dem Finale am Neujahrstag zum 25. Mal der beste Darts-Spieler der Welt ermittelt wird. Die WM ist auch deshalb ein Publikumsrenner, weil die Fans den altehrwürdigen Saal in ein bunt kostümiertes Tollhaus verwandeln und so für Stimmung wie beim Karneval sorgen. Verkleiden, grölen, mitfiebern.

Für die äußerlich unbeeindruckten Protagonisten vor den Scheiben bedeuten die Lärmkulisse der johlenden Menschenmenge und die mit Alkohol geschwängerte Luft nochmals eine zusätzliche Belastung in ihrer ohnehin hochkonzentrierten Anspannung. Dabei sind die meist untersetzten Herrschaften mit ruhiger Hand nicht gänzlich unschuldig am Brimborium, viele legten sich selbst Kostümierungen und Kampfnamen zu: Sie nennen sich Zauberer, Schlangenbiss oder Kuchenmann und versetzen gestandene Männer in Ekstase, obwohl sie eigentlich "nur" Pfeile ins richtige Feld einer Scheibe aus gepressten Pflanzenfasern werfen.

Die Faszination der Mischung aus Karneval und Sport mit den bewussten Kontrasten ist vielen unerklärbar: vorne das Duell hochkonzentrierter Spieler, hinten grölende Marienkäfer, Superhelden oder wandelnde Bierkrüge, die volltrunken und lautstark ihre Helden wie Popstars huldigen, welche inzwischen immense Preisgelder kassieren. Davon können die regionalen Dartsportler natürlich nur träumen. Bernd Rotschka ist Team-Kapitän der Forchheimer "Little Bull Dogs", die soeben in der Frankenliga-B2 den Meistertitel holten. Er ist froh, dass der Sport inzwischen mehr Akzeptanz erfährt: "Das Image hat sich gewandelt. Wer selbst Pfeile auf die Scheibe wirft, stellt nach kurzer Zeit fest, dass ohne stetes Training kein Erfolg möglich ist. Dazu gesellen sich Geschicklichkeit und die Fähigkeit, sich auf den Punkt genau konzentrieren zu können."

Durch die Meisterschaft und den damit verbundenen Aufstieg kommen aber nun vielleicht wieder weitere Fahrtwege auf sein Team zu, meint Rotschka: "Wir haben in der A-Liga nicht selten weite Fahrten. Spitzenreiter war das Duell im 150 Kilometer entfernten Wildflecken. Deshalb hilft es allen, wenn Darts mehr Zulauf bekommt und es so mehr Spielklassen gibt."

Die Pils- und Dartkneipe "Checkout" direkt neben dem Kinocenter, das Vereinslokal der "Little Bull Dogs", wird von Rotschkas Lebensgefährtin Gosia Kunzmann geführt, die passenderweise ebenfalls in seiner Mannschaft spielt. Sie freut sich ebenfalls über immer mehr Zuspruch von Spielern, aber auch von zufälligen Besuchern, die sich durch das regelmäßige Wurfspiel auf drei elektronische Scheiben im Lokal unterhalten lassen: "Inzwischen haben wir ja drei Teams der Little Bull Dogs und eines der Flying Dogs, die in unterschiedlichen Klassen antreten. Es ist also auch für Anfänger möglich, mal Wettkampfluft zu schnuppern. Trainingsabende sind immer mittwochs, da kann man sich gerne ausprobieren."

Rotschka sieht den Sensationssieg von Kevin Münch zum Auftakt gegen Adrian Lewis, den Siebten der Weltrangliste, als weiteres Zugpferd des Nischensports: "Auch wenn er jetzt ausgeschieden ist, hat er für Aufsehen gesorgt. Er und Martin Schindler, die beiden einzigen deutschen Spieler der WM, galten eh als krasse Außenseiter. Schade, dass es bislang noch keinem Deutschen gelang, ins Achtelfinale einzuziehen. Aber dieser Erfolg macht Mut für die Zukunft."

Sven Lang, der ebenfalls zum Team und der "Checkout"-Crew gehört, sieht noch erheblichen Nachholbedarf gegenüber England, Schottland und Holland, den dominierenden Nationen: "Dort wird Darts wie ein Nationalsport betrieben, deshalb kommt die Weltspitze ja fast ausnahmslos aus diesen Ländern. Der große Favorit ist der Niederländer Michael van Gerwen, dem Schotten Gary Anderson räume ich auch gute Chancen ein. Aber ich würde es Phil Taylor aus England gönnen, der seine letzte WM spielt." Für "The Power", wie Taylor genannt wird, wäre es der 17. WM-Titel. Beim letzten Finale schalteten im Schnitt 1,36 Millionen ein, in der Spitze waren es sogar knapp zwei Millionen. Lang erinnert sich: "Da holte Van Gerwen die 20 Kilogramm schwere Sid- Waddell-Trophy mit dem Finalsieg über Gary Anderson. Aber dass bis zum Finale alles möglich ist, sieht man an den Pleiten der Mitfavoriten Peter Wright und Adrian Lewis gegen Außenseiter. Es wird ein spannendes Finale."


Von Triple 20 bis Bulls Eye: So läuft das Spiel in der Variante "Double-Out"

Ähnlich wie beim Bogenschießen liegt der Ursprung der Dartscheibe bei den Wagenrädern. Diese wurden im England des 12. Jahrhunderts zum Zielschießen verwendet. Später wurden den Abständen zwischen bestimmten Speichen besondere Werte zugeschrieben. Die Dartscheibe unterteilt sich in 20 Segmente mit der Wertigkeit 1 bis 20 und den Mittelpunkt Single Bull (grün, 25 Punkte) und dem Bulls Eye (rot, 50 Punkte). Das Bulls Eye darf in der Spielvariante "Double-Out" zum Beenden eines Legs verwendet werden, es zählt als Doppel-Feld.

Der innere schmale Ring ist das Triple. Trifft ein Pfeil in diesen Bereich, verdreifacht sich der Wert des Feldes. Der äußere schmale Ring (Double) verdoppelt die Punktzahl. Das Board wird in einer Höhe von 1,73 Metern (gemessen am Mittelpunkt) aufgehängt. Die Spieler werfen die Dartpfeile bis zu dreimal aus einer Entfernung von genau 2,37 Metern, vom sogenannten "Oche", auf die Scheibe.


Der WM-Modus

Die Akteure müssen versuchen, ein Leg - also 501 Punkte - möglichst schnell exakt auf Null zu bringen. Jeder Wurf wird gezählt, dabei muss der entscheidende Wurf, um auf Null zu kommen, allerdings über eines der Doppelfelder (äußerer Ring oder Bulls Eye) erfolgen. Das nennt man "Double-Out". Wer 501 Punkte per Doppelfeld oder Bulls Eye ausmacht, holt sich ein Leg, drei Leg-Gewinne bringen einen Satz.

In Runde 1 wird nach dem Modus "Best of 5" verfahren, in der zweiten und dritten Runde sind vier Satzgewinne zum Weiterkommen nötig. Nach dem Viertelfinale ("Best of 9") steigert sich der Modus um zwei Sätze. Im Halbfinale braucht ein Spieler sechs gewonnene Sätze ("Best of 11"). Außerdem gibt es besondere Regeln für das Finale der WM: Weltmeister wird, wer sieben Sätze für sich entscheidet ("Best of 13"). Für alle Spiele ab der ersten Runde gilt, dass der entscheidende Satz mit zwei Legs Vorsprung gewonnen werden muss.
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren