Hiltpoltstein
Infranken-Kick

Gräfenberg im Wechselbad der Gefühle

Erst 3:0 geführt, dann den Sieg in der Schlussphase weggeworfen: Der TSV Gräfenberg befindet sich beim Hiltpoltsteiner SV auf einer emotionalen Achterbahnfahrt. Der Titel ist für den TSV aber perfekt, der Konkurrenz sei Dank.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Gräfenberger um Torhüter Markus Dörres und dem künftigen Trainer Gabriel Karnoll (freier Oberkörper) können ihr Glück nicht fassen. Nach bangen Minuten des Wartens kommt der erlösende Anruf, der den TSV doch noch zum Meister kürt. Christian Rabe vom HSV gratuliert dem Gegner.  Fotos: Leo Hühnlein
Die Gräfenberger um Torhüter Markus Dörres und dem künftigen Trainer Gabriel Karnoll (freier Oberkörper) können ihr Glück nicht fassen. Nach bangen Minuten des Wartens kommt der erlösende Anruf, der den TSV doch noch zum Meister kürt. Christian Rabe vom HSV gratuliert dem Gegner. Fotos: Leo Hühnlein
+15 Bilder
Der Infranken-Kick aus der Kreisklasse 3 zwischen dem SV Hiltpoltstein und dem TSV Gräfenberg zeigte alle Facetten auf. Nachdem die Gäste bis in die Schlussphase mit 3:0 in Front lagen und nur noch die Ernte zur Meisterschaft hätten einholen müssen, kam der kleine HSV plötzlich binnen zwölf Minuten zum 3:3-Ausgleich und spuckte dem TSV gehörig in die Suppe. Aus der Traum? Nein! Dass Gräfenberg nach drei Jahren Kreisliga-Abstinenz doch noch den Titel samt Direktaufstieg einheimsen durfte, lag an den Niederlagen der schärfsten Mitstreiter SC Kühlenfels und ASV Pegnitz II, die den TSV nun nicht mehr einholen können.

Eine bessere Ausgangslage hätte es für Spitzenreiter Gräfenberg beim Lokalrivalen gar nicht geben können. Ein Acht-Punkte-Polster für die letzten drei Spiele sollte beruhigen, der Kader war komplett und die äußeren Bedingungen prächtig.

Gräfenberg mit besserem Start

Der HSV stand zunächst sehr tief und überließ den Gästen große Teile des Mittelfelds. Gabriel "Gabo" Karnoll prüfte schon nach wenigen Sekunden Florent Gerxhaliu, der sicher parierte. Innerhalb der Anfangsviertelstunde folgten mehrere Halbchancen der Gäste, meist aufgelegt von den Nachwuchsspielern Philipp Schiller und Felix Haßold, die sich oft offensiv einschalteten. Haßold und Schiller scheiterten per Kopf, Karnoll rutschte an einer Flanke von Schiller vorbei (11). Eine Vorlage von Simon Leibinger vergab Bastian Klenner knapp (15.).

Die Hippos kamen nicht ins Spiel, ansatzweise entstand Gefahr bei Standards. Aber ohne Unterstützung aus dem Mittelfeld hingen die Spitzen quasi in der Luft, dem letzten Pass fehlte oft die Konsequenz. Gräfenberg erarbeitete sich kontinuierlich Spiel- und Platzanteile und verlagerte das Geschehen immer weiter in die Hälfte der Gastgeber. Durch einen von Schiller an Martin Fritzsche verursachten Freistoß kam erstmals der Ex-Gräfenberger Daniel Friedrich zum Zirkeln, aber TSV-Keeper Markus Dörres hielt sicher (20). Wenig später aber klingelte es im Kasten der Hippos: Stefan Rubner erwischte eine Ecke von Bastian Klenner per Kopf, Gerxhaliu wehrte reflexartig ab und Daniel Hofmann köpfte die Kugel noch von der Linie, aber am langen Eck lauerte Christian Hohe, der das Runde mit dem Knie zum 0:1 in die Maschen bugsierte (26). Kurz danach eine Ausgleichchance für den HSV. Maximilian Vetter flankte, Daniel Friedrich köpfte haaresbreit über die Latte (30.). Ein Alarm im benachbarten Feuerwehrhaus lenkte kurz ab, HSV-Ersatzspieler Christian Ruder folgte der Sirene zum Einsatz. In der 40. Minute baute Tobias Friedrich die Führung nach Zuspiel von Tobias Leikam aus. Der TSV-Kapitän, der am Vortag geheiratet hatte, wollte unbedingt spielen und dankte es seiner Mannschaft mit dem 2:0. Mit diesem Ergebnis ging es in die Halbzeitpause.

HSV wie verwandelt

Die Hippos kehrten engagiert zurück und Daniel Friedrich verlängerte Robert Fritzsches Flanke mit dem Hinterkopf knapp neben den Pfosten (49). Karnoll und Friedrich vergaben das 3:0 aussichtsreich (52.). Gegenüber dann Glück für den TSV, denn Markus Beck und Robert Fritzsche im Nachschuss per Fallrückzieher scheiterten. In diese Aufbäumphase machte Gräfenberg den Sack vermeintlich zu, Schiller hob den Ball aus kurzer Distanz zum 0:3 ins Netz (62.). Ein weiter Ball von Robert Fritzsche in den TSV-Strafraum brachte den Anschlusstreffer, Rubner überwand per Kopf seinen Keeper Dörres zum 1:3 ins eigene Netz nach einem Missverständnis (78.).

Plötzlich rochen die Hippos wieder Morgenluft, nur wenig später entschied der jederzeit sichere Referee Maisel auf Handelfmeter, nachdem eine Beißer-Flanke Rubner an die Hand sprang. Daniel Friedrich schob sicher zum 2:3 ein (85.). Der TSV, der sich wenige Minuten zuvor bereits am Ziel wähnte, wankte, dem Gästeanhang stockte der Atem, als ein Schuss von Hofmann knapp vorbei ging. Und dann passierte es doch: Ausgerechnet Ex-Kapitän Daniel Friedrich nahm ein hohes Zuspiel von Robert Fritzsche hinter dem Rücken der TSV-Abwehr an und ließ Dörres keine Chance (89.). Die Ampelkarte, die sich der Torschütze kurz danach einhandelte, ist lediglich Statistik. Nach einem 0:3-Rückstand drehten die Hippos binnen elf Minuten das Derby und zerstörten zunächst den direkten Titelgewinn des Lokalrivalen.

Erst ein erlösender Anruf mit dem Ergebnis aus Herpersdorf beendete die Standpauke von Trainer Norman Matschke nach dem Abpfiff - und plötzlich verwandelten sich die dunklen Gewitterwolken in gelbschwarze Rauschschwaden des Jubels, gezündet vom TSV-Anhang.

Die Meinung der Trainer

Fast entschuldigend gab Norman Matschke danach in der Jubeltraube zu Bedenken, dass er sein Team für die Jahresleistung beglückwünsche, aber direkt nach Abpfiff angefressen war: "Wir haben das Spiel sicher im Griff, führen mit 3:0 und geben es in den letzten Minuten aus der Hand. Da muss man den Arsch in der Hose beweisen und dagegen halten. Andere haben uns glücklicherweise die Meisterschaft doch noch beschert, wenngleich diese unter dem Strich sicher mehr als verdient ist. Für Stefan und mich ist es ein schöner Abschluss zum Abschied. Gefreut haben wir uns auch, dass Karlheinz Peschta da war und sich der Kreis nun schließt."

Robert Fritzsche nahm den Titelgewinn des Lokalrivalen auf eigenem Platz gelassen und war mit dem Ausgang des Derbys hochzufrieden: "Man hat gesehen, was alles möglich ist, wenn man an sich glaubt und bereit ist, dafür zu kämpfen. Am Anfang kamen wir gar nicht ins Spiel und haben uns auch zu wenig gewehrt. Als das 0:3 fällt ist es eigentlich vorbei, aber ein paar hohe Bälle nach vorne haben Gräfenberg aus dem Konzept und uns zurück ins Spiel gebracht. Es gibt sicherlich Schöneres, als wenn der Derbynachbar auf unserem Rasen aufsteigt, aber meine Gratulation gilt dem TSV, sie haben eine klasse Runde gespielt und es sich verdient."

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren