Großenseebach
Querläufer (132)

Der gläserne Querläufer

Wer bei Läufen in der Region startet, erlebt einiges - auch abseits der Strecke. Jochen Brosig vom FSV Großenseebach erzählt davon in seiner FT-Kolumne. Diesmal: Wenn die ständige Überwachung bunte Blüten treibt.
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Querläufer Jochen Brosig  Foto: privat
Querläufer Jochen Brosig Foto: privat
Neulich beim Discounter piepst es aus meiner Jackentasche. Kreidebleich zucke ich zusammen, mir fallen die veganen Bioäpfel aus der Hand. Es hat mich wieder erwischt. Nein, kein Hexenschuss. Eine WhatsApp-Nachricht der Läuferfrau. Der sonnige Herbsttag ließ mich auf ein lockeres Läufchen durch den bunten Herbstwald hoffen. Doch nichts da. Meine Planungen werden jäh von einer elektronischen Nachricht meiner Gattin durchkreuzt. Mein Einkaufsmarathon sollte mich über den Bio-Supermarkt in Nürnberg, vorbei am Drogeriemarkt und der Reihe nach durch alle Discounterketten des Universums führen. Zur Krönung ereilt mich die Nachricht: "Vergiss unseren Lieblingsmetzger in Dechsendorf nicht."

Fluch oder Segen der neuen Zeit. Früher war alles besser. Den Feierabendherbstwaldlauf kann ich vergessen. Mein Pech, weiß doch die Läuferfrau mittlerweile, dass ich mittels Smartphone und Garmin fast überall auffindbar bin.
Das ist der Super-GAU. Mehrmals täglich bekomme ich Nachrichten wie: "Du kommst gleich an einem Obstladen vorbei. Bringe bitte ein Netz Orangen mit."

Self-Tracking ist der neueste Schrei. Die Sammelwut der NSA hat für einen Aufschrei gesorgt. Doch immer mehr Menschen sammeln ganz freiwillig Daten über sich selbst. Nicht jedoch der Querläufer. Mein Garmin zeigt die gelaufenen Kilometer, die Zeit und die Herzfrequenz an. Das reicht mir. Die Läuferfrau wollte mir kürzlich eine Fitness-App andrehen. Mit der hätte ich Puls, Herzfrequenz, Schrittgeschwindigkeit und GPS immer aktuell. Außerdem Höhenmesser, Unwetterwarnung, aktueller Verkehrsbericht, Schlafüberwachung, Körperfett und Hirnströme (Läuferfrau: "Falls du welche hast") wären zu jeder Zeit griffbereit.

Mich körperlich, geistig, psychisch und gesundheitlich zu vermessen, wäre dadurch kein Problem. Das meint jedenfalls die Läuferfrau: "Und außerdem wärst du jederzeit für mich ortbar." Ein Fitness-Armband könnte sie sich übrigens auch vorstellen. Auch das noch. Sie könnte mich zu Hause im Internet parallel coachen oder verfolgen. Mein Fitnesslevel wäre für sie ein offenes Buch. Dass ich am Tag nur 500 Schritte mache, anstatt der vorgegebenen 10 000. Mein Kilometerschnitt beim letzten Trainingslauf. Dass meine Achillessehne ziept und mein Knie schmerzt. Dass ich den Aufzug anstatt die Treppe genommen habe. Ob die Körperfette noch passen oder der BMI im grünen Bereich liegt.

Sie könnte regulierend eingreifen, wenn ich am Wegrand an einer Imbissbude zur Leberwurstsemmel oder zum Döner greife. Allein bei der Vorstellung daran will ich auf der Stelle meinen Garmin verkaufen und mit dem Erlös eine stinknormale Stoppuhr kaufen. Damit hat sich auch mein Garmin-connect-Konto erledigt. Gleichzeitig löse ich meinen Facebook-Account auf und lösche WhatsApp. Die Fotos auf Instagram und Google+ wandern in den Papierkorb. Dann darf ich nicht vergessen, den Chip aus meinen Schuhen zu entfernen, der jeden meiner Läufe verfolgt. Das Smartphone tausche ich gegen ein Seniorenhandy.

Die Sonne scheint noch, als ich zu Hause ankomme. Ich pfeife auf die Apple cloud. Noch 30 Minuten bis Sonnenuntergang. Gleich springe ich in die Laufklamotten, schnappe mir die Stoppuhr - und ab geht es in den Wald. Die Vögel zwitschern. Die Blätter rascheln. Ein Specht klopft wild an einem Baum. Der Querläufer saust durch den Blätterwald. "Wo warst du?", fragt die Läuferfrau, als ich nach Hause komme.
Ja, das bleibt mein Geheimnis. Ohne Fitness-Watch, ohne Tracking und Ortung. Kein Problem für mich. Auch ohne GPS werde ich das nächste Mal den Weg problemlos finden.

Run happy and smile!
Euer Querläufer

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